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Jahr: 2008

33. Sieben Tage — und viel mehr

33. Sieben Tage — und viel mehr

Mittwoch, 22.9.: Seit Montag bin ich in Dublin auf einer europäischen Tagung des YMCA/CVJM. Über 150 Hauptamtliche aus ganz Europa sind dabei. So unterschiedlich die YMCAs in den verschiedenen Ländern sind, so verschieden auch die Arbeiten. Manche sind vor allem sozial ausgerichtet, so eine Arbeit mit obdachlosen Jugendlichen in London oder ein Sportprojekt aus Schweden. Andere haben auch eine missionarische Perspektive, so die Teilnehmer aus Deutschland und der Schweiz. Wieder andere bewegen sich irgendwo dazwischen. In meinen Referaten über „positive impact“ versuche ich Brücken zu schlagen zueinander und zu Jesus. In den Gesprächsgruppen gibt es heiße Diskussionen: Heißt Mitarbeiter im YMCA zu sein unbedingt auch Christ zu sein? Eine junge Engländerin kommt zu mir. Sie ist bewusst nicht Christ, will aber offen sein. Wir kommen in ein gutes Gespräch.
Dublin als Stadt ist toll. Ich bin zum ersten Mal da. Gestern konnte ich den Pastor einer wachsenden Gemeinde treffen und die Innenstadt besuchen. Es ist schön zu wissen, dass Gott in diesem Land mit einer alten, lebendigen Geschichte neues Leben, neue Gemeinschaften und neuen Glauben wachsen lässt. Das Lied, das wir heute morgen vor meiner Bibelarbeit sangen, war als geistlicher Input eher gewöhnungsbedürftig. Dennoch sangen die meisten fröhlich mit bei „We all live in a yellow submarine“.

Donnerstag, 23.9.: Morgens geht es gleich mit Torsten Hebel nach Kassel. Dort treffen wir uns als JesusHouse-Arbeitskreis um die Satellitenevangelisation im Oktober 2000 vorzubereiten. Diesmal werden wir an fünf Abenden Programm machen und zwar vom Pavillon der Hoffnung aus — dem großen Fisch auf der EXPO in Hannover. Es ist gut zu erleben, wie Gott uns in dem Vorbereitungsprozess eine immer größere Einheit schenkt.
Nachmittags geht es wieder nach Marburg. Dort habe ich noch eine gute Stunde Zeit für Erledigungen im Büro. Dann ab in den Christus-Treff: Gottesdienst. Wir haben gerade eine Reihe über die zehn Gebote: Countdown zum Leben. Ich bin dankbar, dass ich heute Abend keine Aufgabe habe.

Freitag, 24.9.: Um halb neun treffen sich Torsten, Lars und ich, um nach Güstrow zu fahren. Dort ist Nordlicht-Christival angesagt, das erste große christliche Jugendfestival in Mecklenburg seit der Wende. Das Wetter ist bombig, es sind über 900 Leute gekommen. Torsten macht Kabarett, ich darf verkündigen. Es ist großartig die Stimmung mitzuerleben. Für die Leute, die oft aus sehr kleinen Jugendgruppen kommen, ist ein so großes Treffen eine echte Ermutigung. Für uns übrigens auch.
Abends essen wir noch etwas in einem Restaurant. Ich frage die Kellnerin: Waren sie schon einmal in einer Kirche? Antwort: Nein! Ich lade sie ein, am Sonntag in die Pfarrkirche auf dem Güstrower Markt zu kommen, wo ich predigen werde.

Samstag, 25.9.: Das Festival geht weiter. Obwohl manches in der Technik und im Ablauf nicht sofort gelingt, bleibt die Stimmung bombig. Nach der Predigt von Werner Nachtigall gehen über zwanzig Leute in den Gesprächsraum um ihr Leben für Gott zu öffnen. Für mich sind die Begegnungen mit Einzelnen die Höhepunkte. Ich finde es klasse, wie die verschiedenen Gemeinden zusammenarbeiten um dies möglich zu machen. Gott gibt seinen Segen, wo Christen zusammenkommen, zusammen beten und arbeiten.

Sonntag, 26.9.: Am Morgen sind wir in verschiedenen Kirchen und Gemeinden in Güstrow. Nach der Abschlussveranstaltung, die noch mal richtig Saft hatte, schwingen wir uns ins Auto und fahren nach Hamburg. Wir sind richtig happy über das, was wir erlebt haben.
In Hamburg treffe ich mich mit einem englischen Schauspieler, den ich von einer Konferenz in London kenne. Es ist gut sich auszutauschen und miteinander zu beten. Um elf Uhr nachts treffe ich mich noch mit Taade, einem der ältesten der Jesus Freaks. Mit ihm verbindet mich eine Freundschaft, die sich langsam entwickelt hat, aber immer tiefer wird.

Montag, 27.9.: Noch immer Hamburg. Morgens Frühstück mit Lars und seinen Eltern. Großartige Leute, die ihr ganzes Leben lang Jesus gedient haben. Dann geht es noch mal zu den Jesus Freaks. Um zwölf steigen Lars und ich ins Auto und fahren nach Kassel.
Leider gibt es nicht nur einen Stau. So komme ich über eine Stunde zu spät zur Sitzung der AGJE (Arbeitsgemeinschaft für Jugendevangelisation). Das Thema ist spannend. Es geht um zeitgemäße Evangelisation. Was der Referent sagt, fordert uns Hauptamtliche zu einer angeregten Diskussion heraus. Es tut gut mal richtig schön zu argumentieren. Abends fahren wir nach Marburg zurück. Es ist der Männerabend unserer Gemeinschaft. Austausch und Gebet füreinander sind angesagt.

Dienstag, 28.9.: Endlich mal ein ganzer Tag in Marburg! Heute wird das Büro unsicher gemacht. Schön ist, dass in dem Haus, in dem unsere Büros sind, wieder regelmäßig ein Abendgebet stattfindet. Georg, der bis zum Sommer vier Jahre unsere Arbeit in Israel geleitet hat, hat es vor ein paar Wochen wieder eingeführt. Obwohl nur wir beide in der Kapelle sind, ist es gut, in der Gegenwart Gottes zur Ruhe zu kommen und unseren Alltag und unsere Sorgen vor ihn zu bringen.

Sieben Tage und viel mehr. Was mehr drin ist als nur Leben, ist das, was Gott bewirkt, manchmal offensichtlich, oft aber auch verborgen. Mittendrin mitmischen zu können ist ein Vorrecht, für das ich jeden Tag dankbar sein will.

In diesem Sinne herzlich
euer Roland Werner

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32. Worte des Lebens

32. Worte des Lebens

Für mich waren es Worte. Worte, die mein Leben verändert haben. Worte, die die Richtung zeigten, in die meine Sehnsucht mich zog. Die Macht von Worten ist ungeheuer.
Worte können Menschen für Jahre und Jahrzehnte festlegen, knechten, zerstören. Worte können aber auch heilen, befreien, aus einem Gefängnis oder eine Sackgasse heraushelfen.
Worte können niederdrücken. Worte können aber auch emporheben.
Worte des Todes. Worte des Lebens.
„Wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens. Und wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist der Christus, der Lebendige, der von Gott kommt.“ So sagte es Petrus, der Menschenfischer. Welche Worte höre ich? Welchen Worten gehöre ich? Welchen Worten verleihe ich Gewicht, gebe ich Glauben und Bedeutung?

Zwei Situationen aus meinem Leben.
Ich war siebzehn, wohnte in den USA bei einer amerikanischen Gastfamilie. Die Verhältnisse waren schwierig. Eine absolute Schieflage. Seelische und körperliche Misshandlung waren zwar nicht ständig da, aber dennoch real und prägend. Ich kam immer mehr in eine Depression hinein. Fern von zu Hause wollte ich meine Eltern nicht belasten. Wie hätten sie auch helfen können? So versuchte ich selbst damit fertig zu werden. Als guter Christ wollte ich Liebe in die Situation hineinbringen. Aber ich merkte auch, dass ich die Probleme dieser Familie nicht lösen konnte. Schließlich war ich mit den Nerven am Ende. Ich konnte nicht mehr denken, nicht mehr beten, mich nicht mehr freuen. Damals machte ich mir zur Regel, zumindest einen Psalm an jedem Tag zu lesen und zwar laut, um ihn zu meinem Gebet zu machen. Schließlich kam ich zu Psalm 51. In der alten „Authorized Version“, auch als „King James“-Übersetzung bekannt, betet David: „Restore unto me the joy of Thy salvation.“ Das war das Wort, das meine Situation beschrieb. Ich hatte alle Freude verloren. Ich war seelisch ausgelaugt. Dies war mein Gebet, meine Bitte: „Gib mir meine Freude zurück. Ich weiß, dass ich zu dir gehöre. Aber hilf mir, das auch zu erfahren.
Hol mich aus dem Loch, Jesus. Ich will wieder entspannt lachen können.“
Jeden Tag betete ich das. Und langsam merkte ich, wie Gott genau das tat: wie die Freude in mein Leben zurückkehrte.
Eine zweite Begebenheit. Ich war für einige Monate in Ägypten als Praktikant in einem Missionskrankenhaus. Am Ende schenkte mir eine ältere Missionarin eine arabische Bibel. Vorn hinein hatte sie einen Satz geschrieben: „Wa laakin ‚ala kilmatak. Aber auf dein Wort hin …“ (Lukas 5, 5). Petrus sagte das zu Jesus, als dieser ihn aufforderte, noch einmal auf das Meer zu fahren und zu fischen. Menschlich gesehen unlogisch und sinnlos. „Aber auf dein Wort hin …“ Sprach’s und tat das scheinbar Widersinnige. Für mich wurde das ein weiteres lebendiges Wort. Etwas wagen, einfach weil Jesus es sagt.

