6. Ich bin doch nicht verrückt!

6. Ich bin doch nicht verrückt!

Alterserscheinungen sind ja an sich nichts schlimmes. Aber wenn sie mich selbst betreffen, dann wird es kritisch. Dann fange ich an, an mir selbst und besonders an meinem Verstand zu zweifeln. Zum Beispiel heute. Ich sitze friedlich an meinem Schreibtisch, will in den zwei Stunden, die ich noch habe, schnell noch zwei Artikel schreiben – unter anderem diesen -, und denke mir nichts Besonderes. Plötzlich kommt Gohfie herein, alias Gottfried Müller, also mein Mitarbeiter bei FRIENDS. Er ist auf dem Sprung nach Sindelfingen, wo er bei einem Jugendevent in der Stadthalle die Massen begeistern soll. Wir schnacken kurz die nächsten Tage ab, vor allem, wie wir zum Christival Creativ Congress kommen. Gottfried hat kein Auto und fragt, wie ich hinfahre und ob er mitkommen kann. Ich sage ihm, dass ich am Mittwoch von dem Ort, wo ich auf einer Retraite mit unserer Lebensgemeinschaft bin, direkt hinfahren werde, dass er also irgendwie anders hinkommen soll. Er: Wie, Mittwoch? Ich denke, das Teil fängt Dienstag an!
Mich trifft der Schlag. Ja klar, Dienstag! Ein Jahr lang wusste ich, dass es der 2. Oktober war, habe diesen aus irgendeinem Grund aber immer über den Mittwoch gehalten. Das heißt: a) ich bin nicht zurechnungsfähig, b) ich habe ein Problem. Und zwar ein massives. Denn ich kann, trotz vieler Bemühungen und Hoffnungen in die Richtung, immer noch nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Und ich weiß: Beide Gruppen reißen mir den Kopf ab, wenn ich nicht erscheine.
Panik erfasst mich. Leider hat Elke den Panik-Knopf, den sie vor ein paar Tagen in Amerika gekauft hat, nicht mir, sondern einem anderen Mitarbeiter geschenkt. Also versuche ich tief durchzuatmen und nachzudenken. Zuerst versuche ich, mich per Computerbildschirms der tatsächlichen Daten zu versichern. Aus Hektik lande ich natürlich auf völlig falschen Knöpfen. Na ja, es funktioniert schließlich und ich sehe, dass ich wirklich fehlgeplant habe. Wat nu? Sprach der chinesische Beratungsminister.
Na ja, mit schnellen Autos und ein bisschen Hin- und Herfahren und dem Wohlwollen meiner christlichen Mitmenschen lässt sich das Problem sicher noch lösen. Irgendwie geht das schon. Was bleibt, ist die Verunsicherung, ob ich noch ganz zurechnungsfähig bin.
Kritischer wird es im Dezember, wo ich aufgrund verschiedener Erwartungen an einem Tag an drei verschiedenen Stellen sein sollte, nämlich in Budapest, am Edersee und irgendwo in Norddeutschland (Ort wird nicht verraten). Das geht aber nicht ganz auf mein Konto, weil verschiedene Leute mit daran beteiligt waren, die Termine zu verschieben. Aber dennoch: Vielleicht bin ich doch verrückt, einfach, weil ich mich in solche Situationen begebe. Ich sage einfach viel zu oft Ja, wo ich eigentlich auch mal Nein sagen sollte.
Oder nicht? Bin ich verrückt, wenn ich das Leben randvoll stopfe? Und wenn ich zulasse, dass andere es immer noch ein bisschen voller stopfen?
Oder bin ich nicht verrückt? Sagt nicht Paulus: Kauft die Zeit aus…? Wie viele Jahre, Monate, Wochen, Tage habe ich eigentlich noch, um das zu machen, was ich machen will und soll?
Oder bin ich schon verrückt, wenn ich überhaupt so frage?
Wie verrückt muss man eigentlich als Christ sein? Oder andersrum gefragt: Kann man als Christ eigentlich normal sein?
Ich finde es jedenfalls nicht normal, wenn Leute regelmäßig zehn Prozent oder mehr von ihrem Einkommen abgeben für ihre Gemeinde, für Weltmission und soziale Projekte. Viel normaler wäre doch, wenn sie die Knete für sich behalten und sich öfters mal neu einkleiden würden. Ich finde es auch nicht normal, wenn sich Leute ehrenamtlich engagieren und Zeit und Kraft geben, unerzogene Kinder von anderen Menschen in sogenannten Jungscharen, Kindergottesdiensten und Kinderclubs zu domptieren versuchen. Wie verrückt muss einer eigentlich sein, um das freiwillig zu tun?
Und ich finde es auch nicht normal, wenn Leute, die einen normalen Job haben, jeden Donnerstag abend um 18 Uhr bei uns auftauchen, den Schlüssel für die Kirche holen, die Technik, Lautsprecherboxen und Kabel aufbauen, Stühle stellen usw., um das dann nach 22 Uhr wieder alles bis ca. 23 Uhr abzubauen – Woche für Woche fünf oder mehr Stunden Stress ohne Bezahlung. Das ist doch verrückt, oder?
Genauso wenig normal finde ich es, wenn Leute in andere Länder gehen und da – teilweise unter Lebensgefahr, wie die Shelter Now Mitarbeiter in Afghanistan – anderen helfen, oft ohne Unterstützung oder sogar mit Behinderungen durch die Herrschenden in dem Land, dem sie helfen. Sie könnten doch genauso gut mit Götz von Berlichingen sagen: Wenn Ihr nicht wollt, dann eben nicht! Nein, sie machen einfach weiter. Das ist doch verrückt!
Genauso verrückt finde ich es, wenn einer als Christ bei Prüfungen nicht schummelt, und sich damit ins Nachteil setzt gegenüber den anderen, die das nicht so ernst nehmen.
Wie verrückt muss man als Christ eigentlich sein?
Ich finde: Ziemlich. Denn schließlich sind wir Nachfolger von einem Gott, der dauernd verrückte Dinge tut: Eine Menschheit zu erfinden, die sich dann von ihm abwendet und tut, als wäre er nicht da. Sie dann dennoch zu segnen, zu bewahren und immer wieder zu versuchen, zu ihnen mit seiner Liebe durchzudringen. Und schließlich selbst aus Liebe ans Kreuz zu gehen, schwach und hilflos zu werden.
Verrückt, oder nicht? Und dann das Verrückteste: Solch durchgeknallten und nicht voll zurechnungsfähigen Leuten wie mir (und dir?) seinen Geist zu geben, der unserer Schwachheit aufhilft. Und uns dann seine Aufträge anzuvertrauen, auch auf die Gefahr hin, dass wir durch Terminüberschneidungen und ähnliches die Sache etwas durcheinander bringen. Weil Gott sagt: Ich bin verrückt nach Euch! – will ich mich auch verrücken lassen aus einer Lebenshaltung, die um mich selbst kreist.
Natürlich bin ich verrückt! Denn schließlich bin ich Christ.
Und du?

Herzlich
Dein
Roland Werner

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