5. Bombenstimmung im Heiligen Land

5. Bombenstimmung im Heiligen Land

Es ist morgens halb fünf. Ich werde wach vom melodischen Singsang des Gebetsrufs, der von der nahen Moschee her ertönt. Gott sei Dank ist nur einer zugange, da kann ich mich voll auf den Inhalt konzentrieren. Normalerweise rufen die Muezzine der drei nahe gelegenen Moscheen gleichzeitig, nur leicht zeitversetzt, so dass ein fast undurchdringliches Stimmenwirrwarr entsteht. Heute aber kann ich mal entspannt und aufmerksam den arabischen Ausführungen lauschen, die über die ansonsten herrschende Stille in der Altstadt von Jerusalem in unser Dachzimmer hinein tönen. Auch dem Muezzin scheint es Spaß zu machen, denn er erweitert sein eigentliches Pflichtprogramm um viele koranische Suren, bevor er zum eigentlichen Gebetsruf kommt, und setzt dann noch ein, zwei Suren hinten dran, einfach so.
Mir ist dieser Sound lieber als die Schüsse, die wir vor einigen Tagen gehört haben. Und auch lieber als das dominierende Fluggeräusch der israelischen Hubschrauber, die permanent über der Altstadt gekreist haben, um zu beobachten, ob sich irgendwo etwas tut. Noch schlimmer aber war es vor ein paar Nächten, wo man deutlich hören konnte, wie die Hubschrauber immer in eine Richtung flogen – Bethlehem und Beit Jala, um dort auf Häuser zu schießen.
Ein anderes Geräusch, das mir gar nicht gefällt, ist das Heulen der Krankenwagensirenen. Wenn es nur einer ist, ist es ja relativ okay, weil das dann wahrscheinlich nur ein gewöhnlicher Unfall war. Wenn aber mehrere Ambulanzen hintereinander her sausen, sitzt einem sofort die Angst in den Knochen, dass wieder einmal ein junger Mann den wahnsinnigen Versprechungen seiner Hintermänner gefolgt ist und sich selbst als Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt hat, in der Hoffnung, dann als Märtyrer des sogenannten heiligen Krieges direkt in das Paradies einzugehen.
Ja, die Geräusche der heiligen Stadt verraten viel. Nicht nur die, die zu hören sind, sondern auch die, die eben nicht da sind.
Es ist stiller geworden hier in den Gassen. Kaum einmal ist das „Ave Maria“ der polnischen Pilger zu hören. Auch fehlen die amerikanischen Touristengruppen, die voller Inbrunst gesungen haben: „Were you there when they crucified my Lord?“ Auch das Heer deutscher Israelpilger ist stark geschrumpft. Der Anblick von Brustbeuteln und Birkenstockschuhen zu kurzer Hose und geblümten Hemd ist rar geworden. Und die Ausrufe arabischer Händler, wenn sie einen Deutschen in 50 Meter Entfernung sehen: „Sommerschlussverkauf! Eile mit Weile!“ sind auch nicht mehr zu hören. Wo man Leute handeln hört, ist es meist auf Russisch oder Griechisch. Denn diese Pilger kommen auch dann noch, wenn Westler längst aus Angst zuhause bleiben.
Die Stimmung hier im heiligen Land ist wirklich bombig. Und zwar auf allen Seiten. Zum Beispiel bei der jungen Familie, die in unserem Haus in der Altstadt wohnen. Mit ihrer kleinen Tochter Elena waren Matthias und Monika öfters schon in der Pizzeria, die vor ein paar Wochen in die Luft ging. Und auch die Autobombe, die vorgestern im Russischen Viertel explodierte, war genau an der Stelle platziert, wo sie regelmäßig einmal in der Woche vorbeikommen. Die Bombenattentate erreichen genau das, was sie wohl beabsichtigen: Ein allgemeines Gefühl der Unsicherheit zu verbreiten. Die Devise lautet: Schnell weg, wo eine Ansammlung von Menschen ist! Denn dort ist es am wahrscheinlichsten, dass ein Bombenattentat ausgeführt werden soll. Also sich nur nicht in Cafés, Diskos, Restaurants, Einkaufszentren, Märkten, Bussen, Wartesälen, Postämtern und belebten Straßen aufhalten! Die Aufzählung macht klar: Das ist eigentlich unmöglich, wenn man ein einigermaßen normales Leben führen will. Was bleibt, ist die Unsicherheit und ein diffuses Gefühl der Angst.
