We need some colour in the picture! – Oder: Jesus war kein Bleichgesicht.

We need some colour in the picture! – Oder: Jesus war kein Bleichgesicht.

Vor ein paar Jahren waren wir für ein paar Tage in Nairobi. Ich war an einem Buchprojekt für einen afrikanischen Verlag beteiligt, und der Herausgeber, Bill Anderson, ein über siebzig Jahre alter amerikanischer Pastor, der sein Leben in Afrika verbrachte hatte, hatte mich zu sich eingeladen. So flogen wir in die kenianische Hauptstadt. Während ich also am dem Manuskript arbeitete, konnte Elke zusammen mit Lois, Bills Frau, die Gegend unsicher machen. Sie wurden eingeladen, bei einer Frauenkonferenz als Gast dabei zu sein. Judy Mbugua, eine bekannte christliche Frauenrechtlerin, hatte gerade eine Kampagne gegen die Zwangsbeschneidung von Frauen angefangen. An diesem Morgen war auch das kenianische Fernsehen dabei, und Judy wollte die Chance nutzen, vor diesem großen Publikum die gesundheitlichen Gefahren der Beschneidung deutlich zu machen und Frauen zu ermutigen, aus ihren gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen und ihre Töchter nicht mehr dieser Tortur zu unterziehen. Auf der Bühne saßen kenianische Frauen in ihren farbenfrohen Kleidern, darunter auch einige Masaifrauen, ihrer Tradition entsprechend über und über mit bunten Perlen behängt. Ein wunderschönes Bild. Aber für Judy war das noch nicht bunt genug. Schließlich war das Fernsehen da, und sie wollten den Zuschauern etwas bieten. So orderte sie Lois und Elke nach vorn mit der Aussage: „We need some colour in the picture!“ „Wir brauchen etwas Farbe im Bild!“ Die Bleichgesichter sollten also für die nötige Farbenvielfalt sorgen.

Was gewöhnlich ist und was als besonders exotisch angesehen wird, ist halt von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent verschieden. In Afrika sind wir Weißen die Ausnahmen. Beziehungsweise wir Roten. Denn in vielen afrikanischen Sprachen heißen die Europäer einfach „die Roten“. Das ist ja auch verständlich, denn meistens wird unsere Haut unter der hiesigen Sonne – ich schreibe diese Zeilen hier in Nordafrika – ganz schön gerötet.

Es stimmt, wir brauchen etwas Farbe im Bild! Gerade im Bild der christlichen Gemeinde. Bei uns in Deutschland hat man manchmal den Eindruck, dass die Christenheit monokulturell ist. Das heißt: Weiß, gesittet, einigermaßen gebildet, gut gestylt und vornehm zurückhaltend. Die Lieder werden mit ernster Miene gesungen, die Predigten sind gesetzt und korrekt und manchmal etwas moralisch verkrampft, die Gottesdienste sind minutenmäßig durchgeplant und all das reißt uns, ehrlich gesagt, nicht besonders vom Hocker. In Amerika, so sagt man, hatte man lange Zeit den Eindruck, Gott wäre eine „Wespe“ – bzw. a „WASP“ – „a White Anglo-Saxon Protestant“ – ein weißer, angelsächsischer Protestant. In Deutschland hat man manchmal den Eindruck, Gott wäre ein weißhaariger deutscher Universitätsprofessor. Auf jeden Fall reden wir häufig so gestochen in der Kirche, als befänden wir uns gerade in einem Bewerbungsgespräch oder bei einer Diplomprüfung. Entsprechend angespannt ist unsere Haltung, entsprechend unentspannt sind wir in der Kirche.

Wir brauchen etwas Farbe im Bild! Wir brauchen den Kontakt mit den ausländischen Gemeinden bei uns. Inzwischen gibt es allein im Ruhrgebiet mehrere hundert fremdsprachige Gemeinden, die zumeist von uns völlig unbeachtet und unbemerkt ihre Gottesdienste feiern. Ghanaische, indonesische, philippinische, koreanische, indische, nigerianische, äthiopische, jüdische, italienische, spanische, eritreische, persische, türkische, chinesische, arabische, kurdische und viele andere Gemeinden. Daneben noch große Gemeinden von Sinti und Roma, und nicht wenige russlanddeutsche Aussiedlergemeinden.

Wer von uns war schon einmal in einer solchen Gemeinde? Wer hat schon einmal miterlebt, wie inbrünstig die Afrikaner für uns Deutsche beten? Denn nachdem sie den ersten Schock überwunden haben, dass das Land der Reformation, von dem sie so viel Gutes empfangen haben, viel weniger christlich als ihre Heimat ist, fangen sie an, Deutschland als Missionsland zu begreifen und nach Wegen zu suchen, unsere entkirchlichten Landsleute für Jesus zu gewinnen.

Und wer von uns hat schon mal solche Mitchristen aus anderen Ländern bei uns in der Gemeinde auf die Bühne oder in die erste Reihe geholt? Wir brauchen etwas Farbe im Bild! Wir brauchen sogar sehr viel Farbe im Bild! Denn das ist eine der großen Chancen für die Evangelisation in unserem Land, wenn sichtbar wird, dass die Gemeinde Jesu eine bunte, multikulturelle Gemeinschaft ist, in der Vielfalt und Vielfarbigkeit gefeiert wird und wir trotz Verschiedenheit eins sind in Christus.

Wenn wir aber Jesus als Bleichgesicht darstellen, sollten wir uns nicht wundern, wenn unsere Mitmenschen unseren Glauben für etwas blutleer halten. We need some colour!

In diesem Sinn grüßt Euch herzlich

Euer Roland

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