16. Wessen heiliges Land?

16. Wessen heiliges Land?

Vor einigen Tagen brachen Unruhen auf dem Tempelberg aus, auf dem jetzt der Felsendom und die al-Aqsa-Moschee stehen und jeden Freitag mehrere zehntausend Muslime sich zum gemeinsamen Gebet und zum Anhören aufheizender Predigten versammeln.
Direkt unterhalb des Tempelberges, an der so genannten Klagemauer oder Westmauer, beten jeden Tag tausende von frommen Juden. Sowohl oben auf dem Tempelbergplateau als auch unten an der Umfassungsmauer sind täglich Massen von Touristen aus aller Welt zu sehen.
Nicht weit davon entfernt befindet sich die Grabeskirche. Auch hier finden sich täglich ungezählte Pilger und Touristen aus aller Herren Länder ein.

Das heilige Land — einer der Siedepunkte auf unserem Planeten. Von vielen wird es verklärt — von Muslimen, Juden und Christen in gleicher Weise. Die Muslime halten den Felsendom für den drittheiligsten Ort ihrer Religion, weil Muhammads Pferd dort auf seinem mystischen Ritt in den Himmel mit dem Huf aufgesetzt habe. Muhammad war jedoch nie in Jerusalem.
Die Juden knüpfen an die Tradition der Verheißung des Landes an die Erzväter, an die Landnahme unter Josua und nicht zuletzt an die Eroberung Jerusalems durch David. Sie denken an den Tempel, den Salomo gebaut hatte und der von den Babyloniern zerstört wurde, an den zweiten, wieder aufgebauten Tempel, den die Römer 70 n.Chr. verbrannten. Allerdings sind es nur religiöse Splittergruppen, die den Wiederaufbau des Tempels wollen und planen.
Die orthodoxen Christen pilgern zum Heiligen Grab als Zentrum ihrer Andacht. Die westlichen Christen, die mit der orientalischen Fülle der Grabeskirche nicht so gut zurechtkommen, bevorzugen zumeist die Orte des Lebens Jesu und das sogenannte Gartengrab, obwohl es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das Grab von Jesus ist.
Manche Christen kaufen für gute Dollar Flaschen mit Jordanwasser, um damit zu Hause in den USA ihre Kinder taufen zu lassen. Leichter und billiger wäre es, wenn sie einfach den Wasserhahn in ihrem Hotel aufdrehen und das Wasser von dort mitnehmen würden, denn alles Wasser, das in Israel durch die Wasserleitungen rauscht, stammt aus dem Jordan.

Religiöser Eifer im heiligen Land. Problematisch wird es, wenn sich Ansprüche auf Besitz und Macht mit hineinmischen. Nicht erst die Kreuzfahrer haben gedacht, Gott einen Dienst zu tun, wenn sie das Heilige Land erobern. Die Muslime, die im siebten Jahrhundert aus der arabischen Halbinsel ins Land eindrangen, sind mit dem Schlachtruf „Gott ist größer“ über die einheimische, vorrangig christliche Bevölkerung Palästinas hergefallen.
Im Islam wird grundsätzlich die Größe Gottes dadurch verdeutlicht, dass Muslime die weltliche Herrschaft in einem bestimmten Bereich haben — Juden und Christen werden meist toleriert, aber doch nur als Bürger mit eingeschränkten Rechten. Kein Wunder, dass die Errichtung eines jüdischen, also fremdreligiösen Staates auf lange Zeit islamisch beherrschtem Gebiet eine unerträgliche Wunde für das Selbstbewusstsein und Gottesbewusstsein eines ernsten Muslimen sein muss.
Aber auch auf jüdischer Seite ist eine Vermischung von Glaube und Macht zu bemerken. Der Zionismus, dessen Ziel am Anfang nicht religiös war, sondern einfach darin bestand, eine sichere und eigenständige Heimstätte für die über Jahrhunderte benachteiligten und zum Teil verfolgten Juden im Land ihrer Vorväter zu schaffen, ist mehr und mehr zu einer religiös-politischen Bewegung geworden. Die Begründung lautet etwa so: Weil das Land unseren Vorfahren verheißen ist, haben wir das Recht und die religiöse Verpflichtung, zurückzukehren. Manche, aber längst nicht alle jüdischen Richtungen verbinden das mit dem Kommen des Messias.
In der religiösen Sicht des Landes, dass keine Handbreit „heiligen Landes“ an die arabische Bevölkerung zurückgegeben werden darf, werden jüdisch-zionistische Gruppen von manchen Christen unterstützt. Sie beten darum und spenden dafür, dass möglichst viele Juden nach Israel einwandern. Ihre Hoffnung ist anscheinend, dass dann der Messias schneller kommen kann.

