10. Wo alles begann

10. Wo alles begann

Inzwischen habe ich mir die Stadt erobert. Sie fordert es geradezu heraus, dass sie erobert wird. Damals, als sie noch eine kleine Bergfestung war, bewohnt von ein paar hundert Jebusitern, hatte David sein Auge drauf geworfen. Sie schien so uneinnehmbar, dass die Bewohner ihn von der Stadtmauer hinunter verspotteten: „In unsere Stadt wirst du nie hereinkommen! Selbst unsere Lahmen und Blinden könnten dich in die Flucht schlagen!“ Doch Davids Männer krochen durch den Wasserschacht und nahmen Jerusalem ein. Das war vor 3.000 Jahren.
Jerusalem, die Stadt des Friedens. Der Name war jedoch mehr Wunsch als Wirklichkeit, mehr Traum als Tatsache. Um wenige Städte wurden mehr Kriege geführt als um diese. Und wenige wurden öfter zerstört und immer neu wieder aufgebaut.
Im Sommer war ich wieder da. Als Marburger Christus-Treff haben wir einen Ableger in Jerusalem. Dort, mitten in der Altstadt, zwölf Minuten von der Klagemauer und vier Minuten von der Grabeskirche entfernt, wohnt ein Team, das von uns ausgesandt und unterstützt wird. Für mich ist es jedes Mal ein irres Gefühl, durch die orientalischen Gassen zu laufen, durch die jahrhundertealten Stadttore und an antiken Säulen vorbei, und plötzlich meine Marburger Freunde beim Kaffeetrinken und Falafelessen anzutreffen.

Was mich aber am meisten begeistert: das nachzuempfinden, was Jesus hier erlebt und getan hat. Zusammen mit seinen Freunden hat er dort drüben am Hang des Ölbergs übernachtet. Hier ging er durch das Schafstor zum Teich Bethesda, wo er den Mann heilte, der 38 Jahre gelähmt da lag. Hier feierte er das letzte Festmahl mit seinen Freunden. Hier wurde er von Judas verraten und von Petrus verleugnet. Hier wurde er ausgepeitscht, geschlagen, angespuckt und zum Tod verurteilt. Hier, in unmittelbarer Nähe unseres Hauses, brach er unter der Last des Kreuzbalkens zusammen. Und hier wurde er an das Kreuz gehievt, angenagelt und zu Tode gequält, während die Bürger Jerusalems auf der Stadtmauer, die etwa unter unserem Haus verlief, standen und zusahen. Hier wurde er in das Grab gelegt. Und hier stand er auf von den Toten, weil das Totenreich ihn nicht halten konnte.
Jerusalem ist wirklich die Stadt, wo alles begann. Hier kam der Heilige Geist mit lautem Getöse, mit Feuer und Wind auf die Freunde von Jesus. Hier lebten die ersten Christen in völliger Gemeinschaft und erlebten täglich Wunder, bis die Verfolgung sie auseinander trieb. Hier wurde die Voraussage von Jesus wahr: Die Stadt wurde umzingelt und erobert, der Tempel zerstört und kein Stein auf dem anderen gelassen.

Manchmal wandere ich in der Nacht durch die Gassen der Altstadt. Dann, wenn die unzähligen Souvenirläden geschlossen und die Touristen längst in ihre Hotels und Herbergen zurückgekehrt sind. Wenn der Lärm verebbt ist und nur noch die Katzen im Müll herumwühlen. Wenn nur noch ein paar arabische Jungs und einige gleichaltrige israelische Soldaten unterwegs sind.
Dann denke ich mich durch die acht oder zehn Meter nach unten durch, durch die Schichten von Schutt und zerfallenen Häusern bis auf die Ebene der Stadt vor 2.000 Jahren. Zuerst muss ich durch den Sechs-Tage-Krieg und den Achtundvierziger Krieg, durch die englische Mandatszeit und die Türkenzeit hinabsteigen. Dann gilt es, durch die islamische Periode und die Kreuzfahrerzeit, durch die byzantinische und die römische Zeit durchzustoßen bis zu den Tagen, an denen Jesus als Gast, als Besucher, als Fremdling aus dem galiläischen Norden durch Jerusalem ging. Und ich merke, dass ich nicht anders bin als einer von denen, die mit ihm unterwegs waren, die ihn bewunderten, die ohne ihn nicht mehr leben wollten und mit ihm noch nicht leben konnten.
Und dann entdecke ich mich selbst im Angesicht des weinenden Petrus, der soeben seinen Meister verraten hat. Ich erkenne mich in der Flucht des Johannes Markus, der Angst hat, mit Jesus gefangen genommen zu werden. Und ich merke, dass Jesus genauso für mich betet, wie er für seine Freunde gebetet hat.

Jerusalem. Die Stadt, in der alles begann. Sie ist für mich zu einem Spiegel geworden. Aber nicht die Stadt allein. Weil die Bibel dort ganz neu greifbar, verstehbar, nachvollziehbar, erlebbar, ja dingfest wird, deshalb kann ich dort mehr verstehen — von mir selbst und von Jesus.
Jerusalem ist wahrlich keine heilige Stadt. Sie ist schmutziger als Duisburg, angespannter als Frankfurt, lärmiger als Berlin. Aber gerade deshalb ist dort Jesus mittendrin zu entdecken. Genau wie bei dir in Castrop-Rauxel oder Villingen-Schwenningen oder Dresden-Neustadt oder Hamburg-Harbeck. In diesem Sinne: Viel Power und Vision für neue Eroberungen mit Jesus im neuen Jahrzehnt wünscht dir, lieber Leser

Herzlich
dein Roland Werner

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