Es war Dezember 1993. Wir hatten ein Angebot, als Gemeinschaft ein größeres Haus zu kaufen. Drei Millionen sollte der Spaß kosten. Das war billig im Vergleich zum Wert des Gebäudes. Aber teuer für unsere Vereinskasse, zumal dann noch mehrere hunderttausend Märker für die Grundrenovierung nachzuschieben waren. Kurz bevor ich den Vertrag unterschrieb, rief ich einen Freund an, einen Architekten, der schon ähnliche Projekte vorangebracht hatte. „Hermann, bitte sag mir, ob wir es kaufen sollen oder nicht. Du bist Architekt, du bist Schwabe (also vernünftig im Gegensatz zu mir), du bist zwanzig Jahre älter, du kannst rechnen. Sollen wir es kaufen oder nicht?“ Die Antwort war mehr als deutlich: „Ihr müsst es kaufen, denn wir brauchen in Zukunft Orte, wo Hoffnung erlebbar wird. Wir brauchen geistliche Zentren, wo viele eine Heimat finden und Impulse für ihr Leben bekommen.“
Während er so redete, fiel mir dieser Satz ein: „Aber auf dein Wort hin …!“ Also war ich gehorsam, unserem Berater und dem Wort der Bibel, und unterschrieb den Vertrag. An dem Tag hatten wir 260 Mark auf unserem Vereinskonto. Seitdem sind wir in den Miesen. Aber es war richtig. Denn es ist ein Zentrum entstanden, in dem Hunderte und inzwischen Tausende Begegnungen mit Gott erleben konnten.

Für mich ist die Bibel kein Dogmenbuch, sondern ein Lebensbuch. Wenn das Wort in unsere Herzen fällt wie ein Samenkorn, kann es aufgehen und Frucht tragen und zwar vielfältig. Gegen die negativen Worte, die wir getankt haben und die wir auch anderen gegenüber immer wieder sagen, können und müssen wir die heilenden Worte der Bibel setzen. Denn die Worte von Jesus sind mehr als Schall und Rauch. Darin ist Realität und Leben. Dynamit, das Mauern sprengt, Öl, das Wunden heilt, Brot, das unsere Seele satt macht.
Die Worte Gottes sind keine leeren Hülsen, sondern Lebensworte. Deshalb möchte ich dich ganz zum Schluss fragen, ob du schon ähnliche Erfahrungen gemacht hast? Das wünsche ich dir. Denn der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus dem Mund Gottes hervorgeht. Hört sich übrigens nicht nur gut an, sondern ist so.

Herzlich
Dein Roland Werner

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31. Forever Friends

31. Forever Friends

Freundschaft ist einer der höchsten Werte der neunziger Jahre. So hat kürzlich der Trendforscher Matthias Horx verkündet. Freunde für immer. Das ist der Traum, den viele junge Leute haben, mit denen ich spreche. Und ich verrate ein Geheimnis: Auch Leute jenseits der Schallmauer sehnen sich nach echter, bleibender Freundschaft.
Gerade weil das mit den Beziehungskisten, mit dem Verhältnis Männlein – Weiblein, oft so schwierig ist. Zumindest einen guten Freund müßte man haben. Der würde die Zeiten überdauern und das Auf und Ab der verschiedenen Beziehungen mit den Partnerinnen oder Partnern kritisch-freundschaftlich begleiten.
Ein Freund, mit dem man schon im Kindergarten und in der Grundschule zusammen war, mit dem man die Bäume erklettert und die Fußbälle in die Fensterscheiben der Nachbarhäuser geschossen hat. (Ich rede natürlich hier als Mann von männlichen Idealbildern). Ein Freund, der bei den ersten Versuchen, das Spiel von Verliebt, Verlobt, Verheiratet anzustossen, dabei stand und heimlich applaudierte oder Warnungen aussprach. Ein Freund, der half durch Prüfungsdepressionen und mit dem man die großen Entdeckungsreisen unternommen hat – per Bahn nach Marokko oder per Auto nach Griechenland. Ein Freund, mit dem man abends ein Bierchen trinken und über Gott und die Welt diskutieren kann. Ein Freund, der Rat gibt, wenn die Ehe mal wackeln sollte, der mit Squash spielt, um den ansetzenden Bierbauch zu bekämpfen, und der auch in der Rente noch fit genug ist, um beim Seniorenstammtisch kräftig auf den Tisch zu hauen.
Freundschaft ist mehr als in. Das merkst du an der Werbung, die das Thema voll ausschlachten. Das merkst du auch bei den Fernsehserien und den Kinofilmen, die in den letzten Jahren gedreht wurde.
Forever Friends. Viele wünschen sich das.
Aber daß der Wunsch so stark ist, zeigt, wie schwierig das mit dem Thema Freundschaft in Wirklichkeit ist. Viele wünschen sich solch eine Freundschaft – aber wer erlebt sie? Vor ein paar Tagen war ich auf CUX 99, dem Jugendfestival an der Nordseeküste. Es trug (wer hat jetzt von wem geklaut?) den Titel “Forever Friends”. Während einer Predigt – und zwar von Tim Linder, dem neuen Teenager-Referenten des Bundes der Freien Evangelischen Gemeinden – sollten wir eine Liste unserer Freunde aufschreiben. Freunde, auf die wir uns wirklich verlassen können.
Leicht fiel mir das nicht. Natürlich habe ich Freunde. Viele sogar. Dafür bin ich total dankbar. Aber Tim setzte noch einen drauf: Schreibe die Freunde auf, bei denen du sicher bis, daß sie alles für dich geben würden, selbst ihr eigenes Leben. Bäng! Das war schwer. Wer würde das schon tun?
Und dann fielen mir die Freunde ein, die ich einmal hatte, die aber jetzt offensichtlich kein Interesse mehr an mir haben. Mir fielen die ein, bei denen ich gehofft hatte, daß es wirklich eine echte, langfristige Sache sein könnte, und wo wir dann doch im Streit oder im Unverständnis auseinander gegangen waren. Mir kamen die Verletzungen und Verwundungen in den Sinn, die Freunde mir zugefügt haben, und natürlich auch die Punkte, wo ich sie enttäuscht oder verletzt hatte. Und mir wurde klar, daß ich natürlich die Fehler der anderen deutlich sehen kann, aber daß es mir schwerfällt zu erkennen, wo meine Fehler und Versäumnisse lagen.
Forever Friends. Ist das nicht eine Illusion? Gibt es das überhaupt, daß Menschen einander über Jahre und Jahrzehnte die Treue halten und Freundschaft bewahren? Irgendwo las ich neulich den Satz, daß ein Mensch sich glücklich schätzen könne, wenn er aus jedem Lebensjahrzehnt eine Freundschaft bewahren kann. Und da merkte ich, daß es da um mich doch besser bestellt ist.
Ich sollte also Namen aufschreiben, Namen von echten Freunden. Beim Nachdenken fielen mir dann doch ein paar ein. Interessant war, daß ich zuerst die aufschrieb, die in anderen Ländern wohnen. Könnte es sein, daß gerade der Abstand sie in hellerem Licht erscheinen läßt und daß ich die Freunde, die näher sind, für selbstverständlich nehme und ihre Fehler mehr wahrnehme? Nach und nach kamen mehr Namen auf die Liste. Und damit wuchs meine Dankbarkeit. Ich merkte, daß die Kriterien, an denen ich Freunde messe, unwahrscheinlich hoch sind, um nicht zu sagen perfektionistisch. Und das scheint nicht nur mir so zu gehen. Mir begegnet das auch in Gesprächen immer wieder – diese Erwartung, daß es einen Freund gibt, der sozusagen alle Interessen abdeckt, dessen Hobbies sich genau mit meinen decken, der für alles Verständnis hat und der immer genau dann Zeit hat, wenn es mir paßt.
Im Aufschreiben der Namen wurde mir bewußt, wie viele Freunde ich in Wirklichkeit habe. Wie viele Menschen sich zu mir stellen. Auf wie viele ich bauen kann. Und mir wurde neu bewußt, was für ein großer Reichtum darin liegt, Freunde zu haben.
Beim Aufschreiben wurde mir klar, daß ich nicht auf das schauen soll, was der eine oder andere Freund nicht hat oder nicht bringt, sondern auf das, was er in seiner Freundschaft als Geschenk in mein Leben legt.
Und ich merkte, daß die eigentliche Frage, die ich mir stellen muß, nicht lautet: Wer sind deine Freunde? Sondern daß es viel spannender und wichtiger ist, darüber nachzudenken, wem ich Freund sein kann. Und was das bedeutet, daß ich Freundschaft lerne.
Denn das halte ich für eine hohe Kunst: Wirklich einem anderen Freund zu sein.
Von Jesus kann ich das lernen. Wenn ich sein Leben studiere, wenn ich auf seinen Spuren gehe, merke ich, was es heißt, wirklich ein Freund zu sein. Und ich erkenne, wie weit ich noch davon entfernt bin.
Jesus ist wirklich ein Freund für immer. Ihn hätte ich auch auf die Liste schreiben sollen.
Wer sind deine Freunde? Welche Namen würden auf Deiner Liste stehen? Ich möchte dir einen Rat geben. Und zwar: Schreibe eine weitere Liste. und zwar mit den Namen der Menschen, denen Du ein echter Freund sein kannst.
Meine Liste wurde immer länger, je mehr ich nachdachte. Doch einen Namen habe ich ohne großes Nachdenken sofort hingeschrieben. Elke. Ich bin wirklich gesegnet, denn meine Frau ist ohne Zweifel auch mein bester Freund. Das ist für mich immer wieder erstaunlich.
Forever Friends.
Jeder Mensch auf diesem Planeten sollte die Möglichkeit erhalten, den als Freund kennenzulernen, der sein Leben für seine Freunde gegeben hat.

