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Jahr: 2007

Provokation Kreuz

Provokation Kreuz

Warum das Kreuz so anstößig ist

Zwei Balken, der eine in die Erde gerammt, der andere hochgezogen und oben quer in ein Einkerbung eingepasst. Ein Mensch, der daran hängt, angenagelt, bis er stirbt. Kreuzigung im römischen Reich.

Die Römer hatten sich zu Experten in Sachen Kreuzigung entwickelt. Sie hatten diese grausame Hinrichtungsart von ihren Erzfeinden, den Karthagern, übernommen, die sie in den drei großen punischen Kriegen niedergezwungen hatten. Ohne Zweifel war dies eine der grausamsten Methoden, mit der Menschen auf brutale und schreckliche Weise getötet wurden.

Abstoßend und Ekel erregend

Obwohl sie ihn längst selbst massenweise anwandten, hatte eine Kreuzigung und damit das Kreuz selbst für Römer immer noch den Geruch des Ausländischen und Anstößigen. Der bekannte Staatsmann Cicero drückte den Abscheu des gewöhnlichen römischen Bürgers gegenüber der Kreuzigung so aus:
Henker, Verhüllung des Hauptes und schon das bloße Wort „Kreuz“ sollen fernbleiben nicht nur dem Leib der römischen Bürger, sondern auch ihren Gedanken, ihren Augen, ihren Ohren.“1
Für die Römer war das Kreuz abstoßend und Ekel erregend. So war es klar, dass die Kreuzigung als Todesstrafe nur bei ganz extremen Verbrechen angesetzt wurde, – bei Aufruhr, Hochverrat, Tempelraub und Mord. Nur Nichtrömer und Sklaven durften gekreuzigt werden. Die Kreuzigung war die Strafe für die Niedrigen, die Rechtlosen, die Sklaven.2 Sie wurde als „grausamste und schrecklichste aller Strafen“3 bezeichnet.
Die Hinrichtung am Kreuz war zu schmachvoll, als dass ein freier römischer Bürger, selbst wenn er ein Kapitalverbrechen begangen hatte, ihr unterzogen werden durfte. Deshalb wurde der Apostel Paulus in Rom nicht wie sein Mitapostel Petrus gekreuzigt, sondern wurde mit dem Schwert enthauptet Denn er besaß im Gegensatz zu Petrus das römische Bürgerrecht.

Unverständlich und lächerlich

Dass gerade ein Gekreuzigter der Messias, der Sohn Gottes und Erlöser der Welt sein sollte, war für die antike Welt eine unerhörte Zumutung. Für solch einen Gedanken konnte man nur Spott und Unverständnis ernten. In den Ruinen des alten Rom ist ein Graffito, eine Wandkritzelei erhalten, die dieses Unverständnis ausdrückt. An einem Kreuz hängt ein Mann mit einem Eselskopf. Vor ihm kniet ein junger Mann, der seine Hand zum Gebet erhebt. Daneben die Worte: „Alexamenos betet seinen Gott an!4
Mit dieser Zeichnung wollte augenscheinlich ein Sklave in der kaiserlichen Hofhaltung einen Mitsklaven, der Christ war, verspotten. Wie kann Alexamenos so verrückt sein, an einen Gott am Kreuz zu glauben! Wer einen Gekreuzigten, also einen verabscheuungswürdigen Verbrecher, als Gott anbetet, der kann genauso gut einen Esel anbeten!

