14. Kings and Queens will shake

14. Kings and Queens will shake

Jesus-Tag in Berlin. 20 Mai. Ein großes Ereignis. Über 50.000 Christen waren dabei — aus allen möglichen Kirchen, Konfessionen und Ländern. Ich hatte bewusst keine besondere Aufgabe beim Jesus-Tag übernommen. Aber einige Wochen vorher kam eine Anfrage an mich und das Christustreff-Team. Es hatte sich die Möglichkeit ergeben, am Abend des Jesus-Tages ein Gebetskonzert im Berliner Dom durchzuführen. Also fuhren wir zum Lokaltermin …

Berliner Dom — dem Namen nach kannte ich ihn. Ich wusste auch, wo er steht — nämlich direkt gegenüber der Volkskammer, dem ehemaligen Parlamentsgebäude der DDR,???Palast der Republik??? und dem Berliner Stadtschloss, also mitten im Zentrum. Lange Jahre war der Dom geschlossen — erst wegen Baufälligkeit, dann wegen aufwändiger Renovierungsarbeiten. Jetzt ist er wieder auferstanden aus Ruinen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Als wir drinnen standen, waren wir ganz überwältigt von so viel Gold und Schönheit. Preußens Glanz und Glorie umgaben uns. Eine Freundin aus dem Hochadel hatte mich schon vorgewarnt. Aber es war gewaltiger, als ich es mir vorgestellt hatte. Hier lagen sie also begraben, preußische Königinnen und Könige und Mitglieder der kaiserlichen Familie. Deutsche Geschichte pur — mitten in der alten und neuen Hauptstadt, in Stein gehauen und vergoldet.
Guido hatte schon im Vorfeld gewitzelt und vorgeschlagen, das Lied zu singen: „Is it true today, that when people pray, kings and queens will shake …?“ Es wäre schon nett gewesen mitzuerleben, wie einer der Könige aufsteht und während des Gebetskonzertes hereinkommt und sagt:
„Hallo, ich bin Friedrich Wilhelm, kann ich mitmachen?“
Denn Christen sind einige von ihnen ja gewesen.

Es war dann ein toller Abend. Die Befürchtung, dass nach dem langen Jesus-Tag keiner mehr kommen würde, erwies sich als unbegründet. Der Dom war gerammelt voll, über 1.700 Leute, bis die Ordner die Türen schlossen.
Unsere Tanzgruppe „Imago Dei“ gab ihr Bestes — und das ist ziemlich gut! — auf der extra aufgebauten Bühne. Guido und Band nahmen uns mit in himmlischen Lobpreis. In der so genannten Tauf- und Traukapelle direkt neben dem Hauptsaal war ein Gebetsteam, bestehend aus Berlinern und Marburgern, ständig damit beschäftigt für Leute zu beten und sie zu segnen. Es war ein großartiger Abend, der nach Wiederholung ruft. Ein besonderer Dank geht an die Berliner Organisatoren, die mit großem Einsatz und viel Gebet den Abend vorbereitet hatten. Ob die Kings und Queens wirklich gewackelt haben, bleibt abzuwarten.

Aber warum erzähl ich das eigentlich? Erstens: So ist das halt bei „Meet my world“ — ich erzähle, was ich so erlebe. Egal wo oder wann. Vielleicht sollte man die Kolumne in „Rolands Nähkästchen“ umbenennen. Dann ginge es sicher noch mehr zur Sache.
Zweitens: Kings und Queens scheinen wieder in zu sein. Spätestens nach dem hundertsten Geburtstag der Queen Mum ist die Trauer ausgebrochen, dass wir so etwas nicht zu bieten haben.
Drittens: Ich finde es gut, dass wir als Christen an historischen Orten zusammenkommen um für unser Land und unsere Generation zu beten. Geschichtliches Bewusstsein ist eine große Hilfe gegen Selbstüberschätzung und Verrennen in Sackgassen. Ein bisschen mehr Bildung wäre für die meisten von uns nicht falsch.
Viertens: Ich finde es einfach gut, wenn Königinnen und Könige anfangen zu wackeln und zu zittern. Denn schließlich gibt es nur einen echten König, der unbeweglich bleiben wird. Nur: Wer sind denn heute die Königinnen und Könige?

Auch auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen: Ich bin überzeugt, dass die meisten Menschen im Westen heutzutage komfortabler leben und größere persönliche Freiheit haben als die Könige und Fürsten vor hundert oder zweihundert Jahren.
Wir in der westlichen Welt sind die Oberschicht des 21. Jahrhunderts. Während in anderen Ländern Millionen am Existenzminimum leben, können wir uns Sachen erlauben, von denen sie nur träumen können. Sicher gibt es auch das andere bei uns: Altersarmut, Kinderarmut, Armut von Familien und Einzelnen. Doch den meisten von uns geht es gut. Und wir haben -– wie die Könige früher — viel damit zu tun, unsere Fassaden zu vergolden und unser Leben sturmfest zu machen. Wir bauen und bauen, sichern, befestigen, sorgen vor, planen und programmieren. Unser Leben, unsere Altersversorgung, unsere Karriere, unser Eigenheim, unsere Kinderzahl und die Daten ihrer Geburt. Alles muss sicher und fest sein, versichert und verfestigt. Nicht viel mit shake.

Viele Christen, die ich kenne, könnten das mal gut gebrauchen — durchgeschüttelt zu werden. Jesus hat ja gleich eine kleine Serie von Stachelgeschichten erzählt, wo es um das Durchschütteln geht. Erinnerst du dich? Die Titel im Lutherdeutsch klingen harmlos, aber der Inhalt ist hammermäßig: der reiche Kornbauer, der plötzlich sterben muss. Das Ackerfeld, das so verhärtet ist, dass die Vögel kommen und die Samenkörner wegfressen. Das Haus, das auf Sand gebaut ist und plötzlich weggeschwemmt wird. Und der Sohn, der abhaut und bei den Schweinen landet.
Is it true today, that when people pray, kings and queens will shake …?
Ich weiß es nicht so genau. Gut wäre es schon. Oder nicht?

Herzlich
Roland Werner

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