In diesem Sinner grüßt Euch
Herzlich Euer
Roland Werner

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30. Don’t worry, be holy!

30. Don’t worry, be holy!

„Don’t worry – be holy!“ Das ist sicher die größte Herausforderung in meinem Leben. Nicht sorgen, sondern Gott vertrauen. Und „heilig“ zu sein. Wow — ziemlich große Ziele. Finde ich jedenfalls.
„Don’t worry — be happy!“ wäre auch schon ein Teilziel für mich, für das es sich lohnt, dass ich daran arbeite. Was mir dann schwerer fällt — das Nicht-Sorgen oder das Heiligsein –, kommt auf meine Tagesform an. Und natürlich auf das, was mir so begegnet. Und wer mir so begegnet. Und wie.

Christen können ja ganz schön eklig sein. Klar, nicht nur Christen. Aber die auch. Glaubt ihr nicht? Okay, ein paar Beispiele.
Ein Freund von mir zum Beispiel. Er war in den USA und tourte mit einer christlichen Schauspieltruppe durch die Gegend. Es war in den Südstaaten. Der Pastor lud ihn nach dem Gottesdienst in ein Restaurant ein. Super Sache. Der Pastor bestellte sich einen Wein. Ziemlich ungewöhnlich, da in den USA die meisten Christen Alkohol nicht von fern anrühren. Aber dieser war offensichtlich anders. Mein Freund denkt sich: Schön, dann kann ich mir ja auch ein Bier bestellen! Gesagt, getan. Als er aber das Glas an die Lippen setzt, sagt der Pastor: „Ich hab schon immer gewusst, dass du kein Christ bist!“ Spricht’s, steht auf — sein Weinglas ist natürlich völlig unangerührt –, lässt meinen Freund völlig perplex im Restaurant sitzen und wart nicht mehr gesehen!

Das sind so die Erlebnisse, für die man innere Heilung braucht und von denen die Therapeuten leben. Christen können ganz schön eklig sein.

Oder ein Schwank aus meinem Leben. Ich war in einer Gemeinde zum Predigen eingeladen. Da sie kulturell etwas konservativer waren, bemühte ich mich, mich anzupassen. Schwarze Hose, schwarze Strümpfe, ein anthrazitfarbener Anzug, den ich — völlig neuwertig — in einem Secondhand-Laden in Wiesbaden für sechzig DM gekauft hatte (durch meine langen Aufenthalte in der Dritten Welt fällt es mir total schwer, viel Geld für Kleidung auszugeben), weißes Hemd und ein schwarzer Wollpulli mit rundem Halsauschnitt. Elke meinte, ich sähe aus wie eine Mischung zwischen einem Mormonen und einem Bestattungsunternehmer. Mit anderen Worten sehr solide. Ich predigte also, leidenschaftlich und engagiert, wie ich es am Sonntagmorgen so schaffte.
Nach dem Gottesdienst sollte ich am Ausgang stehen und die Hände schütteln. Ein älterer Bruder zog mich am Ärmel — statt mir die Hand zu geben — und sagte: „Ich konnte heute die Predigt nicht hören!“ Während ich mich noch fragte, ob die Lautsprecher so schlecht gewesen seien oder er sein Hörgerät vergessen hatte, sprach er weiter: „Ich konnte die Predigt nicht hören, weil Sie keine Krawatte anhatten!“ Das saß! Jetzt hatte ich mir schon so viel Mühe gegeben, hatte extra diesen Anzug gekauft — und es war immer noch nicht genug. Es gab oberhalb des Pulloverkragens sowieso nur zwei Zentimeter, wo die Krawatte sichtbar gewesen wäre. Und genau diese zwei mal zwei Zentimeter waren zum Tuch des Anstoßes geworden. Ich war fix und fertig. Der Tag war für mich gelaufen.
Wie kann es sein, dass Christen so engstirnig, kleinkariert und einfach eklig sein können?
Das wollte mir nicht in den Kopf. Und will es auch jetzt noch nicht. Und dass ich es heute, Jahre später, noch aufschreibe, zeigt mir, dass ich es noch nicht ganz verdaut habe. Irgendwie schaffe ich es nie, alle Erwartungen zu erfüllen. Das macht mir echt Probleme. Ich werde damit nicht richtig fertig.

Heute zum Beispiel kriegte ich einen Brief, in dem jemand sich absolut aufregte und mich anmotzte, weil ich ihm noch nicht auf einen Brief und ein Telefonat geantwortet hatte. Ich war gerade ins Büro gekommen, hatte tagsüber in Wetzlar vier einstündige und eine halbstündige Radiosendung aufgenommen und hatte genau zehn Minuten Zeit, bevor jemand zu einem persönlichen Gespräch kommen wollte. Danach war Vorstandsitzung unseres Vereins, danach (ab 23 Uhr) e-mails beantworten angesagt und danach — also jetzt — die dran-Kolumne.
Gestern war ich den ganzen Tag für Leute unterwegs, morgen werde ich es sein, übermorgen, am Wochenende in Rostock, noch drei Predigten und Vorträge die Woche, dann ein Studientag in Süddeutschland und so weiter. Und mitten drin dieser Motzbrief, der mir immer noch im Magen liegt. Ja, warum habe ich ihm noch nicht geantwortet? Weil ich eben dreißig anderen Leuten Briefe geschrieben habe. Warum habe ich für ihn noch nicht Zeit gehabt? Weil ich mit Dutzenden anderen gesprochen habe, mir für sie Zeit genommen habe, mit ihnen gebetet habe.
Irgendwie komme ich nicht nach. Die Erwartungen sind zu hoch.
Ich bin einfach überfordert. Es bleibt immer ein Berg Arbeit übrig, weil ständig neue dazukommt. Ich fühle mich in die Ecke gedrängt, ausgenutzt, benutzt. Ja, auch von Christen. Von christlichen Egoisten, sollte man vielleicht besser sagen. Und jetzt schütte ich das alles über euch aus, liebe dran-Leser. Ich würde gern eure Gedanken wissen.

Einige denken vielleicht: Da ist der Roland selber Schuld, wenn er so viel annimmt. Der kann offensichtlich seine Zeit nicht managen! Er sollte auf seine Gesundheit achten. Mag stimmen.
Aber ich möchte euch eins sagen: Ich habe es erlebt, dass es oft dieselben Leute sind, die mir gute Ratschläge dieser Art geben — und die gleichzeitig aber erwarten, dass „ihr“ Anliegen gehört wird und dass „ihre“ Veranstaltung die Ausnahme ist. Es sind oft die gleichen Leute, die einen brutal aussaugen und die auf der anderen Seite nicht bereit sind, einen Finger für einen selbst zu krümmen.
Ich weiß, dass das nicht nur mir so geht. Ich höre Ähnliches von anderen Predigern oder Leitern, denen es ähnlich geht. Deshalb bitte ich euch: Macht eure Leiter nicht kaputt!
Erwartet nicht Übermenschliches von denen, die „vorn“ stehen.
Sie sind auch nur Menschen mit einem 24-Stunden-Tag. Und sie wollen auch einmal Freiraum, einfach sie selbst zu sein, zu atmen und irgendwann das Gefühl zu haben: „Was ich tue, ist okay und reicht aus!“

Vielleicht ist aber diese Hoffnung schon in sich falsch. Vielleicht ist das ja der Weg, auf den Jesus ruft. Johannes Chrysostomos, der große Prediger in Konstantinopel, hat einmal gesagt: „Der Märtyrer stirbt einmal für seinen Herrn. Der Hirte stirbt tausendmal für seine Herde.“ Vielleicht muss das ja so sein. Vielleicht lässt Gott das extra zu, dass die Hand, die das Futter gibt, auch noch gebissen wird. Und vielleicht reicht es wirklich aus, dass Jesus da ist.
Und dass er sagt: Ich sehe, wer du bist, was du tust, was du schaffst und was du nicht schaffst. Und ich stehe zu dir, egal, ob die Leute dich verstehen, ob du in ihren Augen ein Versager bist, ob sie dich verachten und verurteilen. Vielleicht reicht es ja wirklich aus, dass er sagt: „Hey, weil du in mir bist, gibt es keine Verdammnis für dich. Du brauchst nicht mehr zu sorgen, sondern du darfst heilig sein. Dein Job ist es nicht, alle zu überzeugen, ihnen zu zeigen, dass du doch ganz okay bist, sondern einfach, sie zu lieben, sie zu segnen und weiter für sie da zu sein. Weil ich für dich da bin.“
Vielleicht reicht das ja. Vielleicht ist das ja genug. Sicher ist das genug, wenn Jesus mir nahe kommt, mich zu sich hochzieht und sagt: Entspann dich, Junge. Vergib denen von Herzen, gegen die du eine Klage hast. Du willst ja auch, dass sie dir vergeben bei ihren Klagen gegen dich. Vergib ihnen von Herzen, Roland. Dem scheinheiligen Pastor mit dem Weintrick. Dem ergrauten Bruder mit seinem Krawattentick. Und dem unbarmherzigen Briefeschreiber, der keine Ahnung davon hat, wie dein Leben wirklich aussieht. Vielleicht ist es ja genug, wenn Jesus kommt und zu dir und zu mir und zu uns allen sagt: „Don’t worry — be holy!“ Entspann dich und konzentriere dich auf das eine, was wirklich wichtig ist.
Oder was meint ihr?