Bombenstimmung herrscht auch auf bestimmten Straßen, wo häufiger Heckenschützen auf Autos zielen. Es ist kein beruhigendes Gefühl, an einer Stelle vorbei zu fahren, an der nur wenige Tage vorher ein Auto beschossen oder gar ein Mensch getötet worden ist.
Die Bombenstimmung ist jedoch nicht nur auf der jüdischen Seite zu finden. Gerade bei unseren palästinensischen Freunden ist nichts mehr, wie es einmal war.
Zum Beispiel Maurice, der mit einer kleinen Gruppe aus Beit Jala zum letzten Christival nach Dresden mitgekommen war. Er arbeitet an der Pforte der deutschen Erlöserkirche in der Altstadt, nicht weit von unserem Haus entfernt. Er erzählt mir, dass sie seit Tagen nicht geschlafen haben, weil das israelische Militär Beit Jala beschießt. Seine Kinder kauern sich nächtelang voller Angst unter die Tische. Die Häuser einiger Mitglieder der evangelischen Gemeinde sind vollständig zerstört worden. Die anderen Gemeindemitglieder rücken enger zusammen und nehmen solche Familien bei sich auf. Maurice erlebt diese Spannung täglich mit. Und er erlebt auch, was es heißt, im sogenannten Autonomie-Gebiet zu wohnen und in Jerusalem zu arbeiten. Jeden Tag die gleiche Unsicherheit, ob die israelischen Soldaten am Checkpoint ihn durchlassen oder nicht. An manchen Tagen kann er eben nicht zur Arbeit kommen.
Ganz hautnah bekamen wir das Leiden der christlichen Palästinenser vor wenigen Tagen mit. Wir wollten die evangelische Gemeinde in Beit Jala besuchen. Der Pfarrer, Jadallah Shehadeh, war beim Christival einer der Redner beim Abschlussgottesdienst gewesen. Seit dem versuche ich, den Kontakt zu ihm zu halten. Auf dem Grundstück der Gemeinde oben am Berg steht neben der Kirche ein Heim für Waisen und Kinder aus schwierigen familiären Verhältnissen. Fast 60 Kinder wohnen dort. Außerdem entsteht ein christliches Gästehaus, Abrahams Herberge, in dem junge Leute aus allen Ländern, auch aus Israel und Palästina, einander begegnen können. Die Sozialarbeiterin, Hiyam, erwartete uns zusammen mit Jadallah. Wir waren seit vielen Monaten die erste Gruppe, die sie besuchte. Bewegend erzählten sie uns von ihrer Arbeit und vom Leiden der Menschen in ihrer Stadt, von den Schiessereien, von Arbeitslosigkeit und Armut und von der Hoffnung, die sie trotz allem haben. Stolz zeigte uns Jadallah das Gästehaus mit dem herrlichen Ausblick über die Stadt. Es ist aufgebaut auf dem ersten Gemeindehaus, dass ein schwäbischer Missionar vor über hundert Jahren errichtet hatte. Am Ende unseres Besuches beteten wir noch gemeinsam in der Kirche. Über dem Altarraum steht dort in arabischer Schrift: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!“ Genau so erlebten wir unsere palästinensischen Mitchristen – abgearbeitet, fertig, belastet und einfach unendlich müde.
