2. Mit offenen Augen

2. Mit offenen Augen

Manchmal trifft man ja interessante Menschen. Ich jedenfalls. Nebenbei: Alle Menschen sind interessant – man muss nur das Interessante an ihnen entdecken. Aber genug der Belehrung.
Auf jeden Fall hatte ich das Vorrecht, vor ein paar Jahren in England ein außergewöhnliches Ehepaar kennen zu lernen. Und zwar Sharon und Hugo Anson.
Sharon ist gelernte Strassenpredigerin. Kann man so etwas lernen? Hugo ist aus einer aristokratischen Familie. Sein Vater sitzt als Lord im englischen Oberhaus. Der Grund und Boden von halb Manchester gehört der Familie – schon seit dem Mittelalter. Kriegen tun sie dafür aber nur ein paar Pfund Pacht pro Jahr, gerade genug, um sich ab und zu ein paar Fish and Chips zu kaufen. Davon haben sie also nichts. Auch nichts davon, dass eine ihrer Vorfahrinnen, eine gewisse Lady Louisa Anson, das erste Klo mit Wasserspülung in England besaß, was dazu geführt hat, dass im heutigen etwas gehobeneren Englisch das WC als “Loo” bezeichnet wird. Also etwa: Ich gehe zu “Lady Louisa” – eben abgekürzt Loo.

Sharon und Hugo sind im Osten Londons, also dem ärmeren Teil, in Evangelisation, Gemeindegründung und sozialer Arbeit engagiert. Zwei Gemeinden sind schon aus ihrer Arbeit entstanden. Außerdem nehmen sie Leute mit zu missionarischen Einsätzen in anderen Ländern. Während ich dies schreibe, ist Sharon mit einer Gruppe von ihrer Gemeinde für vier Wochen in Tansania. Wie gesagt, die beiden sind interessante Leute.
Neulich war Hugo bei uns in Marburg zu Gast. Wir hatten ihn zu einem Seminar eingeladen. Während dieses Wochenendes entstand die Idee, eine Gebetswanderung durch Marburg zu machen. Inspiriert dazu wurden wir durch eine Aktion, die Hugo in den letzten Jahren durchgeführt hat: Walk the Walls. Dabei geht es darum, in sieben Tagen einmal entlang der offiziellen Stadtgrenze um London herumzulaufen, und dabei für die Stadt und ihre Menschen zu beten. Die Gebetswanderer übernachten dabei jede Nacht in einer Kirche oder einem Gemeindehaus, wo sie auch eine missionarische Veranstaltung oder einen Gebetsabend durchführen. Auf jeden Fall wollten wir also auch durch Marburg laufen und dabei beten. Mit offenen Augen natürlich. Gesagt, getan. Am Sonntag nachmittag trafen wir uns an einem unserer Gemeinschaftshäuser. Etwa 30 Leute waren dabei. Nach einer kurzen Absprache ging es los. Wir sollten in Dreiergruppen laufen und dabei die Augen offen halten für das, was wir sahen, und dann auch dafür beten.
Keine Angst, ich werde jetzt nicht den ganzen Gebetsweg im einzelnen beschreiben. Aber ein paar Sachen will ich nennen, einfach als Ermutigung für euch, auch einmal durch euren Ort zu gehen und für das zu beten, was ihr seht. Da war zum Beispiel ein Park mit einem Kinderspielplatz, auf dem Kinder spielten. Als wir kurz anhielten, um uns gegenseitig unsere Eindrücke mitzuteilen, meinte ein Teilnehmer, daß wir besonders für die Kinder der Stadt beten sollten, besonders für Bewahrung. Und wir sollten für die Schulen beten. Was wir dann auch taten.
Was wir nicht wußten, war, daß am Tag zuvor ein Schüler Opfer eines Gewaltverbrechens geworden war. In allen Schulen standen die Lehrer vor der Aufgabe, dieses furchtbare Ereignis mit ihren Schülern zu besprechen.
Der gleiche Park ist ein Ort, an dem besonders abends schon manche Verbrechen geschehen sind. Eine Teilnehmerin erzählte, daß sie seit Jahren diesen Park meidet, weil sie einmal dort ein sehr negatives Erlebnis hatte, wo sie aber gerade noch entkommen konnte. So beteten wir für sie, dass Gott die schmerzhaften Erinnerungen heilt. Und auf einmal merkten wir, dass unsere Gebetswanderung nicht einfach ein netter Sonntagnachmittagsspaziergang mit religiösem Zuckerguss war, sondern wirklich mit unserem Leben und dem der Stadt zu tun hatte.
Als wir an einer Kirche anhielten und beteten, kam einer der Pfarrer vorbei und fragte ganz interessiert, was wir denn da machten. Gut, dass die Frau eines anderen Pfarrers, der bei uns Mitarbeiter ist, ihn kannte und ihm unseren Gebetsweg erklären konnte. Auch der Hausmeister des danebenliegenden Instituts für Geographie kam vorbei. Praktisch, dass einer unserer Gebetswanderer ein Professor für Geographie war. Er kannte ihn natürlich, da er als Dekan des Instituts zuzusagen sein Vorgesetzter war. Auch sie hatten ein nettes Gespräch. Es war einfach spannend, diese scheinbaren Zufälle zu sehen und zu merken, wie humorvoll die Führung Gottes auch in kleinsten Details war.