Allerdings habe ich Probleme, eine Begründung dafür in der Bibel zu finden. Nirgendwo im Neuen Testament werden Christen aufgefordert dafür zu sorgen, dass Juden ins Heilige Land ziehen. Stattdessen ist das Gebot Jesu an uns, das Evangelium allen Völkern — Juden und Nichtjuden in gleicher Weise — zu bringen: „Gehet hin in alle Welt und macht zu Jüngern alle Völker“. — „Dieses Evangelium vom Reich wird verkündet werden allen Völkern und dann wird das Ende kommen.“ Von der Rückkehr aller Juden ins Land Israel als Vorbedingung für die Wiederkunft Jesu lesen wir im Neuen Testament nichts.
Und ist die besondere Bedeutung Jerusalems als heiliger Ort noch von Bedeutung, wenn Jesus sagt: „Es wird die Zeit kommen, da ihr weder auf diesem Berg noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet … Es kommt die Zeit und ist schon jetzt, wo die wahren Anbeter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit“ (Joh. 4, 21 und 23).
Ist die Unterscheidung zwischen Juden und Nicht-Juden noch von Bedeutung, wenn doch Jesus am Kreuz den Zaun der Feindschaft niedergerissen hat und durch sich selbst einen neuen Menschen geschaffen und Frieden gestiftet hat (vgl. Eph. 2, 11-22)?
Und ist der Aufbau eines Tempels überhaupt sinnvoll, wenn Jesus ein für alle Mal ein vollkommenes Opfer durch den Tempel seines Leibes gebracht hat (Hebr. 10, 1-18)?
Und ist der wirkliche Tempel Gottes auf der Welt jetzt nicht die große Zahl aller Menschen, in denen Gottes Heiliger Geist wohnt (1. Kor. 6, 19; Eph. 2, 19-22)?

Wessen heiliges Land? Meine Antwort ist klar: Niemand hat ein Recht auf das, was letztlich einem anderen gehört. Der Landstreifen zwischen Jordan und Mittelmeer, zwischen dem Roten Meer und dem Hermongebirge gehört niemandem außer Gott selbst — wie jedes Stück der Erde. Er gibt und nimmt, wie er will. Das sehen wir schon im Alten Testament. Er gab dem Volk Israel das Land und nahm es ihm wieder, je nachdem, ob sie Recht und Gerechtigkeit verwirklichten oder nicht, ob sie Gott ehrten und ihm gehorchten oder nicht.
Deshalb sollten wir uns als Christen nicht um Geografie Gedanken machen. Unsere Sache ist es, Jesus nachzufolgen, der nicht zurückschlug, als er geschlagen wurde, der nicht um Recht und Macht kämpfte, sondern sein Leben hingab für alle. Und wir sollten den Auftrag von Jesus ernst nehmen, allen die beste aller Nachrichten nahe zu bringen. Bei Gott sind alle willkommen — im irdischen und im himmlischen Jerusalem.
Deshalb sind für mich <I>die<D> Juden und <I>die<D> Araber, die Jesus lieb haben, die wirklichen Hoffnungsträger im Heiligen Land. Es gibt sie, in den messianischen und in den christlich-arabischen Gemeinden. Das sind die echten Hoffnungszeichen, wo Juden und Palästinenser zusammenkommen, ihre Grenzen überwinden lernen und gemeinsam Jesus feiern.
Wessen Heiliges Land? Denkt mal darüber nach.

Herzlich Euer
Roland Werner

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