1. People of Power – Begegnungen in Nairobi

1. People of Power – Begegnungen in Nairobi

Mit einem lauten Knall setzte die Maschine auf der Landebahn auf. Wir waren schon 18 Stunden unterwegs. Morgens früh von Marburg nach Frankfurt. Dort einige Stunden warten, weil in Brüssel schlechte Wetterbedingungen waren und wir dort nicht landen konnten. Dann doch noch nach Brüssel. Es war schon zwei Stunden über der Zeit, zu der unser Flugzeug von dort nach Nairobi fliegen sollte. In Brüssel hieß es deshalb: Durch den Flughafen rennen. Die Anzeigen waren so chaotisch, daß wir nur durch Zufall – oder durch Gebet – am richtigen Terminal auskamen und gerade noch das Flugzeug erreichten. Dann, nach 6 Stunden Flugzeit, Zwischenstop in Entebbe, Uganda, und schließlich, spät abends, Landung in Nairobi. Es hatte doch noch geklappt!
Der Flughafen von Nairobi war mir in guter Erinnerunge. Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal – nach durchwachter Nacht – ankam, tönte ermutigende Gospelmusik aus den Lautsprechern des Flughafengebäudes. “Fill my cup, Lord!” sang eine amerikanische Sängerin. Das hatte ich nicht vergessen. Diesmal war es afrikanische Musik, aber ebenso lebendig. Also: Nairobi zum zweiten. Ach ja, das Datum dieser Reise: Anfang August 1999.
Jetzt will ich Euch nicht mit den Einzelheiten unseres Aufenthaltes langweilen, oder warum wir da waren und wie das ganze bezahlt wurde. Statt dessen will ich Euch drei Begegnungen mit Menschen erzählen, Menschen, wie man sie in Nairobi eben so trifft.

Begegnung Nummer Eins: Unser Taxifahrer. Sein Name: Peter Kamao. Sein Beruf: Eigentlich Pastor und Evangelist, aber weil seine Gemeinde nicht genug Geld hat, ihn zu bezahlen, eben Taxifahrer. Er war immer fröhlich und voll von ungebremstem Enthusiasmus! “My car is my sanctuary! – Mein Auto ist mein Gotteshaus!” So verkündete er uns stolz. Im Auftrag des Herrn unterwegs – so könnte man seine Lebenseinstellung beschreiben. In seinem Auto weinten sich die Leute aus, erzählten, was sie bewegte, und Brother Peter gab ihnen Rat und betete mit ihnen. Manche waren schon in seinem Taxi Christen geworden. Sein Aufkleber kündete von seinem Selbstbewußtsein: “The Redeemed of the Lord is here!” “Der Erlöste des Herrn ist hier!” Diese Aufkleber stammten aus Nigeria, versicherte er mir, und paßten sehr gut zu ihm, denn seine Gemeinde nannte sich “Christian Church of the Redeemed”. Ganz besonders mochte er Elke, weil sie seiner Meinung nach wie die leibliche Schwester von Reinhard Bonnke aussieht. “Is your second name Bonnke?”, so fragte er mehrere Male. Für uns war es eine Ehre, mit dem im südlichen Afrika wohl bekanntesten Deutschen in Verbindung gebracht zu werden. Während wir in Nairobi waren, evangelisierte er gerade in Nakuru, einer Nachbarstadt. Als Deutsche hatten wir also gute Karten bei Peter K. und wurden gleich für unseren eventuellen nächsten Besuch zum Predigen und Evangelisieren eingeladen. Übrigens nicht nur ich, sondern ganz bewußt und besonders auch Elke. Aus besagten Gründen.
Eins beschäftigte unseren Bruder sehr, wie übrigens jeden Kenianer, den wir trafen. Vor genau einem Jahr war das Bombenattentat auf die amerikanische Botschaft in Nairobi, die mitten im Stadtzentrum steht. Mehrere Hundert Kenianer wurden zum Opfer dieser Bombe, die islamistische Fanatiker geworfen hatten. Viele andere waren verletzt worden, hatten Arme, Beine oder das Augenlicht verloren. Die ganze Nation war noch von diesem furchtbaren Ereigniss traumatisiert. In allen Zeitungen erschienen die Fotos derer, die vor einem Jahr gestorben waren. Für die überlebenden Opfer wurde ein Benefizkonzert im Stadtzentrum durchgeführt. Brother Peter drückte aus, was viele Kenianer empfanden: “Keiner hat das Recht, einen anderen zu töten! Nur Jesus kann die Wunden der Nation heilen!” Und so betete er mit tausenden anderen in Nairobi um eine Erweckung in Kenia. Und er versprach uns, für Deutschland zu beten, wo die Kirchen leer sind. Ganz anders als in Kenia.