Ausgestoßen und verflucht

Doch nicht nur die Römer selbst nahmen Anstoß am Kreuz. Für die Juden damals war diese Todesart ein Zeichen für die größte Schande. Wer am Kreuz hing, der war nicht nur von der Volksgemeinschaft ausgeschlossen, sondern er war unverkennbar von Gott gestraft und verlassen. Ein Tod am Kreuz war das Schlimmste, was einem geschehen konnte.
Denn wenn einer am Kreuz hing, dann war das der absolute Beweis dafür, dass Gott sich von ihm abgewendet hatte, dass er von Gott verflucht war. Diese Ansicht gründete auf einer Aussage im Alten Testament, die von den Juden zur damaligen Zeit auf die Kreuzigung bezogen wurde. Im mosaischen Gesetz heißt es:„Wenn jemand eine Sünde getan hat, die des Todes würdig ist, und wird getötet und man hängt ihn an ein Holz, so soll sein Leichnam nicht über Nacht an dem Holz bleiben, sondern du sollst ihn am selben Tage begraben – denn ein Aufgehängter ist verflucht bei Gott -, auf dass du dein Land nicht unrein machst, das dir der Herr, dein Gott, zum Erbe gibt.“ 5
Wer aufgehängt wurde, galt also für die Juden als unrein, verflucht und von Gott verlassen. Ursprünglich sollte hiermit verboten werden, dass ein Hingerichteter nach seinem Tod zur öffentlichen Zurschaustellung an einen Pfahl gehängt wurde, denn vor dem Kommen der Römer wurde in Israel die Kreuzigung nicht praktiziert.6 Später jedoch bezog man diese Anweisung des Mosesbuches auch auf die am Kreuz Hängenden, wie wir aus den Evangelienberichten wissen.

Anstößig und absurd

Auch heute ist das Kreuz noch anstößig. Trotz einer über tausendjährigen christlichen Geschichte ist für viele Menschen im Abendland die Sache mit dem Kreuz überhaupt nicht klar. Das mag an der Unfähigkeit von uns Christen liegen, diesen zentralen Punkt der Bibel zu erklären. Das mag aber auch daran liegen, und das ist sicher der wichtigere Grund, dass das, was die Bibel über das Kreuz sagt, unserem natürlichen Wesen so entgegensteht. Und so gibt es, wenn es unzählige Anfragen an die biblische Aussage, dass sich hier, in dem gekreuzigten Jesus, die Liebe Gottes zu unserer verlorenen Welt zeigt.
Wie soll man sich das vorstellen, dass Gott sich in dem gekreuzigten Jesus offenbar? Ist Gott nicht eher im Schönen und Guten zu finden, im romantischen Sonnenuntergang, im Rauschen der Wälder und der Unermesslichkeit des Weltalls? Warum braucht es überhaupt ein Sterben am Kreuz? Kann Gott nicht auch so vergeben, ohne dieses hässliche Spektakel? Widerspricht es nicht geradezu der Liebe Gottes, wenn er zulässt, dass Jesus auf diese furchtbare Weise stirbt? Fragen über Fragen.
Nicht nur der moderne Mensch stellt sie. Schon damals stieß die Verkündigung des Kreuzestodes von Jesus als zentrales Ereignis der Gottesgeschichte auf Unverständnis, Kopfschütteln und blankes Entsetzen. Der große Völkermissionar Paulus empfand vor seinem Bekehrungserlebnis genau so. Doch nachdem er dem lebendigen Jesus begegnet war, wurde er zum Verkündiger gerade dieser offensichtlich absurden Botschaft. Er war sich der Schwierigkeit bewusst, diese Nachricht an den Mann zu bringen. Im Brief an die neu gewonnen Christen in Rom beschreibt er diese Schwierigkeit so: Die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit. Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit.“ 7
Für die frommen Juden war es undenkbar, dass ein Gekreuzigter der Messias sein sollte. Gerade der Tod am Kreuz zeigte für sie, dass Jesus von Gott verlassen, ja sogar von ihm verstoßen war.
Für die gebildeten Griechen war von vornherein jeder Nichtgrieche ein Barbar. Wenn sich der höchste Gott, der für sie, wenn er überhaupt existierte, der Inbegriff des Guten und Schönen sein musste, sich mitteilen würde, dann waren sie als Griechen sicher die erste Adresse. Denn schließlich waren die großen Philosophen bei ihnen zu finden, Sokrates und Platon und Aristoteles. Und nicht zuletzt waren die großen Dichter und Autoren allesamt Griechen, angefangen von Homer über Thukydides bis in ihre Zeit. Wie sollte man sich das, bitteschön, vorstellen, dass Gott sich bei den barbarischen Juden offenbart hat? Und was hatte ein offensichtlich gescheiterter Möchtegern-Philosoph aus dem obskuren Ort Nazareth damit zu tun?
Ein Skandal, ein Anstoß für die Juden, eine Absurdität, eine Torheit für die Griechen, das war die Botschaft vom Kreuz in der antiken Welt. Das wussten die ersten Christen sehr wohl. Doch sie hatten keine Wahl. Das war die Botschaft, von der sie wussten, dass sie wahr ist. Sie konnten sich nicht ihr eigenes Evangelium zusammenstricken. Und das Kreuz war und blieb zentral.