Wir beteten an diesem Nachmittag für alles und jeden. Für die Universität, die Lehrenden und Studierenden. Für die Arbeiter und Angestellten. Für die Gemeinden und Kirchen. Und vor allem darum, dass das Reich Gottes hineinkommt in unsere Stadt, dass der Wille Gottes geschieht und dass Menschen zu Gott zurückfinden.
Für mich war es ein großartige Sache, mit offenen Augen durch Marburg zu gehen und alles, was vor Augen kommt, im Gebet vor Gott zu bringen. Und zwar ganz entspannt. Das habe ich von Hugo gelernt. Es geht nicht darum, Dinge im Gebet zu ertrotzen oder Gottes Arm umzubiegen. Sondern es geht darum, den Segen Gottes, der schon längst da ist, in die Situationen hinein zu erbitten und zu glauben, dass Gott auf unser einfaches Gebet bereit ist, zu handeln. Nicht ich muss Gott die Augen öffnen, damit er sieht, was in der Welt los ist, sondern er will mir die Augen öffnen, damit ich sehe, was abgeht. Paulus ist ja so durch Athen gelaufen, mit offenen Augen (nachzulesen in Apostelgeschichte 17). Und daraus erwuchs die besondere Botschaft, die er für diese Stadt im Namen Gottes sagen sollte.
Meet my world. Das war Gottes Botschaft an uns auf diesem Gebetsweg. Schaut euch meine Welt an! Entdeckt, was ich tun will! Seid bereit dafür! Stellt euch darauf ein! Ich will euch als meine Mitarbeiter! Ich will euch meine Pläne zeigen! Macht die Augen auf! Sucht der Stadt Bestes und betet für sie!
Durch die Stadt gehen und beten. Das praktiziere ich seit diesem Wochenende verstärkt. Gebetsstoff entdecke ich mehr als genug. Dabei läuft das für mich meist sehr natürlich. Ich sehe, was vor Augen ist. Andere sehen da schon tiefer. Zum Beispiel ein Freund, der an einer bestimmten Stelle das Gefühl hatte, daß wir durch eine Mauer hindurch gingen. Was er nicht wusste, war, dass genau dort im Mittelalter die Stadtmauer verlief. Bei so etwas sage ich nur: Wow! Da kann ich nur staunen. Aber ich weiß, dass Gott auch meine einfachen Gebete ernst nimmt.
Deshalb, Freunde: Lasst euch ermutigen, eure Welt zu entdecken. Sie ist Gottes Territorium. Er hat etwas mit ihr vor. Und ihr könnt dabei mitarbeiten. In diesem Sinne: Viel Spaß beim Spazieren gehen und Beten!

Herzlich Euer
Roland Werner

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