4. Die Kraft der Doppelherzen

4. Die Kraft der Doppelherzen

Bist du schon einmal einem von ihnen begegnet? Einem von den Unermüdlichen, die immer weiter laufen, auch wenn die Batterie schon fast leer ist? Haben sie schon mal deinen Weg gekreuzt – die Menschen mit den zwei Herzen, die immer noch Power haben, wenn du selbst schon fast am Ende bist? Die Unentwegten, denen kein Weg zu weit, keine Mühe zu groß, keine Arbeit zu anstrengend ist? Die grauen Panther, die immer noch brüllen, wenn jüngere schon längst alle Viere von sich gestreckt haben?
Ich weiß nicht, ob du schon mal einen von ihnen getroffen hast, einen dieser Panther im Reich Gottes. Ich jedenfalls habe viele von ihnen kennen gelernt, und das hat mein Leben nachhaltig geprägt.
Ich will dir heute ein paar von ihnen vorstellen.
Es war vor vielen Jahren. Ich organisierte eine missionarische Jugendwoche in Duisburg. Weil in meiner Heimatstadt viele Ausländer wohnen, hatte ich einen dieser alten Kämpfer eingeladen. Willi Höpfner war sein Name. Sein Leben war bewegt. Viele Jahre hatte er in Ägypten verbracht, als Pfarrer der deutschen Gemeinde in Kairo, als Leiter des Missionskrankenhauses in Assuan, als offizieller Dolmetscher. Er sprach fließend Arabisch, hatte eine Reihe von Büchern geschrieben und viele missionarische Initiativen gegründet. Im Ruhestand hatte er noch gleich ein neues Missionswerk ins Leben gerufen – den Orientdienst, der Bibeln und christliche Literatur für ausländische Bürger bereitstellte. Ich holte ihn also am Duisburger Hauptbahnhof ab und lief mit ihm zum CVJM-Haus in der Stadtmitte. Er war 70, ich gerade mal 22 Jahre alt. Er ziemlich beleibt, ich damals – man höre und staune – noch rank und schlank. Dennoch schritt er wie ein Powerwalker vor mir her, und ich hatte große Mühe, mit ihm Schritt zu halten. Was Kondition und Ausdauer anbelangte, steckt WH mich voll in den Sack. Damals ging mir zum ersten Mal auf, was für einen Willen und welche Kraft die Träger der Doppelherzen haben müssen.
Gerade letzte Woche war es. Wir hatten ein Tagung für jüngere Evangelisten. Unser Redner: Michael Green aus Oxford. Fit wie ein Turnschuh, geistig beweglich, enthusiastisch, begeistert von Jesus. Gerade hatte er eine zehntägige Evangelisation in einer nordenglischen Stadt hinter sich gebracht. Direkt danach war er nach Deutschland geflogen. Am nächsten Tag ging für ihn das Semester an der Uni in Oxford los mit Vorlesungen, Beratungen für Studenten, Vorträgen und vielem mehr. Nebenbei schreibt er gerade sein fünfzigstes Buch. Im Juni fliegt er nach Tansania, wo er auf einer großen Konferenz von Pastoren spricht, im Juli ist Kanada dran, außerdem noch Konferenzen in England. August ist irgendwas in Asien auf dem Programm, Pakistan, glaube ich. Den jüngeren Leitern wurde schwindlig und schwarz vor den Augen, als sie das Arbeitsprogramm von MG für die nächsten Monate erfuhren. Ganz beiläufig erwähnte er, dass er gerade 70 geworden ist. Wenn ich mit 50 nur halb so viel Energie haben sollte, werde ich sicher viele Briefe und emails von Leuten kriegen, die mich dazu ermahnen, ruhiger zu treten. Das Geheimnis von Michael und seiner Frau Rosemary, die gleichfalls in der halben Welt rumturnt, teilweise mit, teilweise ohne ihren Mann? Ist doch klar: Es ist die Kraft der Doppelherzen.
Aber nicht nur Männer sind es, die laufen und laufen und laufen. Besonders viele Frauen sind unter den Doppelherzträgern. Eine von ihnen ist Sabine Ball in Dresden, die nach der Wende als fast Siebzigjährige einen neuen Ruf von Gott akzeptierte, in der Neustadt unter den Jugendlichen und Kids von der Straße eine Arbeit aufzubauen, in der ganzheitlich das Evangelium gelebt wird. Eine andere ist Schwester Irma Nübling, die drei Jahrzehnte in der Hitze Südägyptens als Missionskrankenschwester gearbeitet hat, und auch jetzt seit Jahren im Ruhestand immer noch unermüdlich dort jedes Winterhalbjahr als Seelsorgerin für viele Einheimische verbringt.
Während ich dies schreibe, fallen mir immer mehr solche grauen Panther ein. Zum Beispiel mein über neunzigjähriger Professor, der immer noch Artikel schreibt und wissenschaftlich arbeitet. Als ich ihn vor einiger Zeit besuchte, hatte er extra für mich Kaffee gekocht und Kuchen gekauft. Er ließ mich nicht gehen, ohne mit mir gemeinsam zu beten, dass Menschen in Deutschland zu Gott finden. Er war in 1932-36 Missionar in Tansania, danach Professor in Berlin, Hamburg, und Marburg. Ein hochanerkannter Hochschullehrer, nebenbei noch Pfarrer und Missionsdirektor. Ernst Dammann ist sein Name, 1904 geboren.
Viele weitere könnte ich nennen, Bekannte und Unbekannte. Sie alle sind für mich ein Beweis dafür, dass Menschen, die sich für Gottes Geist öffnen, die Wirklichkeit der Zusage aus dem Alten Testament erfahren können: Männer werden müde und ermatten. Junge Männer stolpern und fallen hin. Aber die auf den Herrn warten, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie gehen und nicht müde werden.
Das ist die Wirklichkeit, nach der ich mich ausstrecken will. Ich will von den grauen Panthern lernen. Ich will lernen, wegzuschauen von meinen Wehwehchen, meine beginnende Midlifecrisis lachend zu umschiffen und anzusetzen für den Marathon, der vor mir liegt in der zweiten, dritten und vierten Lebenshälfte. Und sollte ich grau werden, so will ich doch ein Panther sein. Ein Panther für Jesus.
Ich will sie auch, die Kraft der Doppelherzen. Sie erfasst mich, wenn ich mein Herz ankopple an das kraftvolle Herz meines himmlischen Vaters, das ewig schlägt.

In diesem Sinne Herzlich
Euer Roland Werner

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