Unverstanden und unerhört

Nicht nur Juden und Griechen hatten ihre Schwierigkeit mit dem Kreuz. Ähnlich ging es einem Mann, der an der Wende vom 6. zum 7. Jahrhundert nach Christus auf der arabischen Halbinsel auftrat mit dem Anspruch, ein Prophet Gottes zu sein. Und zwar des Gottes, der zu den Juden und den Christen gesprochen hatte. Mohammed war sein Name. Als einer, der nicht lesen und schreiben konnte, war er auf die Erzählungen anderer angewiesen. Und die waren nicht immer genau. So finden wir im Koran viele der biblischen Geschichten leicht abgeändert vor. Manchmal sind es offensichtliche historische Fehler, zum Beispiel da, wo Mohammed die Schwester der Mose, Mirjam, mit Maria der Mutter von Jesus, deren hebräische Namensform ja Mirjam ist, in eins setzte und somit weit über tausend Jahre einfach übersprang.8
Aber viel gravierender als solche historischen Fehler ist die Leugnung des Koran, dass Jesus überhaupt gekreuzigt wurde. Bis auf den heutigen Tag ist das offizielle islamische Lehre. Dabei hatte Mohammed, der im Abstand mehrerer Jahrhunderte im weit entfernten Mekka auftrat, keine neuen Quellen zur Verfügung, die ihm hätten sagen können, was damals um das Jahr 30 in Jerusalem wirklich geschah. Nein, die Kreuzigung eines Propheten, und der ist Jesus ja für ihn, passte einfach nicht in sein Bild davon, wie Gott handelt. Wenn Gott allmächtig ist, so argumentiert Mohammed, dann ist er stärker als die Juden, die Jesus umbringen wollten, und kann ihre Pläne vereiteln. Und so sagt Mohammed dann auch in Sure 4,156-1589:
„…und weil sie [die Juden] ungläubig waren und gegen Maria eine gewaltige Verleumdung vorbrachten [dass sie mit einem Mann geschlafen hätte], und [weil sie] sagten: „Wir haben Christus Jesus, den Sohn der Maria und Gesandten Gottes, gekreuzigt“. Aber sie haben ihn [in Wirklichkeit} nicht getötet und auch nicht gekreuzigt. Vielmehr erschien ihnen [ein anderer] ähnlich [arabisch: shubbiha lahum] [so dass sie ihn mit Jesus verwechselten und töteten]. Und diejenigen, die über ihn uneins sind, gehen vielmehr Vermutungen nach. Sie haben ihn nicht mit Gewissheit getötet. Nein, Gott hat ihn zu sich [in den Himmel] gehoben. Gott ist mächtig und weise.“10
Ohne diesen Vers jetzt im einzelnen erklären zu können, 11 wird eins klar: Mohammed sieht im Kreuz eine Niederlage bzw. einen Sieg der Juden über Gott. Aber der kann seinen Propheten Jesus schützen und rettet ihn durch einen Trick, bei dem die Juden meinen, sie hätten Jesus gekreuzigt, den Gott aber schon längst zu sich in den Himmel erhoben hat. Für Mohammed widerspricht eine Kreuzigung von Jesus der Allmacht Gottes.

