15. Lust und Frust im Raum der Hoffnung

15. Lust und Frust im Raum der Hoffnung

„Entschuldigung, ist das hier der Raum der Stille?“ Ich weiß nicht, wie oft mir diese Frage gestellt wurde. Nein, still ist es hier meistens nicht. Jeden Tag gehen zwischen 6.000 und 7000 Besucher durch den Wal, das Wahrzeichen am Südende der EXPO. Weil architektonisch alles offen ist, dringen die Geräusche der Ausstellungsebene auch voll zu uns herein.
„Nein, dies ist der Raum der Hoffnung!“ Der Raum der Hoffnung, mein Arbeitsbereich für die fünf EXPO-Monate. 153 Tage lang ständig neue Menschen mit ihrem Interesse oder Desinteresse, ihrer Freude und ihrer Müdigkeit nach einem langen EXPO-Tag.
Hier sitze ich also wie Jona im Bauch des Wals. Genauer gesagt: Im Herzen des Wals. Denn das ist er, der „Raum der Hoffnung“. Mehr als die Hälfte unserer Besucher wandert durch das Kino, und schaut sich den Film an: „The Choice“ — die Entscheidung. Danach geht es eine Rolltreppe hoch in die obere Ebene des Wals — und jetzt steht der Besucher wirklich vor einer Entscheidung: Tritt er in den „Raum der Hoffnung“ ein, der direkt vor ihm liegt — oder dreht er nach links oder rechts ab, um den Rest der Ausstellung anzuschauen oder vielleicht auch einfach nur schnell die Toiletten oder den Ausgang zu suchen?
Hier ist also mein Arbeitsfeld. Zusammen mit wöchentlich wechselnden Teams, zusammen mit Gottfried Müller, der mit mir den Raum der Hoffnung leitet, zusammen mit Mitarbeitern aus den verschiedensten Ländern.
Die Halbzeit ist lang vorbei, es ist an der Zeit, ein Fazit zu ziehen. Also: Lust und Frust im Raum der Hoffnung.

Zuerst einmal möchte ich etwas über die Mitarbeiter sagen. Sie waren und sind super. Im Lauf der Monate hatten wir allein bei uns im Room of Hope Mitarbeiter aus Kanada, England, den USA, Indien, Sri Lanka, Jamaika, Belgien, der Schweiz sowie aus allen Teilen Deutschlands und aus allen möglichen Gemeinden, Kirchen und missionarischen Werken. Die Gemeinschaft der Mitarbeiter war einfach umwerfend. Im Pavillon als ganzes waren es über 1400 Mitarbeiter aus über 30 Ländern. Zusammen mit den Musikern, Projektmitarbeitern kommen wir wohl auf mehr als 5000 unterschiedliche Leute, die beim Pavillon der Hoffnung mitgearbeitet haben. Das ist in sich schon eine hervorragende Sache und fördert die Verbindung von engagierten Christen untereinander. Also: Das größte Highlight waren und sind für mich die Mitarbeiter.

Auf die „Lust-Seite“ gehören auch unsere Begegnungen mit den Besuchern. Im Durchschnitt kommen nach jeder Filmvorführung 30 Leute in den Raum der Hoffnung. Es können auch mal nur fünf oder zehn sein, oft sind es aber auch fünfzig oder mehr. Täglich also bei 20 bis 22 Vorführungen also gut 600 Leute, die unserer Kurzmoderation zuhören, in der wir den Film erklären und einladen, das „Gebet der Hoffnung“ mitzulesen oder mitzubeten. Das macht über die ganze EXPO-Zeit vorsichtig geschätzt etwa 90.000 Leute, die sich die Zeit genommen haben, die Geschichte hinter dem Film erklärt zu bekommen.
Und die hat es in sich. Es ist die unvergleichliche Bespielgeschichte, die Jesus erzählt hat. Die Geschichte vom wiedergefundenen Sohn, die Geschichte von der uneingeschränkten Freude des Vaters, die Geschichte über die Bitterkeit und Aggression des älteren Bruders, oder einfach, wie die meisten sie kennen: die Geschichte vom verlorenen Sohn. Biblischer Elementarunterricht, der erstaunlich gut ankommt. Und das „Gebet der Hoffnung“, das wir jedes Mal vorlesen, lässt an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
Es ist für mich eine großartige Sache, dass die Leute sitzen bleiben, die
Erklärung anhören, und das Gebet auf sich wirken lassen und vielleicht sogar mitbeten. Irre ist auch, wie viel Literatur mitgenommen wird. Die englisch-deutschen Neuen Testamente, die bei uns ausliegen, gehen in großen Mengen raus. Also: Besucher laufen zu achtzig Prozent auf das Konto „Lust“.