Begegnung Nummer 2. Sie hatten uns eingeladen. Bill und Lois Anderson. Zwei untypische Amerikaner, die ihr Leben in Afrika verbracht haben. Beide Ende sechzig, Anfang siebzig. Ganz genau weiß man es nicht. Bill wurde schon als Missionarskind im Südsudan geboren. Seine Eltern und Großeltern auf beiden Seiten sowie sämtliche Onkel und Tanten waren Missionare. Ebenso seine fünf Geschwister. Bevor wir ankamen, hatten sie sich – seit 25 Jahren zum ersten Mal – als Geschwister wiedergetroffen. Der eine Bruder ist Bibelübersetzer im Sudan, die drei Schwestern von Bill leben und arbeiten in Indonesien, Pakistan und Mauretanien. Allein achtzehn seiner Verwandten liegen in Indien begraben. Eine beeindruckende Missionarsdynastie, die viel Gutes vor allem in Indien und Afrika bewirkt hat. Als Siebenjähriger reiste Bill mit Nilboot und Zug die fast 4000 Kilometer vom Südsudan nach Alexandrien, wo er in ein Internat kam. Seine Eltern sah er nur einmal im Jahr. Aber das war für ihn in Ordnung. Es gehörte einfach dazu. Er sagte uns, daß keins seiner Geschwister bitter geworden ist aufgrund der Trennungen und Entbehrungen, die sie als Kinder auf sich nehmen mußten. Sie wußten halt, daß ihre Eltern Missionare waren und dachten nicht weiter drüber nach. In Afrika erlebten sie ständig, wie Familien durch Krankheiten und Kriege auseinandergerissen wurden. Da war es doch normal, daß man, um auf die Schule zu gehen, Opfer auf sich nimmt! Bill hatte einfach früh gelernt, allein zurecht zukommen. Als er als junger Pastor in den USA Lois kennenlernte und heiratete, waren sie in weniger als einem halben Jahr schon unterwegs auf dem Schiff in Richtung Afrika. Das war 1957. Seitdem waren sie da.
Im Sudan hat er mit Lois mehrere Bibelschulen aufgebaut und geleitet. Als sie den Sudan verlassen mußten, unterrichtete er halt in Uganda und Kenia, bis sie Jahre später wieder in den Sudan einreisen konnten und unter anderem ein theologisches Seminar eröffneten. Die heutigen Pastoren, Lehrer und Bischöfe der verschiedensten Kirchen waren seine Schüler. Und Lois – sie wird respektvoll “Mama Lois” genannt, von unzähligen Nord- und Südsudanesen, Kenianern und Ugandanern. Und zumindest von zwei Deutschen. Wann immer wir im Sudan waren, waren sie so etwas wie unsere Ersatzeltern. Nie werde ich vergessen, wie Bill bei 45 Grad im Schatten mit einer vorsintflutlichen Maschine, die wie eine Kreuzung aus Heißmangel und Betonmischer aussah, Vanilleeis hervorzauberte.
People of Power. Menschen, die ihr Leben lang “aus dem Glauben” gelebt haben, die nichts haben, auch nicht, jetzt im Alter, ein Haus oder eine Wohnung für den Ruhestand, und die doch viele reich gemacht haben. Die neue Begegnung mit ihnen hat uns neu motiviert und ermutigt, alles für Gott einzusetzen und alles für ihn zu tun. Und das nicht nur für ein, zwei oder zehn Jahre, sondern ein Leben lang. Menschen, in deren Schwachheit Gottes Kraft sichtbar wird.