Realistisch und unausweichlich

Je mehr wir uns mit den Einwänden gegenüber dem Kreuz befassen, je genauer wir uns die Missverständnisse anschauen, die sich um die biblischen Aussagen ranken, um so deutlicher wird eins: Wir müssen uns noch einmal, und diesmal gründlich, mit der biblischen Botschaft befassen. Und dazu müssen wir einen neuen Blick in die Berichte der Zeitgenossen von Jesus werfen. Mit anderen Worten, wir müssen die Evangelien neu lesen, die allesamt auf den Aussagen von Augenzeugen basieren. Diese äußerst nüchtern geschriebenen Berichte über die letzten Tage und Stunden von Jesus sind spannend zu lesen. Sie hier abzudrucken würde den Rahmen meines Beitrages bei weitem sprengen. Deshalb ermutige ich jeden Leser, sich einen Augenblick hinzusetzen und – vielleicht noch zum wiederholten Mal, vielleicht aber auch zum allerersten Mal. Was uns da auffällt, ist zunächst einmal der äußerst knappe Stil. Hier wird nichts emotional ausgemalt oder dramatisch übertrieben. Die Evangelien lesen sich wie Zeitungsberichte. Kurz, präzise, informativ. Sie haben, wie ein Skeptiker, die sie aufmerksam las, einmal sagte, den „Klang der Wahrheit“. Kein Wunder, dass er bald vom Zweifler zum Glaubenden wurde!
Die Evangelien zeigen uns auch den außergewöhnlichen Charakter von Jesus. Ruhig und bestimmt tritt er seinen Anklägern entgegen. Bis zum Ende zeigt er die einzigartige Verbindung von Wahrheit und Klarheit auf der einen und Liebe und Barmherzigkeit auf der anderen Seite. Selbst am Kreuz, unter größten Schmerzen, wendet er sich noch den Menschen zu, die um ihn herum sind, und betete sogar für die, die ihn quälen und umbringen.
Und noch eins lesen wir in den Evangelien: Die Kreuzigung von Jesus ist kein Unfall der Geschichte, kein Fehler in Gottes Plan. Sondern sie ist die Erfüllung uralter Verheißungen. Hier am Kreuz kommen die unterschiedlichen Linien der Geschichte Gottes zusammen. Da ist die Linie der Verheißung, die sich durch das gesamte Alte Testament zieht. Sie fängt an mit der Aussage ganz am Anfange der Bibel, dass ein Nachkomme von Adam und Eva der „Schlange“, also dem Bösen, den Kopf zertreten wird, dass er aber dabei selbst tödlich verwundet werden wird.12 Diese Hoffnung auf einen Erlöser zog sich durch die Geschichte des Volkes Israel. Oft wurde dieser Retter vor allem als politischer Befreier aus der Unterdrückung durch fremde Mächte verstanden. Jedoch scheint immer mehr hindurch, dass es um eine noch tiefere Befreiung geht. Der Prophet Jesaja sprach vom Kommen des „Gottesknechts“ und beschrieb ihn ganz anders: Er wird den Unterdrückten die Freiheit bringen und den Blinden das Augenlicht. Er wird den Armen eine gute Botschaft verkündigen und die zerbrochenen Herzen heilen.13 Und dabei wird er selbst geschlagen, gequält, ja sogar getötet werden. Das alles aber soll geschehen, damit die Menschen von der Last der Schuld und der Macht der Sünde befreit werden.14 Am Ende jedoch wird er selbst den Tod überwinden und Gottes Befreiung allen Menschen auf der ganzen Welt bringen.15
All diese Voraussagen erfüllen sich im Leben von Jesus. Wer sich eingehend damit befasst, merkt, dass sein Leben – und auch sein Tod – bis in die Einzelheiten hinein den Voraussagen des Alten Testaments entspricht. Jede Wahrscheinlichkeitsrechnung käme hier an ihre Grenzen. Und die Augenzeugen des Lebens und des Sterbens von Jesus kamen genau zu diesem Schluss: Er ist wirklich der versprochene Retter!