Jetzt aber zum Frust. Frustpunkt eins: Die Nörgler und Besserwisser. Achtzig bis neunzig Prozent der Filmbesucher lassen ihn auf sich wirken und nehmen positiv etwas mit. Manche aber kommen höchst erzürnt aus dem Film. Darunter viele Christen.
Ihnen ist der Film zu laut und heftig (kommt öfters vor, besonders bei älteren Besuchern). Oder sie finden ihn zu missionarisch und überdeutlich. Oder sie finden ihn nicht deutlich und missionarisch genug. Besonders kritisch sind Theologen und Pfarrer — aber nicht alle. Die Religionslehrer auf der anderen Seite sind zumeist begeistert und wollen ein Video vom Film für ihren Unterricht. Bischöfe sind meist positiv, Leute im mittleren Kirchenmanagement eher negativ.
Besonders frustig ist es, wenn ich — wie vor einigen Tagen geschehen — regelrecht angeschrieen werde. Und zwar im Namen der Toleranz. Das ist sowieso eine erhellende Erfahrung, dass die, die das Wort Toleranz auf ihre Banner geschrieben haben, häufig die Intolerantesten sind.
Frustpunkt zwei sind die Christen, die sich zu meinen Freunden zählen. Ja, wirklich. Ich will das erklären: Wir stehen also oben im Raum der Hoffnung und hoffen, dass die Besucher, die aus dem Film auf der Rolltreppe in die obere Ebene kommen, direkt geradeaus durch das große Eingangsportal in den Raum der Hoffnung kommen. Mit dem Kopfmikro laden wir sie ein. Auf einmal sehe ich bekannte Gesichter. Ich freue mich — lade sie ein. Jetzt kommt das Erstaunliche: Während „normale“ Besucher gern hereinkommen, sind es gerade diese Freunde von mir (Namen will ich nicht nennen, aber sicher würden viele Leser sie kennen), die nicht hereinkommen.
Statt dessen winken sie etwa eine Minute freundlich von außen, blockieren so den Eingang für zwanzig bis dreissig andere, die in der Zwischenzeit die Rolltreppe heraufkommen, und gehen schließlich weg, obwohl ich sie inständig bitte, hereinzukommen. Ihre Mission ist anscheinend erfüllt: anderen den Weg zu versperren. Manchmal treffe ich sie einige Minuten später, nachdem die Präsentation vorbei ist: „Warum seid ihr nicht hereingekommen?“ Die Antworten sind interessant: „Ich kenne das schon alles!“ Wirklich? Woher weißt du eigentlich vorher, was ich sagen werde? „Das ist nichts für mich, ich wollte anderen den Vortritt lassen!“ Woher weißt du, dass es nichts für dich ist?
Na ja, ich habe mich inzwischen daran gewöhnt. Je besser ich jemanden kenne, um so sicherer kann ich sein, dass er nicht auf meine Einladung reagieren wird. Ein für mich kaum verständliches Phänomen. Ist es die Scheu davor, von mir noch einmal bekehrt zu werden? Ist es die Scheu, sich eindeutig zur christlichen Sache zu stellen? Ist es die Borniertheit, die denkt, man wüsste sowieso schon alles? Ist es Angst, ich würde beißen? Ist es die Demut, die einredet, man wäre nicht so wichtig? Fragen über Fragen, die mich in der Nacht umtreiben.

Frust und Lust im Raum der Hoffnung. Am ermutigendsten ist es, wenn junge Leute, die keine Ahnung von Gott, Kirche, Gemeinde oder dran haben, sitzen bleiben, mit uns über ihre Fragen und Hoffnungen sprechen und dann sagen, dass sie weiter über Gott und Jesus nachdenken wollen. Und Highlights sind es immer wieder, wenn einer sagt: „Ich bin so ein verlorener Sohn wie der im Film. Aber ich will jetzt zu Gott zurückkehren.“ Das ist inzwischen nicht nur einmal passiert. Und dafür lohnt sich Lust und Frust im Raum der Hoffnung.

Herzlich Euer
Roland Werner

P.S. Ich vergebe hiermit großzügig allen, die mich gefrustet haben und bitte auch, mir ebenso großzügig zu vergeben, dass ich euch in dieser Kolumne verwurstet habe …

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