12. Alte Bilder

12. Alte Bilder

Vor ein paar Tagen sind sie mir in die Hände gefallen. Alte Fotos. Irre, was da für Erinnerungen hochkommen. Zum Beispiel das Bild von meinem fünfzehnten Geburtstag. Es zeigt mich in ausgewaschenen Jeans, schwarzem Polohemd und kastanienfarbiger Strickjacke. Damals todschick. Hinter mir die Alpen, in der Hand ein kaltes Schnitzel. Wir fuhren nach Italien und machten irgendwo vor dem St. Gotthard Rast. Mein Vater wollte ein Familienfoto machen, ich hatte keine Lust und wollte auf keinen Fall mit aufs Bild. So gab es ein Familienfoto ohne mich — und mich noch mal extra. Schließlich war es mein Geburtstag.

Oder ein Schnappschuss mit einigen Jungs aus unserem Jugendkreis. Ich war wohl siebzehn. Lange, wallende Haare, braune Cordhose, Sandalen und ein selbstgeschnitztes Holzkreuz um den Hals. Die anderen sahen ähnlich aus. Zwei klapprige Gitarren sind auch noch zu sehen. Seltsam: Von den fünfen auf dem Bild leben zwei nicht mehr. Beide sind bei Verkehrsunfällen umgekommen. Ein anderes Foto zeigt Elke und mich vor dem Standesamt. Den schlanken jungen Mann habe ich erst beim mehrfachen Hinsehen als mich selbst erkannt.

Dann ein Bild von mir in Nordafrika. Wir wohnten bei einer Krankenschwester am Rande der Wüste. Fließendes Wasser gab es nicht. Statt dessen wurde Wasser mühsam tröpfchenweise aufgefangen und in einer großen Tonne gesammelt. Daraus holte ich mir Wasser und versuchte, mich mit einer alten Klinge zu rasieren. Da ein ziemlich heißer Wüstenwind wehte, war das Wasser auf der Haut meist getrocknet, bevor ich mit der Klinge an die entsprechende Stelle kam. Dann hieß es einfach trocken schaben.

Alte Bilder von damals. Bilder, die Aufbruch zeigen: in andere Länder, im Leben mit Jesus, in die Ehe, zu Menschen, die Jesus nicht kennen. Die Bilder sind für mich wie ein Spiegel. Erkenne ich mich noch? Gelten die Ziele von damals immer noch? Will ich immer noch so kompromisslos, so unangepasst Jesus nachfolgen? Oder hat sich bei mir inzwischen Mittelmäßigkeit und bürgerliche Selbstzufriedenheit eingestellt? Die Bilder fordern mich heraus: Was ist dein Bild von dir? Wohin willst du dich entwickeln? Was ist letztendlich gültig für dich? Welches Bild soll dein Lebensziel symbolisieren? Und auch auf einer anderen Ebene muss ich mich mit den Fotos von damals auseinandersetzen.
Wenn ich mich so sehr verändert habe, was bleibt dann eigentlich? Wer bin ich in den wechselnden Zeiten und Lebensumständen?
Gibt es etwas Unveränderliches oder zerfließt alles am Ende doch — die Ziele, die Ideale, die Identität?

Dietrich Bonhoeffer wurde während seiner Gefangenschaft durch die Nazis im Gefängnis Berlin-Tegel von diesen Fragen hin- und hergeworfen. Er beschreibt, wie die Gefängnisbeamten ihn erleben: fest, gefasst, überlegen und überlegt, als sei er der Freie und sie die Gefangenen. Und er beschreibt, wie er sich selbst erlebt: verängstigt, verunsichert, unruhig wie ein Vogel im Käfig. Und er fragt: „Wer bin ich? Bin ich dieser oder jener? Oder bin ich beides zugleich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, du kennst mich. Dein bin ich, o Gott.“
Vielleicht ist das wirklich die einzige echte Konstante in unserem Leben, dass wir zu Gott gehören und in Gott geborgen sind. Zumindest ist das ein Satz aus der Bibel, der mich immer wieder neu anspricht, seit ich ihn zum ersten Mal gelesen habe: „Es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, dass wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist“ (1. Johannes 3, 2). Meine alten Bilder von mir selbst werden hier durch ein neues Bild ersetzt: das Bild von Jesus. Ihm werden wir gleich sein. Er ist das unvergängliche Bild, in das wir hineinpassen. Wenn wir ihn anschauen, werden wir in sein Bild hineinverwandelt, so wie sich Liebende immer ähnlicher werden.

Ich bin gespannt, wie ich in zwanzig Jahren die Fotos von heute anschauen werde. Sicher mit einem guten Schuss Nostalgie. Aber hoffentlich auch in großer innerer Gelöstheit. Schließlich werde ich dann der Zielgeraden viel näher sein als jetzt. Keiner ist verantwortlich für das Gesicht, mit dem er geboren ist. Aber ab vierzig ist jeder selbst für sein Gesicht verantwortlich. So oder ähnlich habe ich es jedenfalls mal gehört. Mit anderen Worten: Jetzt ist die Zeit, an meinem Gesicht zu arbeiten. Und nicht nur daran, sondern an meinem ganzen Leben. Denn die Vergangenheit kann ich nicht mehr beeinflussen. Aber in der Gegenwart entscheide ich über meine Zukunft. Das Heute ist der einzige Tag, den ich gestalten kann. Und das will ich tun im Hinblick auf die alten Fotos, aber noch viel mehr im Vorblick auf das Porträt, das mich im Himmel erwartet. Hier und jetzt kann ich mitmalen, wobei der Meistermaler selbst die entscheidende Farbgestaltung und Linienführung in die Hand genommen hat. In diesem Sinne grüßt euch entspannt und

Herzlich
euer Roland Werner

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