Notwendig und barmherzig

Doch warum musste Jesus sterben? War dies nicht letztlich ein Justizirrtum, eine Laune der Geschichte ohne Sinn und Ziel, das Scheitern eines guten und gut meinenden Mannes? Um zu verstehen, warum das Kreuz notwendig war, müssen wir noch etwas tiefer schauen. Der Schlüssel zum Kreuz findet sich im Herzen Gottes. Die Bibel sagt uns, dass Gott heilig und gerecht ist. Er kann und will Unrecht nicht dulden. Lüge, Hass, Mord, Missgunst, Verleumdung und was wir sonst noch in dieser Welt produzieren, sind seinem Wesen zuwider. Gott ist der Schöpfer und Richter, der Anfang des Lebens und der, zu dem alles zurückkehrt. Jeder Einzelne wird einmal Rechenschaft für sein Leben vor ihm ablegen. Dieses Wissen um eine letzte Verantwortung des Menschen ist tief in der Menschheit verankert. Ebenso wissen wir Menschen, dass wir schuldig geworden sind. Auch die, die bei sich selbst keine Schuld erkennen können, sehen sie umso deutlicher bei allen anderen! Der Mensch wird schuldig. Das ist eine Tatsache. Zerbrochene Beziehungen untereinander zeigen das ebenso wie unsere Entfremdung von Gott. Und so gibt es vielfältige Versuche, mit der Schuld fertig zu werden. Die Religionen sind voll davon.
Die Bibel zeigt uns, dass Gott nicht nur der Schöpfer und Richter ist, sondern offenbart ihn als liebenden Vater. Ihm ist die Entfremdung der Menschen von ihm und untereinander nicht gleichgültig. Deshalb ergreift er die Initiative. Auch das ist im Alten Testament schon vorgezeichnet und angekündigt: „Er wird sind unser wieder erbarmen und unsere Schuld unter seine Füße treten!“16 Er weiß, das wir Menschen aus eigener Kraft mit dem Problem des Unrechts und der Schuld nicht fertig werden. Und dann geschieht das Undenkbare: Gott, der Richter selbst, kommt und tritt an die Stelle des Schuldigen. Er nimmt die Last der Sünde auf sich. Es ist Gott selbst, der in Jesus die Schuld der Welt trägt: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“17
Es ist ein Missverständnis der biblischen Botschaft zu meinen, dass Gott den unschuldigen Jesus hat sterben lassen, während er unbeteiligt vom Himmel herab schaute. Nein, Gottes Herz zerbrach dort am Kreuz. Er gab sich selbst in den Tod, um die von ihm getrennte Schöpfung wieder zu sich zurückzuholen. Das Leiden von Jesus ist das Leiden Gottes, des Vaters. Hier tritt er in das Leiden der Menschheit ein. So ist das Kreuz der Ort, an dem sich Gottes Gerechtigkeit und Gottes Liebe in vollkommener Weise zeigen. So ist Gott: Er liebt uns so sehr, dass er das Leid, die Schmerzen, ja sogar die Schuld und den Tod der Menschen auf sich nimmt.

Die offene Frage

Der Tod von Jesus am Kreuz ist nicht das Ende der Geschichte. Darum feiern wir Ostern. Der Tod konnte ihn, den Herrn des Lebens, nicht halten. Die Auferstehung von Jesus ist das Siegel unter seinem Leben und Sterben. Sie zeigt: Alles, was Jesus gesagt und getan hat, ist wahr. Er ist wirklich der Erlöser der Welt. Bei ihm findet sich die Antwort auf die Frage der Sünde, des Leides und des Todes.
Und doch bleibt eine Frage offen. Die Frage, ob wir das, was Gott dort für uns getan haben, im Vertrauen auf ihn annehmen. Oder ob wir versuchen, die Krankheit unseres Lebens aus eigener Kraft zu heilen. Am Kreuz hat Gott eine Tür für alle geöffnet. Aber hindurchgehen muss jeder selbst.