Zwei Tage später geschah es dann. Das israelische Militär rückte in Beit Jala ein. Verständlich, könnte man sagen, denn von dort wurde auf die benachbarte jüdische Siedlung Gilo geschossen – die nebenbei gesagt – auf vom Staat Israel annektiertem Land gebaut ist. Was aber nicht verständlich war, auch für mich nicht, ist das, was im Rahmen dieser Besetzung passierte. Die evangelische Kirche wurde umzingelt. Die Waisenkinder durften das Haus nicht verlassen. Jadallah, die Erzieher und die Kinder waren Gefangene im eigenen Haus. Die Soldaten drangen in die Kirche ein und machten das im Bau befindliche Gästehaus zu ihrem Quartier. Weil die Wassertanks auf dem Dach zerschossen waren, hatten die Kinder mehrere Tage kein Wasser, was bei Temperaturen von über dreissig Grad einer Katastrophe gleich kommt. Ein angeforderter Wasserwagen machte angesichts der israelischen Panzer kehrt. Die Kinder wurden eingeschüchtert. Auch als der deutsche Pfarrer aus Jerusalem gemeinsam mit dem arabischen Bischof und mit Rüdiger, einem Gemeindepraktikanten, der auch zum Christus-Treff in Jerusalem kommt, dorthin fuhren (was nur durch die Vermittlung der deutschen Botschaft überhaupt möglich war), um Nahrungsmittel für die Kinder zu bringen, wurde ihnen von den israelischen Soldaten angedroht, dass jeder erschossen würde, der versucht, in die Kirche zu gehen. Zwei Tage später zogen dann die Soldaten aus der Kirche und dem Gästehaus ab. Das Kinderheim und das ganze Gelände blieben jedoch weiter umzingelt. Warum?
Als ich mit Jadallah am Telefon sprach, war er ganz erschüttert über die Zerstörung, die die Soldaten im Gästehaus angerichtet hatten. Vorher hatte er uns noch stolz die neuen Bodenfliesen gezeigt, die in den nächsten Tagen gelegt werden sollten. Jetzt musste er sehen, dass die Soldaten sie aus dem Fenster hinausgeworfen hatten – Fliesen im Wert von über 20.000 Dollar, mühsam gesammelt und mühsam gekauft.
„Wenn sie uns besetzen, dann ist das eine Sache. Aber warum sie Sachen mutwillig zerstören müssen – das verstehe ich nicht!“
Wie gesagt, es ist eine Bombenstimmung im Heiligen Land. Inzwischen auch bei denen, die – wie Jadallah – im Grunde Fürsprecher der Versöhnung und des Friedens sind. Aber die Verwundungen auf beiden Seiten werden immer tiefer. Besonders belastend für mich persönlich ist es, wenn Christen meinen, sie müssten Unrecht rechtfertigen, indem sie sich einseitig mit einer Seite solidarisieren. „Wir Christen gehören fest auf die Seite Israels!“ So rufen die einen im Brustton der Überzeugung – und vergessen dabei, dass Gott für alle Menschen da ist, und dass er nie Unrecht gut heißt, egal, von wem es ausgeht. „Wir Christen müssen uns mit dem Kampf der Palästinenser solidarisieren!“ So rufen die anderen und sind genau so einseitig in ihrer Wahrnehmung. Auch sie blenden aus, dass es auf beiden Seiten Scharfmacher, Kriegstreiber und Hassverbreiter gibt.
Ich kann das eine wie das andere einfach mehr hören. Besonders schwer zu ertragen ist es für mich, wenn es heißt, dass Evangelikale automatisch den Staat Israel unterstützen müssen. Ich bilde mir auch ein, ein Evangelikaler zu sein, und möchte überhaupt keinem Staat als solchem automatisch einen biblischen Persilschein ausstellen. Meine Verpflichtung gehört Jesus und seinem Reich, das eben nicht von dieser Welt ist.
Da gehören wir Christen hin: Zu Jesus, zu seinem Reich, zu seinem Leib, der sich aus allen Völkern zusammensetzt, zu den Armen, und schließlich zu allen Menschen.
Das und noch mehr fiel mir ein, als ich dem Muezzin lauschte über den Dächern von Jerusalem. Gott sei Dank erklangen kurz darauf die Kirchenglocken der koptischen Kirche in unserer Nachbarschaft.

Herzlich
Euer Roland

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