Herzlich euer
Roland Werner

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29. Reggae, Rum und Real Worship

29. Reggae, Rum und Real Worship

„And while you are here – be a Jamaican!“. Mit diesen Worten begrüßte uns die Distriktbürgermeisterin der Provinz Clarendon auf Jamaica vor einigen Wochen. Wir befanden uns in einem Empfang, zu dem Leiter der Kirchen und der Politik eingeladen waren. Mit vielen Reden und einem echt jamaikanischen Buffett wurden wir willkommen geheißen. Bei den etwa dreißig Grad Celsius und einem leicht feuchten Klima schwitzte ich in meinem Anzug komplett mit Weste und Schlips ziemlich. Eigentlich hatte ich mir ja bei meiner Konfirmation geschworen, nie mehr eine Krawatte zu tragen. Aber für das Ziel, Menschen für Jesus zu erreichen, tut man ja einiges. Zum Beispiel sich an die Kultur anpassen, damit ich Leute nicht vor den Kopf stosse, sondern ihr Herz erreiche.
„Be a Jamaican!“ So sprach die beieindruckende Dame. Ihr offizieller Titel war „Her Worhip the Mayor, Councillor Minnie Clarke“, also etwa „ihre Verehrungswürdigkeit die Bürgermeisterin, Ratsmitglied Minnie Clarke. So musste man sie anreden. Die breite goldene Amtskette wies sie als politischen Kopf der Provinz aus. Und das war ihr Rat an uns: Solange wir in Jamaika waren, sollten wir Jamaikaner sein. Das versuchten wir dann auch.
Wie kamen wir hier her? Elke und ich waren einer Einladung von örtlichen Kirchen gefolgt und zu einer Evangelisation auf die Karibikinsel gefahren. Die Freunde, denen ich das erzählte, nahmen mir das nicht ganz so ab: Evangelisieren? Ihr wollt doch nur am Strand liegen und Sonne tanken!
Na ja, als Leiden für Jesus will ich die zehn Tage auf der Insel auch nicht gerade verkaufen. Aber die reine Erholung war es nun auch wieder nicht. Schließlich wollte und sollte ich das Evangelium verkünden. Wie kam es dazu?

Vor einigen Jahren war Billy Graham nach Jamaika eingeladen worden. Doch er hatte abgesagt. Dann merkten die Verantwortlichen, dass eine der Hauptnotwendigkeiten für die Christen dort die Schulung zum Weitergeben des Glaubens ist. Also wurde die „Billy Graham Gesellschaft“ eingeladen, einen landesweiten Kurs in persönlicher Evangelisation und Gesprächsfähigkeit durchzuführen. Außerdem wollte man parallel in mehreren Städten eine größere Evangelisation durchführen, die dann in eine weitere Veranstaltungsreihe mit Franklin Graham, dem Sohn von Billy, in der Hauptstadt Kingston münden sollte. Warum ich nun gerade eingeladen worden war, um dort in einer der Städte im Landesinneren zu sprechen, ist mir bis heute nicht ganz klar. Aber das war eigentlich auch egal. Auf jeden Fall hatten wir uns in den Flieger gesetzt und gelangten nach Umsteigen in London in ungefähr 14 Stunden nach Montego Bay, der zweitgrößten Stadt.

Sehr sympathisch war mir gleich, dass der Pastor, der uns dort spät abends abholte, auch Roland hieß. Es war dann auch ein entsprechend netter Mensch.

Wir übernachteten im Haus seines Bruders, der Polizeiinspektor war und fuhren dann morgens um 6 Uhr los. Es ging die Nordküste entlang, wo eine Touristenhochburg neben der anderen liegt. Nach echt jamaikanischem Frühstück gegen 10 Uhr — Ackee und Salzfisch mit gekochten Bananen und Spinat serviert — bogen wir schließlich von Ocho Rios nach Süden ins Landesinnere ab nach May Pen. Dieser Ort ist nach einem anglikanischen Geistlichen mit Namen William May benannt, der vor rund zweihundert Jahren dort lebte. May Pen ist die viertgrößte Stadt Jamaikas und ein Zentrum der Landwirtschaft. Etwa 50-60 Gemeinden aus May Pen beteiligten sich an der Evangelisation, die offizielle Zahl war 85, weil noch einige aus der Umgebung dazukamen. Allein das fand ich schon erstaunlich. Erstens, dass es überhaupt so viele Gemeinden gibt, und zweitens, dass sie so eng und einmütig zusammenarbeiten, wenn es darum geht, Jesus zu verkündigen. Von den Anglikanern über die Baptisten und anderen evangelikalen Gruppen bis hin zu den Pfingstlern und charismatischen Gruppen waren alle dabei. Bis zum Ende wurde ich kein einziges Mal gefragt, welcher Kirche ich denn nun angehöre. Das schien keinen zu interessieren, so lange ich nur Jesus verkündigte.

Überhaupt fühlte ich mich geehrt, als Hellhäutiger (Elke stach optisch immer aus der Masse der Besucher heraus) und als Deutscher dort sprechen zu dürfen. Jeder der Pastoren hatte die Fähigkeit, lauter als ich zu beten. Meine Stimme reicht nicht an die Hälfte des normalen jamaikanischen Predigervolumens heran. Und dennoch, wann immer ich meine Zweifel äußerte, ob ich denn so der Richtige sei, da doch die meisten Pastoren dort eindrücklicher und begeisternder predigen konnten als ich, wurde mir gesagt: „But you are the chosen one!“ „Aber du bist der Auserwählte!“ Wow, das tat gut! Das ganze fand auf dem landwirtschaftlichen Ausstellungsgelände statt. Einmal im Jahr treffen sich dort alle Kühe Jamaikas zu einem Schönheitswettbewerb. Als Ort für eine christliche Veranstaltung wurde das Gelände offenbar noch nie benutzt, obwohl das Gebäude neben der Tribüne den blumigen Namen „The Grace Pavilion“ – „Der Pavillon der Gnade“ trug. Vielleicht war er aber auch nur nach einer Dame mit dem Namen Grace benannt.

Vor dem eigentlichen Beginn gab es einen Probedurchlauf mit Gottesdienst. Der Massenchor mit über 400 Sängern war aufgestellt, die Ordner und Seelsorgehelfer und andere Mitarbeiter sowie alle Pastoren waren da. Bei einem Probedurchlauf geht es ja darum, mögliche Fehlerquellen auszuschalten. Eine davon war sehr offensichtlich: Das Soundsystem fehlte. Der Verantwortliche war einfach nicht angerückt, und so mussten ein paar Jungs noch schnell ein kleineres von einer Gemeinde ankarren. Das verzögerte unseren Probedurchlauf natürlich ziemlich, und ich verkürzte meine Ansprache auf etwa 5-10 Minuten. Das Gute aber war, dass wir zumindest eine größere Schwachstelle entdeckt hatten, die dann auch behoben werden konnte.
Es ging dann am nächsten Abend los. „Celebrate Jesus 99“ war das Thema, und so war auch die englische Fassung des Christival-Gebetsbewegungsschlagers der Themasong der landesweiten Evangelisation. Das Feld vor der Tribüne füllte sich kontinuierlich, bis etwa 4000 Leute da waren. Während der ganzen Zeit sorgte eine Anbetungsband für fröhliche Musik.

Wenn Jamaikaner singen, dann singen sie. Und wenn sie singen, dann stehen sie auf. Und wenn sie stehen, dann klatschen sie. Und wenn sie klatschen, dann bewegen sie sich.

Singen, klatschen, tanzen – all das ist Teil des selben Vorgangs. Selbst die Omas, die beim besten Willen nicht mehr von ihren Stühlen hochkamen, rockte und swingten noch im Rhythmus mit. Da wurde selbst ich (kühler, eher norddeutsch geprägter Typ) locker. Die leitenden Pastoren beteten immer noch kurz im Grace Pavilion mit mir und dann ging es auf die Bühne. In meiner Naivität und Unkenntnis der Kultur dachte ich anfangs, dass wir ja direkt die Treppe hoch aufs Podium benutzen könnten. Doch da lag ich vollkommen falsch! Angesagt war vielmehr, dass wir in einer feierlichen Prozession durch die singend, swingende und lobpreisende Menge zogen, begleitet von Händeschütteln und Segensrufen der Leute. Die Videokamera, die dann vor der Bühne jeden unserer Schritte aufnahm, tat ein Übriges, um uns zu zeigen, dass wir willkommen und wichtig waren. Erst wenn wir oben waren, mündete der allgemeine Lobpreis ins Themalied und dann ging das offzielle Programm los.

Ich will euch jetzt nicht mit allen Details der Abende langweilen. Aber was mich besonders beeindruckt hat, war die Offenheit der Leute für das Evangelium. Die Leute waren mit einer großen Erwartungshaltung gekommen. Sie hörten aufmerksam auf die Predigt und waren sicher, dass Gott zu ihnen und zu ihren Freunden sprechen würde. Im Lauf der Abende wuchs die Anzahl der Besucher — nach einem kleinen Rückgang am zweiten Abend — auf gut 6.000 Menschen an. Und jeden Abend öffneten viele ihr Herz für Jesus. Dabei ging es nicht darum, sich „einen Segen abzuholen“ oder „mal eben nach vorn zu gehen, um zu schauen, was dort los ist“. Sondern es ging ganz klar um Abkehr von falschen Lebenswegen und Hinkehr zu Jesus.

