11. Die Adler von Singapur

11. Die Adler von Singapur

Im Herbst war ich in Singapur. Ich war eingeladen zu einer kleinen Konferenz und hatte schon einiges über den südostasiatischen Inselstaat gehört: Singapur selbst gehöre zu den saubersten Städten der Welt. Werfe man ein Stück Papier auf den Boden, käme sofort ein Polizist und verpasse einem einen Strafzettel. Wer ein Kaugummi ausspucke, dem winken Bußgelder oder Haftstrafen. Verboten sei auch ein Auto zu fahren, das mehr als zehn Jahre auf dem Buckel hat. Die höchsten Strafen jedoch drohten denen, die im Besitz von Drogen erwischt würden. Was wusste ich noch? Singapur ist klein, aber extrem reich. Modernste Hochhäuser prägen das Stadtbild. Der größere Teil der Bevölkerung besteht aus Chinesen, einen kleineren machen die Malayen aus und der Rest ist eine Mischung aus anderen Orientalen und Europäern.

Unsere Gastgeber waren die Mitglieder einer christlichen Gruppe, die sich Eagles Ministries nennt. Vor fast dreißig Jahren bekehrten sich die Mitglieder einer chinesischen Jugendbande, die die Straßen von Singapur unsicher machten. Die Gang trug den Namen „Eagles“ — Adler. Als sie Christen geworden waren, wurde aus dem halbstarken Schlägertrupp eine Einsatztruppe für Jesus. Die Eagles sind in verschiedenen Bereichen tätig: Sie haben eine Reihe von Beratungsstellen eingerichtet und einige ihrer Leute als Mediatoren, also als Schlichter oder Vermittler bei Konflikten ausgebildet. Sie helfen aktiv den zumeist muslimischen Malayen, die oft ärmer als die chinesische Bevölkerung sind. Am bekanntesten sind die Eagles aber für ihre Konzerte und Musicals, bei denen sie unter Einsatz von hochrangigen Musikern und Technikern den zumeist reichen Geschäftsleuten das Evangelium verkündigen. Dadurch haben viele Reiche zu Christus gefunden haben und nun angefangen, ihren Reichtum zu teilen. Aber Eagles Ministries sind auch in anderen Länden missionarisch und sozial engagiert: in Thailand, Malaysia und in weiteren, eigentlich verschlossenen Ländern Asiens.

Ihr neuestes Projekt liegt in Schanghai, der Boomtown mitten in der Volksrepublik China. Es war für mich eine tiefe Erfahrung, diese Christen in Aktion zu erleben. Fast alle kommen aus buddhistischen Familien. Fast alle haben Opfer dafür bringen müssen, Christen zu werden. Und alle sind nach fast dreißig Jahren immer noch engagiert und leidenschaftlich für Jesus. Mich hat bei den Eagles besonders beeindruckt, dass sie ihr Christsein mitten in der hochtechnologischen, reich gewordenen Stadtkultur leben. So perfekt, so durchgestylt werden in Zukunft viele Städte aussehen, neben den Schattenseiten, die es wohl immer geben wird. Durch die Arbeit von Eagles wurde mir klar, dass das Christentum auch in der Welt der Zukunft eine Chance hat, nicht nur in beschaulichen Dörfern oder Kleinstädten Mitteleuropas und auch nicht nur in den Stammesgebieten von Afrika. Die Adler von Singapur haben mir gezeigt, wie Christen ganzheitlich Botschafter für Jesus sein können unter den Lebensbedingungen der Superstädte der Zukunft.

@ini = Vier Dinge helfen ihnen dabei: Erstens die verbindliche Gemeinschaft, in der alle Entscheidungen und Projekte gemeinsam getragen werden und jeder Einzelne sich so einbringt, wie es seinen Gaben und Möglichkeiten entspricht. Zweitens das konsequente Bibelstudium, das alle Eagles jede Woche in kleinen Gruppen durchführen und bei dem in ihnen eine geistliche, auf die Bibel gegründete Weltsicht entsteht. Drittens ein ganzheitliches missionarisches Engagement, das allen Gemeinden in gleicher Weise dient und das Reiche und Arme, Erfolgreiche und an den Rand Gedrängte zu erreichen sucht. Mission ist für die Eagles eine natürliche Auswirkung ihrer Beziehung zu Christus und untereinander. Und viertens das Streben nach Exzellenz. Was sie tun, tun sie gut und mit Hingabe. Sie erlauben sich nicht, halbe oder halbfertige Sachen zu machen.
Für die Sache Gottes ist ihrer Meinung nach das Beste gerade gut genug.
Wenn sie ein Konzert machen, dann stimmt alles von A bis Z. Wenn sie Gäste einladen, dann kümmern sie sich um sie mit großem Engagement und dem persönlichen Touch. Wenn sie Publikationen herausbringen, sind diese hochwertig in Inhalt und Form.

Die Adler von Singapur fliegen hoch. Schon beim Zuschauen wurde mir schwindlig. Aber sie tun das nicht aus eigener Kraft oder weil sie selbst so gut sein wollen. Sondern sie lassen sich hochheben vom Aufwind Gottes. Deshalb können sie auch schon so lange in der Luft bleiben ohne abzustürzen. Ich würde mir gern ein Stück von ihrer Leidenschaft und Ganzheitlichkeit abschneiden — für mich persönlich und für die Christen in unserem Land. In diesem Sinne grüße ich euch mit Jesaja 40, 31.

Herzlich
euer Roland Werner

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