Begegnung Nummer drei. Bevor wir losflogen, hatte Elke eine email aus Australien bekommen. Sie sollte in Nairobi unbedingt Judy treffen. Mit vollem Namen heißt sie Judy Mbugua und ist inzwischen mehrfache Großmutter. Auf jeden Fall: Gesagt, getan, der Kontakt war per email hergestellt. Elke rief Judy an. Viel Zeit hatte sie nicht, aber Elke konnte zu einem Frauentreffen mitkommen, wenn sie wollte. Sie wollte. Also holte Judy sie am nächsten Tag mit dem Auto ab. Sie fuhren in einen armen Stadtteil im Zentrum Nairobis. Alle nahmen ihre Ketten und Uhren in die Hand, damit sie ihnen nicht abgerissen wurde. In einem heruntergekommenen Hotel, durch drei Stahltüren, die auf- und wieder abgeschlossen wurden, kamen sie in einen Raum, der voll war mit mehreren Hundert Kenianerinnen. Elke und Mama Lois, die mitgekommen war, waren die einzigen Nichtkenianer. Und dann ging es los. Lobpreis auf afrikanisch, daß die Wände wackelten. Die Frauen berichteten von ihren Problemen und ihren Siegen. Und Judy predigte. Schneller und lauter als Billy Graham in seinen besten Zeiten. Die Keniarinnen haben eben Power.
Für Elke war es ein unvergeßlicher Nachmittag. Da war Hoffnung in dem Raum. Hoffnung für Frauen. Hoffnung für Familien. Hoffnung für ein ganzes Land. Frauen, die beten. Frauen, die etwas wagen. Frauen, die aufstehen, ob die Männer mitziehen oder nicht. Es war einfach großartig.
Am nächsten Tag konnte Elke sich nicht mit Judy treffen, da diese vor mehreren hunderte Pfarren und Bischöfen der großen Kirchen Kenias einen Vortrag halten mußte. Sie sagte ihnen: “Gebt den Frauen die Freiheit, das zu tun, wozu Gott sie ruft!. Dann habt Ihr keine Mitarbeiterprobleme mehr.”
Aber am übernächsten Tag sollten Elke und Lois mitkommen in eine Fernsehaufnahme, in der Judy ihre Arbeit unter Frauen für das kenianische Staatsfernsehen vorstellte. Ach ja, Judy ist die Vorsitzende von PACWA, Pan African Christian Women’s Alliance, einer Frauenbewegung der Afrikanischen Evangelischen Allianz. PACWA arbeitet in 32 afrikanischen Ländern. Mama Lois und Elke sollten in der ersten Reihe sitzen, damit “etwas Farbe” ins Bild kommt. Gesagt, getan. So saßen sie mitten in einer Gruppe von Maassai-Frauen, die in ihrem traditionellen Perlenschmuck gekommen waren. Ketten über Ketten und riesige Ohrringe in den ebenso riesigen ausgeleierten Ohrlöchern. Judy ging in die Vollen. Wenn schon halb Kenia zuhörte, wollte sie auch ihre Botschaft loswerden. Und das war die Botschaft der Befreiung für Frauen. Eine Befreiung, die Jesus bringt.
Das erste, was sie angriff, war die Beschneidung der Frauen. Sie hat eine Aufklärungskampagne gestartet, bei der mittels Video den Frauen in den Berg- und Steppendörfern gezeigt wird, wie gefährlich die Beschneidung ist. Viele Mädchen werden für ihr Leben verstümmelt. Außerdem wird durch die wieder- und wieder gebrauchten Messer leicht AIDS übertragen. Tausende Frauen und Kinder sterben in Kenia an dieser furchtbaren Krankheit. Seitdem die Maassaifrauen verstehen, was da eigentlich passiert, verstecken sie ihre Töchter, wenn sie beschnitten werden sollen. “Meine Tochter soll nicht so leiden wie ich!” Für Judy ist die Sache sonnenklar: Die Beschneidung der Frauen ist nicht biblisch. Denn schließlich hat Gott nur dem Abraham den Befehl dazu gegeben, aber nicht der Sara, die ja dabeistand. Noch Fragen?
Eine Maassai-Frau wurde interviewt. Ihre drei engsten Freundinnen sind alle an AIDS gestorben. Sie selbst ist auch HIV-positiv. Aber so lange sie Kraft hat, will sie anderen helfen. Im Namen von Jesus, der sie als Frau nicht herabsetzt, sondern würdigt, eine Mitarbeiterin im Reich Gottes zu sein.
Frauen voller Power. Judy Mbugua ist eine davon. Women of Power – wie Judy und die Maassaifrauen. Men of Power – wie Peter “der Erlöste des Herrn”. People of Power – wie Bill und Lois, den amerikanischen Afrikanern.
Ich habe in Nairobi neu, daß man, auch mit wenig Geld und eingeschränkten äußeren Möglichkeiten viel bewegen kann. Wenn man es wirklich will.
Und ich bin hoffnungsvoll nach Hause geflogen. Denn was Gott im armen Kenia tun kann, kann er doch erst recht im reichen Deutschland tun, wo wir so viel mehr Möglichkeiten haben. Dachte ich mir jedenfalls so.

Herzlich Euer
Roland Werner

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