„Be a Jamaican“. Das hatte Minnie Clarke uns am Anfang gesagt. Am letzten Abend kam sie selbst und Elke konnte noch mit ihr beten.  Das war sowieso ein wesentlicher Teil unserer Zeit in Jamaika. Rum sahen wir nicht, Reggae hörten wir nur im Radio und teilweise bei den Rhythmen der Anbetungslieder. Aber wir konnten das Land mit Licht- und Schattenseiten kennen lernen und vielen Leuten sehr persönlich begegnen. Ich hielt eine Ansprache vor dem Regionalparlament. An einem Morgen um 7 Uhr sprach ich bei einer Schulandacht im Freien vor 1500 Grundschülern. Wir besuchten ein Behinderten- und Altenheim, in dem je 30-40 Leute in einem Schlafsaal zusammen lagen. Wir sprachen und beteten an einem Strand mit Fischern. Wir beteten mit der sterbenden Mutter eines hoch gestellten Politikers. Wir predigten in einer örtlichen Baptistenkirche – Elke im Frühgottesdienst um 6:45 Uhr und ich im Hauptgottesdienst um 10 Uhr. Wir hörten viele Geschichten aus der Zeit, als die Jamaikaner noch Sklaven der englischen Großgrundbesitzer waren. Und wir erfuhren die überwältigende Gastfreundschaft der leitenden Pastoren am Ort.

Was habe ich gelernt? Für mich war es großartig zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit die Christen in Jamaika ihren Glauben weitersagen. Fast jeder in Jamaika weiß genau, was Christsein heißt, und ob er Christ ist oder nicht. Selbst der Taxifahrer, der uns in Kingston zum Flughafen fuhr, erzählte uns wie selbstverständlich, dass seine Frau Christ sei, er selbst früher einmal Christ war, jetzt aber nicht mehr, aber dass er zu zwei der Abende mit Franklin Graham gehen würde und vielleicht würde ihn Gott dort ja wieder zum Christen machen. Gefreut habe ich mich über die Zusammenarbeit der Christen und über den Worship, der die ganze Person umfasst. Und dankbar bin ich zu Gott, dass ich einen ganz kleinen Beitrag dazu leisten konnte, dass Jamaikaner in die Freiheit hineinkommen, die Gott für alle seine Kinder bereit hält. Das war’s für heute.

Herzlich euer
Roland Werner

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28. Erweckung braucht das Land

28. Erweckung braucht das Land

Über Silvester war ich in Holland bei Mission 99. Ein beschaulicher Jahreswechsel war es nicht gerade, da außer mir noch etwa 7000 andere Leute in der Halle mitfeierten. (Mehr dazu auf Seite 24 …)
Als der Silvesterabend kam, ging voll die Post ab. Die tausend Norweger rückten im Rudel an. Jeder von ihnen schien eine eigene Flagge dabei zu haben. Auch die Schweizer sparten nicht mit ihrer Nationalfahne. Einige hatten sogar die Fahne ihres Kantons dabei, vor allem die aus dem Wallis. Besonders heiß waren auch die Griechen, die Italiener und die Portugiesen. Diese hatten sich ihre Landesfarben praktischerweise gleich ins Gesicht gemalt. In dem unübersehbaren Fahnenmeer wagten zwei Deutsche ganz schüchtern, eine deutsche Flagge zu schwingen. Ein dritter hatte noch ein Plastikteil dabei, das er vorsichtig in die Luft hielt. Einer von ihnen sprach mich noch vor der Abendveranstaltung an und meinte halb entschuldigend, er brauche sich dafür nicht zu schämen, da es doch die Fahne der Demokratie sei. Silvester selbst war dann ein irres Erlebnis. Wir feierten, wir beteten, wir tanzten und wir umarmten einander. Die Stimmung war bombig. Jesus war im Zentrum, und der Auftrag, in der Welt sein Evangelium auszubreiten.

Am ersten Januar kam eine deutsche Teilnehmerin auf mich zu. Weil ich im Vorstand von Mission 99 war, fragte sie, ob ich ihnen einen Raum besorgen könnte, in dem sie zusammen mit anderen deutschen Teilnehmern beten könnte. Ihnen war aufgefallen, dass die Leute aus anderen Ländern viel spontaner und begeisterter reagierten. Die Sache mit der Flagge hatte das für sie noch einmal ausgedrückt. „Warum haben wir eigentlich so ein gespaltenes Verhältnis dazu, dass wir Deutsche sind?
Warum können wir nicht genauso unbefangen sein wie die anderen europäischen Kids?
Und was ist mit uns los, dass wir immer einen auf kritisch und distanziert machen müssen, dass wir unsere Gefühle immer kontrollieren und niederhalten?“ Damit mich kein Leser missversteht: Es geht mir nicht um die Flagge an sich, erst recht nicht um die deutsche. Im Himmel werden wir sowieso nur noch eine schwenken, nämlich die Fahne von Jesus und seinem Reich. Und ich bin voll dafür, dass wir immer mehr Nationalgrenzen abbauen und dass in der Gemeinde die Internationalität schon gelebt wird. Aber was die Teilnehmerin sagte, war nicht nur ihr eigenes Gefühl, sondern das von vielen. Es geht um etwas viel Tieferes. Nämlich darum, ob wir wirklich etwas von Gott erwarten für unser Land und für die junge Generation. Oder ob wir schon längst resigniert haben. Ob wir glauben, dass Gott auch in Deutschland etwas Neues tun will, oder ob wir nur noch tatenlos den schleichenden oder galoppierenden Abbruch aller christlichen Überreste hinnehmen wollen. Die deutschen Teilnehmer bei Mission 99 jedenfalls wurden von dieser Vision gepackt: Was in anderen Ländern möglich ist, muss doch auch bei uns möglich sein!

Ich konnte ihnen keinen Raum besorgen, da alles restlos überbelegt war. So trafen sich etwa achtzig Leute auf dem Hauptflur zum Gebet. Ein JesusFreak aus Nürnberg schwang die Gitarre — und los ging es mit Lobpreisliedern. Das öffentliche Gebetsmeeting dauerte eine Stunde. Dann verabredeten sich alle wieder für die Zeit nach dem Abendessen. Ich war nur kurz dabei – diesmal in einem Raum – als fast 200 deutsche Teilnehmer anfingen, für Erweckung in unserem Land zu beten. Für mich war diese spontane, ungeplante Veranstaltung einer der Höhepunkte des ganzen Kongresses. Denn hier hatten junge Leute den Mut, einem Impuls zu folgen und anzufangen, praktische Schritte zu gehen. Sie sahen, was ist, und hatten eine Vision von dem, was sein könnte. Und sie fingen an, andere zusammenzurufen und gemeinsam für Veränderung zu beten. Wenn wir etwas brauchen in unserem Land, dann ist es eine neue Vision, eine neue Sicht für das, was Gott durch uns tun will. Eins der größten Probleme bei uns ist meiner Meinung nach der Zwang zur Mittelmäßigkeit. Der Anpassungsdruck ist unwahrscheinlich stark. Nur nicht aus der Reihe tanzen! Nur nicht enthusiastisch werden! Nur nicht etwas anfangen, was hinterher nicht gelingt! Die Angst vor Kritik ist sehr groß — und sehr berechtigt, denn wir sind sehr schnell dabei, alles und jedes zu kritisieren. Und so stellen wir uns selbst ständig Hindernisse in den Weg. Wir blockieren uns selbst. Viele wollen Erneuerung und Erweckung. Viele sehnen sich nach einem neuen Aufbruch. Aber mindestens genauso groß wie die Sehnsucht danach ist die Angst davor, dass etwas geschieht, was man nicht mehr kontrollieren kann. Erweckung ja, aber bitte in der Art und Weise, in der Glaubensform, die ich kenne und gut finde!

Doch so kommen wir nicht weiter. Und Stillstand ist Rückschritt. Wer die Zeichen der Zeit sieht, erkennt dies. Deshalb möchte ich Mut machen, konkrete Schritte in Richtung Aufbruch, Erweckung, Erneuerung zu gehen. Wie du es genau nennst, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass es passiert. Was sind die notwendigen Schritte?

Erstens: Einheit suchen. Wir müssen unsere Mauern niederreißen und unsere aufeinander gerichteten Waffen niederlegen.
Wir müssen die anderen als Schwestern und Brüder in Jesus erkennen und anerkennen und, wo irgend möglich, zusammenarbeiten. Dazu gehört auch, einander um Entschuldigung zu bitten und zu vergeben.
Zweitens: Gebet. Wir brauchen eine neue Gebetsbewegung, überall, in allen Dörfern, Städten, in allen Gemeinden und Gruppen. 2. Chronik 7, 14 gibt diese Verheißung: „Wenn mein Volk, das nach meinem Namen genannt ist, sich demütigt und betet … dann will ich hören vom Himmel, ihre Schuld vergeben und ihr Land heilen.“ Ohne Gebet läuft gar nichts. Das haben alle Menschen Gottes zu allen Zeiten gewusst.
Drittens: Mutige Initiativen. Wir brauchen mehr Kreativität. Mehr Freisetzung von neuen Ideen. Wir müssen aus unserem Ghetto ausbrechen und auf die Straßen und in die öffentlichen Orte. Nur so haben andere überhaupt die Chance, uns zu fragen und auch den Weg zu Gott zu finden. Es gäbe noch mehr Schritte. Aber wenn wir diese drei konsequent in die Tat umsetzen, werden wir erleben, wie Gott handelt und neuen Aufbruch gibt — auch in unserem Land. Dafür will ich mich einsetzen. Bist du auch dabei?

