3. Sei eine Banane, sonst bist du dumm

3. Sei eine Banane, sonst bist du dumm

Als mich Martin Gundlach vor zwei Jahren fragte, ob ich wieder eine regelmäßige Kolumne für dran schreiben wollte, sagte ich nach einigem Zögern ja, und zwar unter einer Bedingung. Und diese war: Daß ich einfach das schreiben darf, was mir einfällt. Um das auszudrücken, habe ich dem Kind dann auch den Namen “Meet my world” gegeben, was ich mal frei als “Triff mich in meiner Welt!” wiedergeben möchte.
Ich wünschte, Ihr dran-Leser könntet mich jetzt sehen, während ich diese Zeilen schreibe. Dann wärt Ihr wirklich in einem Teil meiner Welt. Ich versuche mal, mit Worten zu beschreiben, wie ich hier sitze und an Euch schreibe. Ich will nämlich diesen Text eigentlich als einen Brief sehen, den ich für Dich, den mir meist ja unbekannten Leser, verfasse.
Also: Es ist heute der 2. Februar, kurz vor Mitternacht. Es ist etwa 27 Grad Celsius warm und schwül. Ich sitze auf einem Balkon in Khartum auf einem Bett aus Eisen (Marke Krankenhaus der fünfziger Jahre). Um mich herum ist es stockdunkel, außer ein paar Lichtern in der Ferne. Ich höre das hektische Bellen verschiedener Hunde in der Dunkelheit – im Augenblick kann ich etwa fünf unterscheiden. Stück für Stück fressen mich die Mücken auf, die durch das Licht des Computerbildschirms angelockt meine schweißnasse Haut entdecken. Ich weiß, ich hätte diesen Brief an Euch schon vor einer Woche schreiben sollen, aber die Tage – und Nächte – waren einfach zu voll, und ich wollte auf die Inspiration warten, die mich sicher hier in Afrika erreichen würde. Jetzt waren die zwei ersten Tage aber voll mit Besuchen, Besorgungen, Gesprächen und Sprachforschungsarbeit. Morgen früh um 4 Uhr (also in vier Stunden!) müssen wir aufstehen, um das Flugzeug in den Norden (Stichwort Wüste) zu kriegen. Von dort kann ich weder emailen, faxen, noch sonst irgendetwas. Also entweder schreibe ich jetzt oder gar nicht, weil von hier aus, In scha Allah, noch ein email geht. In scha Allah heißt auf Arabisch “wenn Gott will” und ist das wichtigste Wort überhaupt hier.
Gerade segelt wieder eine Mücke zielstrebig auf mich zu – ich erkenne sie im Licht des Monitors – während eine andere mein Bein anzapft. Meet my world.
Die letzte Woche war voller Sitzungen. Stichwort: Sitze und werde fett für Jesus. Zuerst die Christival-Sitzung. Ja, es gibt wieder ein Christival, und zwar im Oktober 2002! Hallelujah – spreche ich trotz all der Arbeit, die ich von ferne auf mich zukommen sehe. Ein Zivi fragte mich neulich, wann das nächste Christival sei. 2002 – so meine Antwort. Das ist aber noch lange hin! – so sagte er. Finde ich auch. Auf der anderen Seite, wenn man mit Verantwortlichen in der Jugendarbeit spricht, sagen viele: Das ist kaum zu schaffen – schon wieder so etwas Großes und dann so bald! Wir haben doch noch die Expo 2000 und ProChrist und JesusHouse und wer weiß was noch vor uns! Stimmt auch wieder. Denn oft sind es die gleichen Leute, die überall reinpowern. (P.S. Schon wieder eine Mücke im Anflug. Übrigens sitze ich deshalb auf dem Balkon und nicht im Haus, weil drinnen die anderen schlafen, und ich sie nicht wecken will. Klaro?)
Da bin ich auch schon beim nächsten Stichwort, nämlich Expo 2000. Auch da hatten wir noch jede Menge Sitzungen. Ich bin total davon überzeugt, daß das ein Riesending wird – besonders der Fisch, der den Namen “Pavillion der Hoffnung” trägt (etwas lang für einen Fisch), und bei dem ich seit fast zwei Jahren in der Planung mitwirke. Eine großartige Möglichkeit, den Millionen Besuchern, die sich mit dem Expo-Thema ”Mensch – Natur – Technik” beschäftigen, noch eine weitere Lebensdimension nahe zu bringen – nämlich Gott, der hinter allem steht. Meet my world, so sieht die Spanne meiner Erfahrungen aus:  Auf der einen Seite kann ich mithelfen, im hypermodernen Expo-Environment (auf Deutsch: der mehr als zeitgemäßen Weltausstellungsumgebung) Jesus als Hoffnung für Menschen aller Nationen nahezubringen. Auf der anderen Seite sitze ich in einem Land, wo Hunderte wöchentlich an Hunger sterben, wo ganze Dörfer niedergemacht werden, und wo manche gefoltert und Frauen vergewaltigt werden, weil sie an Jesus glauben.