Herzlich, dein
Roland Werner

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27. Hollywood, Träume und der triste Alltag

27. Hollywood, Träume und der triste Alltag

Vor ein paar Wochen war ich mit Torsten im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Torsten ist ein Mitarbeiter bei FRIENDS, und das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist natürlich Kalifornien. Während es in Deutschland pflichtgemäß Katzen und Hunde regnete, schien dort die Sonne selbstverständlich und unverschämt auf sowieso schon gebräunte und durchgestylte kalifornische Körper. Dass das Leben ungerecht ist, wusste ich schon lange … (Noch ungerechter ist es wahrscheinlich für alle, die dies lesen und sich ärgern, dass sie nicht zumindest ein paar Tage aus dem Mistwetter herauskommen konnten. Verzeiht mir …)
Wir waren dort zu einer Konferenz in Hollywood. Pastoren und Evangelisten trafen sich mit Filmproduzenten, Regisseuren und
screen-writers, Drehbuchautoren. Gemeinsam wollten wir herausfinden, welche Stimme wir als Christen in der bezaubernden Welt der Filmmedien haben können.
Es war wirklich bezaubernd und faszinierend. Den Autor von Braveheart zu treffen und andere Größen der Filmindustrie, das war schon etwas. Berühmte Leute überall um einen herum. Man konnte die Bedeutsamkeit dieser Leute förmlich mit Händen greifen. Ein gemeinsamer Nenner war, dass sie alle einmal klein und unbekannt angefangen hatten, es nun aber geschafft hatten. Sie waren gemachte Leute. Bekannt, verehrt, bewundert, beneidet. Kein Wunder, dass die Faszination von Hollywood
sich wie ein Teppich von Schnee über alle legt. Wahrscheinlich auch kein
Wunder, dass es in Hollywood ungefähr 80.000 arbeitslose Schauspieler gibt, die auf ihre große Stunde warten. Auf die große Chance ihres Lebens. Auf den Augenblick, in dem sie aus dem Schatten der Unbekanntheit heraustreten können in das Neonlicht des Ruhms.
Das ist der Traum vieler Menschen – nicht nur in Hollywood. Endlich die Traumkarriere, das Traumgehalt, das Traumhaus, den Traumjob finden. Endlich aufbrechen aus dem tristen Alltag. Endlich alle Träume wahr machen. Endlich erleben, was man hofft.

Was in Hollywood so spürbar war, kenne ich aus meiner eigenen Erfahrung. Die Gegenwart kommt mir häufig leer, unwichtig, unbedeutend vor. Irgendwann muss es doch mehr geben, irgendwo muss doch der Kick liegen. Irgendwie muss ich nur den richtigen Schalter finden, dann kann ich so richtig durchstarten.
Irgendwann will ich etwas richtig Großes und Bedeutsames für
Gott tun. Ich will das fühlen und spüren, dass mein Leben Sinn hat. Dass es eine Bedeutung hat, was ich tue. Und so sitze ich in meiner Warteschleife, die gekennzeichnet ist vom Wechselspiel von Frust und Hoffnung. Ich träume und warte, hoffe und plane, ich lebe im Morgen oder in der Vergangenheit.

Nur eins tue ich nicht: Die Gegenwart ergreifen. Ich sehe nicht die Chance des Heute. Mein Leben heute ist irgendwie nicht wichtig genug,

um geachtet und wertgeschätzt zu werden. Wenn irgendwo irgend etwas los ist, bin ich gerade nicht da. Die Action ist immer woanders.
Für Gott etwas tun – ja, das könnte ich, wenn ich irgendwo anders wäre, zum Beispiel in Afrika. Oder einem Katastrophengebiet. Zur Not noch als
Mitarbeiter in einem christlichen Werk hier in Deutschland. Anderen von Gott erzählen – ja, das könnte ich, wenn ich besser reden könnte, wenn ich alle Argumente hätte, wenn ich heute besser drauf wäre. Anders leben, positiv anstößig – ja das würde ich, wenn ich besser ausgebildet wäre und mich mehr Leute unterstützen würden. Nicht, dass mir der gute Wille fehlt. Aber die Voraussetzungen sind einfach nicht gegeben. Vielleicht später, wenn sich die Lage ändert. Wenn es nicht mehr so viele Probleme gibt, wenn …

Nicht nur die 80.000 Möchtegern-Stars in Hollywood hängen ihren Träumen nach. Doch für sie und für mich und für alle gilt, dass solche Träume die größten Feinde der Wirklichkeit sind. Wenn ich nur noch träume und nicht mehr lebe, dann ist der Wurm drin. Wenn Träume zum Ersatz für die Wirklichkeit werden, dann behindern sie mich und mein Wachstum als Christ.
In einem alten Gebet steht ein Satz, der genau das ausdrückt: „Hilf aus den Gedanken ins Leben hinein, ganz ohne Wanken dein Eigen zu sein!“ Weg vom reinen Denken hin zum wirklichen Leben. Als Christen können wir lernen, den Alltag unseres Lebens anzunehmen und aktiv zu  gestalten. Wir müssen nicht in eine Traumwelt fliehen. Jesus hat mitten
im Alltag Gottes Willen getan. Der Schlüssel dafür, diese Welt für Gott zu
gewinnen, ist einfach, dass jeder seine eigene Alltagswelt erreicht.
Das ist einfach und schwer zugleich. Aber es ist möglich. Jesus sagt uns,
dass wir „in“ der Welt, aber nicht „von“ der Welt sind. Er will uns fähig machen, diese Welt zu verändern. Und zwar mitten im Alltag. Er will uns Träume geben, die nicht lähmen, sondern dazu freisetzen und anspornen, wirklich etwas Neues anzufangen.
In Hollywood kamen vor zehn Jahren ein paar Christen zusammen. Sie fingen an zu beten, zu träumen, zu planen. Ihre Vision war ein Netzwerk von Christen, die in der Filmbranche tätig sind. Heute gehören zu diesem Netzwerk über 4000 Leute. Gemeinsam versuchen sie, ihre Welt, Hollywood, mit der Liebe und der Wahrheit Gottes zu durchdringen. Jeder an seinem Ort. Sie treffen sich zu Schulungen, zum Austausch und zum Gebet. Mitten in Hollywood baut Gott seine Gemeinde auf. Das tut er überall.

Vermutlich ist dein Alltag nicht Hollywood. Meiner auch nicht. Ich wohne in Marburg und bin viel auf Tour. Das bedeutet, viele Leute zu treffen, hier und da im Mittelpunkt zu stehen. Aber es bedeutet auch lange Autofahrten am Tag und bei Nacht, wenn ich viel lieber spazieren gehen würde. Es bedeutet einen unregelmäßigen Lebensrhythmus, der den Körper ganz schön schlaucht.
Ich weiß nicht, wie dein Alltag aussieht. Aber eins weiß ich: Jesus ist bei dir. Er ist das Licht mitten in deiner Wirklichkeit. Er ist mehr als nur ein schöner Traum. Und deshalb möchte ich dich ermutigen, nicht nach Hollywood zu schauen. Auch nicht nach Marburg oder anderswohin. Sondern auf Jesus zu schauen. Und  dann mit ihm auf die Welt, die er durch dich berühren will. Und dann wirst du Wunder erleben. Mitten im Alltag. Da, wo du sie brauchst. Zwar werden nicht alle deine Träume wahr. Aber du wirst merken, dass du selbst Teil des großen Traumes Gottes bist. Und zwar als einer der Hauptdarsteller.

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26. Ehrlich werden

26. Ehrlich werden

„Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben …“ Wie oft habe ich das gebetet — auf Deutsch und in allen möglichen anderen Sprachen. Eine grobe Schätzung über mich selbst ergibt, daß ich bei etwa 40 Prozent der Fälle die Sätze einfach spreche, ohne mir über ihren Inhalt weitere Gedanken zu machen. In etwa 20 Prozent der Fälle denke ich darüber nach, wem ich was zu vergeben habe und da fällt mir relativ schnell viel ein. Dann denke ich meistens: Gut, dass es dieses Gebet gibt, damit ich daran erinnert werde diesen unmöglichen Sündern großmütig zu vergeben. Und ich hoffe, dass der Sünder zumindest weiß, wie nett ich bin, ihm zu vergeben.
In etwa 20 Prozent versuche ich ernsthaft, mir meine gegenwärtigen oder gerade begangenen Sünden ins Gedächtnis zu rufen, damit ich sie in das Gebet einpacke. In etwa 15 Prozent freue ich mich darüber, daß ich so zu Gott reden darf, dass er uns dieses Gebet anbietet. Und die restlichen 5 Prozent — oder sind es nur ein Prozent? — merke ich, wie Gott mich in eine Tiefe und Weite führt, in der ich diese Worte echt beten kann. Für mich, aber auch stellvertretend für die vielen, die nicht mehr oder noch nicht wissen, was Beten ist. Dann bete ich es und meine es wirklich:

„Vergib (obwohl ich es wirklich nicht verdiene) mir (dem alten Versager, der immer noch nichts dazugelernt hat) meine Schuld (die real ist und mir vor Augen steht), wie auch ich (wer bin ich eigentlich, daß ich etwas anderes tun könnte) vergebe (und zwar gern, weil mir soviel vergeben ist) …“

Vergib uns unsere Schuld. In der Bibel ist häufig von unserer Schuld die Rede, ob uns das passt oder nicht. „Denn unsere Missetat stellst du vor dich, unsere unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht“ (Psalm 90, 8). Das ist unbequem. Wer hat schon Lust, an die negativen Punkte in seinem Leben erinnert zu werden? An die echten Versager?
Deshalb haben wir im Lauf der Jahre eine echte Meisterschaft darin entwickelt, diese Sachen zu verdrängen. Wenn wir Fehler machen, schuldig werden, Leute verletzen, feige sind, lügen, faul sind, ungerecht und unbarmherzig, stolz, rechthaberisch und so weiter …, haben wir meist eine Erklärung auf Lager, warum wir gar nicht anders handeln konnten und warum dies eine Ausnahme ist. Es fällt uns nicht leicht, uns zu unseren Sünden und Fehlern zu stellen, nicht vor Menschen und auch nicht vor Gott. Scheinbar ist es vor Menschen noch schwerer als vor Gott, weil wir Gott nicht sehen und meistens seine direkte Reaktion nicht so mitkriegen.
In Wirklichkeit ist es aber noch viel schwerer, wirklich vor Gott ehrlich zu werden. Ich fürchte, dass wir häufig deshalb nicht zur Freude der Sündenvergebung durchdringen, weil wir nur zu einem Bild von Gott reden. Zu einem zahmen Gott, zu einem Wunschbefriedigungsgott, und nicht zu dem wahren, heiligen, lebendigen Gott, der zu fürchten ist.

Als ich vor ein paar Wochen im Christus-Treff Gottesdienst hier in Marburg predigte, gingen die Wogen hoch. Am Abend in den diversen Kneipen, sogar am nächsten Tag in der Mensa wurde diskutiert, ob man so predigen darf. Dabei hatte ich gar nichts Außergewöhnliches gesagt. Es ging um Psalm 32: „Wohl dem Menschen, dem die Übertretungen vergeben sind …“ Ich sagte: „Das ist keine Selbstverständlichkeit, daß Gott uns vergibt. Ich könnte euch jetzt eine Predigt halten, die euch allen gut tut, die beschreibt, wie toll es ist, die Gewißheit der Sündenvergebung zu haben. Aber ich möchte zuerst einmal klar machen, vor welchem Hintergrund David hier so jubelt. Nämlich dem Hintergrund, daß es gar nicht selbstverständlich ist, dass Gott vergibt. Unbewußt haben wir alle die Auffassung aufgesogen, daß Gott ja vergeben muss. Dazu ist er schließlich da. Aber für David ist das keine Selbstverständlichkeit. Deshalb freut er sich auch so, als er begreift, dass Gott ihm vergibt — seinen Ehebruch, seinen Mord, seine Ichbezogenheit, seine Feigheit, seine Vertuschungstaktik. Und noch eins ist überhaupt nicht selbstverständlich: Nämlich, dass jemand bereit wird, seine Schuld einzugestehen, wie David es tat. Das ist eher die Ausnahme. Nicht nur bei Politikern. Sondern auch bei uns.“

Soweit ein paar Gedanken aus der Predigt. Was mich echt verwundert hat, waren die vielen Reaktionen. Viele kamen auf mich zu und sagten, dass die Predigt ihnen unwahrscheinlich geholfen hätte. Andere gingen während des Gottesdienstes raus. Ich staune, dass viele Christen so etwas schon grenzwertig finden, zumindest ungewöhnlich.
Es ist halt nicht der typische Auferbauungsbalsam: Du bist einzigartig, außergewöhnlich, ein Geschenk an deine Umgebung, an die Menschheit und letztlich auch an Gott. Ehrlich werden ist anscheinend schwer. Ehrlich werden und zugeben, daß wir nicht nur eine Bereicherung für andere sind (sind wir Gott sei Dank auch!), sondern häufig auch eine Belastung. Ehrlich zugeben, dass wir nicht die perfekten Christen sind, die wir gern sein würden und nach außen häufig darstellen. Ehrlich sagen, dass wir Probleme haben, unausgebügelte Charakterzüge, egoistische Verhaltensweisen, halbbewusste Selbsttäuschungstaktiken, und auch so gewöhnliche Sünden wie Eifersucht, Neid, Geiz, Hochmut, Fresssucht, überhaupt Sucht, Streitsucht, Unversöhnlichkeit, dumme Gedankenlosigkeit, Vorurteile, Bequemlichkeit, Faulheit etc. unser Denken und Handeln bestimmen.
Dabei haben wir als Christen eigentlich überhaupt nichts zu verlieren. Wir könnten doch die ehrlichsten Menschen auf der Erde sein. „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s herrlich ungeniert.“ Und mein Ruf ist doch schon längst kaputt, wenn ich bete: Vergib mir meine Sünden! Da habe ich es doch schon zugegeben, dass ich Sünden, Versagen, Schuld, habe, oder?
„Halt, Roland, das ist doch religiös gemeint. Das ist so eine Formel, die wir sagen, damit wir uns wieder Vergebung abholen. Aber das heißt doch nicht, daß wir im richtigen Leben uns die Blöße geben, Fehler einzugestehen, Schuld zu bekennen, einen Entschuldigungsbrief zu schreiben oder Anruf zu machen … Der Ehrliche ist doch immer der Dumme. In diesem Leben wird dir nichts geschenkt. Gelobt sei, was hart macht …“
Wie bitte? Anscheinend habe ich irgend etwas falsch verstanden in der Bibel und beim Vaterunser. Kann mir jemand weiterhelfen? Ich hoffe auf euch dran-Leser!

Herzlich
Euer
Roland Werner

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25. Zwischen Leben und Tod

25. Zwischen Leben und Tod

Kurz vor dem Abitur arbeitete ich als Sitzwache auf einer Intensivstation im Krankenhaus. Es war eine neurologische Station, wo Menschen mit Kopfverletzungen im Koma lagen. Ich erinnere mich, dass ich nach knapp zwei Wochen mit der Arbeit dort aufhörte, weil ich es seelisch nicht mehr verarbeiten konnte. Die Leute, die dort lagen, hingen buchstäblich zwischen Leben und Tod. Die Herzfunktion musste ständig überwacht werden. Die Lungen mussten regelmäßig abgesaugt werden, damit sie nicht verschleimten. Ein Mann hatte einen glatten Durchschuss durch beide Schläfen. Ein kleiner Junge war mit dem Fahrrad verunglückt, von einem Auto überfahren.
Als noch nicht Neunzehnjährigem fiel es mir schwer, dies zu verarbeiten und die Nächte hindurch dort zu sitzen. Also hörte ich auf.
Aber das Thema Tod lässt sich nicht ganz aus dem Leben heraus halten. Zwar haben wir es in unserer Gesellschaft zu einer echten Meisterschaft darin gebracht, den Tod zu tabuisieren. Nur die Amerikaner übertreffen uns darin noch: Manche Tote werden geschminkt und zurecht gemacht wie Filmstars auf der Höhe ihrer Karriere. Aber das Thema Tod lässt sich nicht verdrängen.

Für mich wurde es zum ersten Mal richtig greifbar, als ich siebzehn war. Ich war gerade von einem Austauschjahr in den USA zurückgekommen und freute mich, meine alten Freunde wiederzusehen. Einer davon war Thomas, ein „Jesus-People“, wie er im Buch stand. Äußerlich — mit langer Mähne und phantasievollen Klamotten, Jesuslatschen. Und innerlich — in einer einfachen und enthusiastischen Liebe zu Jesus.
Als ich bei ihm anrief, erzählte mir seine Mutter, dass er mit seinem Motorrad verunglückt war. Für mich war das besonders deshalb schlimm, weil ich keine Möglichkeit mehr hatte, von ihm Abschied zu nehmen. (Seitdem habe ich ein gespaltenes Verhältnis zu Motorrädern. Auf der einen Seite bewundere ich die Dinger, die ja Abenteuer, Schnelligkeit und Flexibilität signalisieren. Auf der anderen Seite habe ich inzwischen so viele schwere Unglücke in meiner Umgebung mitbekommen, an die zehn davon mit tödlichem Ausgang, dass ich mich manchmal frage, ob junge Christen ihr Leben nicht besser in einem Missionsland aufs Spiel setzen sollten. Wenn es um den Kick geht: Zwischen Tod und Leben hängen kann man auch bei einem Katastropheneinsatz im Südsudan oder im Kosovo, beim Bibelschmuggeln in einem fanatisch-islamischen Land. Meine Meinung eben …).

Meine nächste intensive Auge-in-Auge-Begegnung mit dem Tod war die Krebserkrankung meiner Frau Elke vor zehn Jahren. Sie war aus dem Sudan zurück: Malaria, Amöbenruhr, Salmonellen, ständige Fieberschübe — all das waren nur die Nebenerscheinungen ihrer eigentlichen, lebensbedrohlichen Krankheit. Im Krankenhaus lag sie — ziemlich abgemagert und so schwach, dass sie kaum noch laufen konnte — dennoch in großer innerer Ruhe und Gelassenheit. Es war Anfang Oktober. Der leitende Arzt sagte mir: „Weihnachten werden Sie noch mit Ihrer Frau erleben, für Ostern kann ich nicht garantieren.“
Es kam dann doch anders, durch die Gebete vieler Freunde und die Möglichkeiten der Chemotherapie. Wir sind dankbar, dass die Erfahrung der Begrenztheit unseres Lebens uns immer wieder daran erinnert, worauf es ankommt. Und dass wir uns immer in diesem Spannungsfeld zwischen Leben und Tod bewegen — als Christen aber in der Gewissheit, dass der Tod es nicht schaffen wird, das Leben totzukriegen.