Das ist die Spannung, in der sich mein Leben mit Jesus abspielt. Der Versuch, im übersättigten Westen mit modernen Mitteln, in der Kultur und der Sprache unserer Zeit jungen Leuten die zeitlose Botschaft nahezubringen, daß Gott sie liebt und ihr Leben nicht belanglos und bedeutungslos dahinplätschern muß, sondern daß jeder von uns wichtig und wesentlich ist für das Reich Gottes.
Und der Versuch, hier, in einer Welt, in der die Begrenzungen überall mehr als spürbar sind, Menschen genau die gleiche Liebe nahezubringen.
Da kann man schon dahinkommen, klonen für eine gute Idee zu halten. Das wäre doch super, wenn es mich gleich zweimal, dreimal oder mehrmals gäbe. Einer hier in Afrika, einer in Deutschland, einer ständig auf Urlaub, einer in Frankreich, wo auch relativ wenige Christen sind, einer in Teneriffa auf Urlaubermission und einer, der Zeit hat, in Berlin in den Hochhäusern von Tür zu Tür zu gehen und Kids zu einer Bibelwoche im Container einzuladen.
Doch dann fällt mir ein, daß nur Jesus allgegenwärtig sein kann und sein braucht. Und dann fällt mir ein, daß es ja nicht nur mich gibt, sondern Euch über zwanzigtausend “Meet-my-world-Leser”, die Ihr ja all das tut, was Jesus Euch zeigt, und was ich nicht tun kann. Wahrscheinlich bereitet sich einer von Euch schon längst auf die Strandmission in den Kanaren vor, und eine andere joggt schon die Berliner Hausflure hoch und redet von Jesus, der deutsche, russische und türkische Kinder gleichermaßen lieb hat. Und dann bin ich beruhigt und kann wahrscheinlich gleich doch ein bißchen schlafen – inzwischen nicht mehr als dreieinhalb Stunden, bis unsere zwei grausamen Wecker klingen.
Ach ja, da fällt mir noch die Sache mit der Banane ein. In Indien gibt es einen riesigen Baum. Der heißt “Banyan-Tree”. Er ist super, wächst schnell auf, und bietet vielen Tieren, Vögeln, Insekten und so weiter Schutz und Nahrung. Er hat nur ein Problem. Er laugt die Erde, wo er steht, total aus, verdrängt alle anderen Pflanzen in seiner Umgebung, und wenn er stirbt, wächst an der Stellt überhaupt nichts mehr. Deshalb sagen die Inder: Dont be like a Banyan tree! Sei nicht wie ein Banyan-Baum, der nur allein stehen kann und sich nicht vervielfältigt.
Sei lieber eine Bananenstaude. Die läßt nämlich ständig neue Ableger an allen Seiten hervorwachsen, und wenn sie dann nach einem Jahr stirbt, stehen fünf andere an ihrer Stelle, die ebenso Frucht bringen und neue Ableger haben.
Ich möchte kein Banyanbaum sein. Ich will eine Bananenstaude sein. So allein kann mein Leben wirklich fruchtbar sein. Die Zeit, die wir haben, ist begrenzt. Das habe ich mehr als deutlich gemerkt an verschiedenen Punkten im Leben. Mein Gebet ist, daß ich und Du Bananen für Jesus sind. Ich bete darum, daß ich mithelfen kann, daß Du auch erkennst, wo Dein Platz ist, und Dein Leben ebenso Frucht bringt für Jesus, und daß Du wiederum andere mit hinein nimmst in Dein Leben – in Deine Stärken und Deine Schwächen, und sich so das vervielfältigt, was Gott in Dir und durch Dich getan hat.
Also: Sei nicht dumm und sei eine Banane! In 2. Timotheus 2, 1-2 kannst Du noch genauer lesen, was ich meine. Und da die Mücken weiterfressen, speichere ich jetzt ab und lege mich hin. Um das Bett haben wir nämlich ein Mosquitonetz, auf das ich mich jetzt tierisch freue. Und auch jetzt segelt wieder eine direkt vor meinen Augen über den Bildschirm, während eine andere meinen linken Fuß unerbittlich attackiert.
Ich verlange kein Mitleid, ich habe es schließlich selbst so gewollt. Ich wollte nur mal, daß Du auch diesen Teil meiner Welt etwas kennenlernst.

Herzlich Dein
Roland Werner

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