Jetzt befand ich mich vor ein paar Wochen wieder in einem Raum der neurologischen Intensivstation. Diesmal war es mein Bruder, der dort im Koma lag. Er war mit seinem Wagen mit offenem Verdeck auf einer Brücke durch die Luft geschleudert und auf den Kopf aufgeprallt. Seitdem war er bewusstlos. Nach einem Kampf um Leben und Tod hatte er sich jetzt etwas stabilisiert. Sein Körper war widerstandsfähig, da er intensiv Sport getrieben und gesund gelebt hatte. Aber das Gehirn war stark gequetscht und ein dickes Blutgerinnsel herausoperiert worden. In diesen Tagen gingen wir als Familie durch ein ganzes Kaleidoskop von Gefühlen. Hoffnung, Trauer, Hilflosigkeit, Unsicherheit und Gewissheit, bei Gott geborgen zu sein, alles stürzte auf uns ein. Zehn Tage später war es dann vorbei — der Hirntod wurde festgestellt. Ich weiß noch, wie auf einer der vielen Fahrten zwischen Duisburg und Marburg Elke das Steuer übernehmen musste, weil ich einfach nicht aufhören konnte zu weinen. Viele Szenen aus unserer gemeinsamen Kindheit drängten sich in die Erinnerung. Er war fast genau zwei Jahre jünger als ich. Seinen neununddreißigsten Geburtstag erlebte er im Koma.
Dann die Trauerfeier, der Weg zum Grab. Die Hilflosigkeit und der Schock bei vielen, die ansonsten Themen wie Tod und Sterben erfolgreich aus ihrer Welt heraushalten. Die beiden Töchter, die jetzt ihren Vater verlieren. Meine Eltern, die im Alter noch einen ihrer drei Söhne zu Grabe tragen müssen. Zwischen Leben und Tod. Auch solche Erfahrungen gehören zu meiner Welt.
Auf einem Kirchentag wurde Elke eingeladen, als Krebspatientin bei einem Podiumsgespräch mitzuwirken. Sie wurde als „Betroffene“ vorgestellt. In ihrer Einführung sagte sie, dass wir alle „betroffen“ sind. Keiner kann den Tod auf ewig verdrängen.

Die Frage ist: Was mache ich mit meinem Leben, das mir geschenkt ist? Und, vielleicht noch wichtiger: Wo entdecke ich Gottes Handeln in meinem Leben, wo bricht er durch den Vorhang hindurch in meine Welt? Für mich gab es in den letzten Wochen einige solcher Fingerzeige, durch die Gott uns zeigte: Ich bin da. Zum Beispiel als ich zum ersten Mal ins Krankenhaus kam, in dem mein Bruder lag. In der Eingangshalle sprach mich ein junger Arzt an: „Sie sind doch Herr Werner?“ Ich dachte, dass er mich aufgrund der Ähnlichkeit mit meinem Bruder anspreche. Nein, er war auf einer ganz anderen Station beschäftigt. Aber er kannte mich von Artikeln in christlichen Zeitschriften ( — welche, hat er nicht gesagt). Für mich war dies eine ungeheure Ermutigung, durch die Gott mir zeigte: Ich bin da. Auch in diesem Krankenhaus. Auch wenn du jetzt in die Intensivstation gehst. Genau da kannst du mich finden, mitten zwischen Leben und Tod!
Diese Erfahrung der Gegenwart Gottes zu allen Zeiten wünsche ich jedem, der dies liest.

Herzlich,
Euer Roland Werner

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24. Vorbilder

24. Vorbilder

Vor ein paar Tagen war ich auf einem Jugendtreffen eingeladen. Wo, sage ich nicht. Thema: Stars, Sterne. Mehrere hundert Leute waren da. Ich war echt begeistert von dem Programm, daß sie auf die Beine stellten. Die Stars, die auftraten, waren atemberaubend. Besonders in ihrer Reihenfolge. Zuerst Blümchen — etwas verfremdet allerdings. Dann kam unter allgemeinem Jubel ein etwas jugendlicher Guildo Horn auf die Bühne und sang uns ermunternd zu, daß er uns lieb hat. Am Ende durfte ich dann auftreten, als Ernüchterungspille sozusagen. Denn unter Stars bin ich sicher nicht zu rechnen. Dafür trat ich im Gegensatz zu Blümchen und Guildo allerdings nicht als Double auf. Was ich dann gefragt wurde, fand ich jedoch wirklich spannend: Was sind Vorbilder in deinem Leben?

Meine erste Antwort war, — und ich meine das ernst, obwohl der Moderator und auch das Publikum mir an dem Jugendabend das offensichtlich nicht geglaubt haben — daß viele Jugendliche für mich Vorbilder sind. Leute, die teilweise 10, 15 oder 20 Jahre jünger sind als ich. Leute, die sich neben Job, Schule oder Studium für andere einsetzen. Die sich was einfallen lassen, wie sie in dieser Welt etwas für Gott bewegen können. Leute, die bereit sind, Unverständnis und Kopfschütteln und manchmal auch Ausgrenzung in Kauf zu nehmen, weil sie bewußt als Christen leben.
Für mich sind solche Leute Vorbilder, die ihre Freizeit dafür einsetzen, einen Jugendclub zu organisieren, Jugendgottesdienste auf die Beine zu stellen, Kindergruppen zu leiten oder die für ein paar Monate oder Jahre ihre Ausbildung unterbrechen, um an praktischen oder missionarischen Projekten mitzuarbeiten. Solche Leute sind für mich Vorbilder, weil sie noch nicht alles unter finanziellen Gesichtspunkten sehen und nicht vor allem darauf geeicht sind, ihre Karriere möglichst lückenlos voranzubringen.

Vorbilder — was für Leute waren das in meinem Leben? Nicht unbedingt bekannte Leute, sondern Menschen, die ein Ohr hatten für meine Fragen. Die ihr Haus öffneten. Die, obwohl sie sicher viel beschäftigter waren, als ich damals einschätzen konnte, sich Zeit für mich nahmen. Es waren Leute, die gleichzeitig Vorbilder und Freunde waren. Christen, die nicht vor allem Programme durchziehen wollten, sondern verstanden, daß Menschen wichtiger sind als Programme.
Von solchen Vorbildern habe ich unwahrscheinlich viel gelernt. Dabei war es oft so, daß ein ganz bestimmter Charakterzug bei dem einzelnen für mich wichtig wurde und mich zur Veränderung herausforderte. Das ist meiner Meinung nach auch der Unterschied zwischen einem Star und einem Vorbild. Ein Star ist jemand, den ich feiere, dem ich zujubele, und der oder die irgendein Ideal für mich verkörpert, das ich sowieso nie erreichen kann. Also bewundere ich den Star, himmle ihn oder sie an, und das war es dann. Der Star lebt sozusagen stellvertretend für mich. Er macht das tolle Ding, den großen Auftritt, erlebt die herzzerreißende Dramatik — und ich schaue zu, leide mit, freue mich mit, klatsche, kauf‘ mir die CD oder das Poster oder das Video und bleibe im übrigen selbst unverändert.

Ein Vorbild ist im Gegensatz dazu jemand, dessen bloßes Dasein, dessen Worte und Handlungen mich zur Veränderung herausfordern. Der Star will meine Bewunderung. Aber ein Mensch, der mir zum Vorbild wird, spricht mich ganz persönlich an. Ich kann nicht mehr bleiben wie ich bin, sondern bin selbst gefragt. Daß es in meinem Leben solche Vorbilder gab und gibt, ist für mich ein Grund für ganz große Dankbarkeit. Von jedem und jeder konnte ich etwas anderes abgucken und versuchen, es in mein Leben umzusetzen.
Vorbilder sind für mich Menschen gewesen, — und sind es noch — die mich herausfordern, mich zu verändern. Mehr so zu werden, wie Gott mich gedacht hat. Vorbilder, das sind Leute, die nichts von mir wollen, aber die bereit sind, mich in ihr Leben hineinschauen zu lassen. Leute, die ein echtes Interesse an mir haben, ohne mich bestimmen und abhängig machen zu wollen.
Vorbilder sind für mich vor allem solche Leute, die selbst immer noch auf dem Weg sind. Die nicht irgendwann mit 20, 30 oder 50 gesagt haben: Okay, das ist jetzt mein Stand, hier richte ich mich ein und kann mich zur Ruhe setzen. Sondern die sich selbst noch von Jesus herausfordern lassen, Neues zu wagen, verrückt zu sein, einen außergewöhnlichen Weg zu gehen.

Inzwischen ist mir klar, daß Gott mich auffordert, selbst ein Vorbild zu sein. In Wirklichkeit bin ich es schon längst — so wie jeder Leser von dran auch. Wir sind Vorbilder, ob wir es wollen oder nicht. Die Frage ist nur, was für Vorbilder wir sind. Abschreckende, langweilige, selbstbezogene — oder Vorbilder, denen andere echt was Positives abgewinnen können. Ich kenne viele junge und auch ältere Christen, die immer noch darauf warten, daß sie „entdeckt“, an die Hand genommen, gefördert werden, daß eins der großen „Vorbilder“ endlich Interesse an ihnen zeigt, während sie längst für andere Freunde und Vorbilder sein sollten. Viele wollen immer noch nehmen, nehmen, nehmen, während sie längst schon geben könnten. Jeder von uns ist ein Vorbild — ein Brief von Christus an andere, wie Paulus in 2. Korinther 3 schreibt. Daß ich ein Vorbild sein kann und nicht ein Zerrbild, darum bete ich und daran arbeite ich.

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