Roland Werner (Für Neues Leben Magazin, 2007)

 


1 Cicero, Pro Rabirio 16

2 Auf lateinisch: servile supplicium, die Strafe der Sklaven

3 Cicero, In Verrem 2.5.165

4 Das Graffito stammt aus dem 1. Jahrhundert n.Chr. und wurde in den Wohnungen der Diener (Sklaven) im kaiserlichen Palast gefunden. Dies ist auch ein Hinweis darauf, dass sich der christliche Glaube bald auch in der Hauptstadt Rom ausbreitete.

5 5. Mose 21, 22-23

6 Eine Ausnahme bildete der Hasmonäerkönig Alexander Jannaeus, der aus Rache seine politischen Feinde auf grausame Weise hinrichten ließ. Der Verfasser eines Nahumkommentars bemerkt dazu: »Er ließ Männer lebendig aufhängen, etwas, was nie zuvor in Israel geschehen war.“

7 1. Korinther 1, 22-23

8 Siehe Sure 19 des Koran

9 Der Koran ist auch hier etwas schwierig zu verstehen, deshalb sind in den Klammern Erklärungen eingefügt, die den beabsichtigten Sinn verdeutlichen.

10 Nach Rudi Paret: Der Koran. (5. Auflage 1980) Die Teile in Klammern sind nicht im koranischen Text, sondern zur größeren Verständlichkeit eingefügt.

11 Das habe ich in meinem Buch „Provokation Kreuz Warum musste Jesus sterben? Hänssler 2005 getan. Dort werden auch die anderen Aussagen des Koran um Kreuz von Jesus erläutert.

12 1. Mose 3

13 Jesaja 61, 1ff

14 Jesaja 53, 1-7

15 Jesaja 53

16 Micha

17 2.Kor 5, 19

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We need some colour in the picture! – Oder: Jesus war kein Bleichgesicht.

We need some colour in the picture! – Oder: Jesus war kein Bleichgesicht.

Vor ein paar Jahren waren wir für ein paar Tage in Nairobi. Ich war an einem Buchprojekt für einen afrikanischen Verlag beteiligt, und der Herausgeber, Bill Anderson, ein über siebzig Jahre alter amerikanischer Pastor, der sein Leben in Afrika verbrachte hatte, hatte mich zu sich eingeladen. So flogen wir in die kenianische Hauptstadt. Während ich also am dem Manuskript arbeitete, konnte Elke zusammen mit Lois, Bills Frau, die Gegend unsicher machen. Sie wurden eingeladen, bei einer Frauenkonferenz als Gast dabei zu sein. Judy Mbugua, eine bekannte christliche Frauenrechtlerin, hatte gerade eine Kampagne gegen die Zwangsbeschneidung von Frauen angefangen. An diesem Morgen war auch das kenianische Fernsehen dabei, und Judy wollte die Chance nutzen, vor diesem großen Publikum die gesundheitlichen Gefahren der Beschneidung deutlich zu machen und Frauen zu ermutigen, aus ihren gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen und ihre Töchter nicht mehr dieser Tortur zu unterziehen. Auf der Bühne saßen kenianische Frauen in ihren farbenfrohen Kleidern, darunter auch einige Masaifrauen, ihrer Tradition entsprechend über und über mit bunten Perlen behängt. Ein wunderschönes Bild. Aber für Judy war das noch nicht bunt genug. Schließlich war das Fernsehen da, und sie wollten den Zuschauern etwas bieten. So orderte sie Lois und Elke nach vorn mit der Aussage: „We need some colour in the picture!“ „Wir brauchen etwas Farbe im Bild!“ Die Bleichgesichter sollten also für die nötige Farbenvielfalt sorgen.

Was gewöhnlich ist und was als besonders exotisch angesehen wird, ist halt von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent verschieden. In Afrika sind wir Weißen die Ausnahmen. Beziehungsweise wir Roten. Denn in vielen afrikanischen Sprachen heißen die Europäer einfach „die Roten“. Das ist ja auch verständlich, denn meistens wird unsere Haut unter der hiesigen Sonne – ich schreibe diese Zeilen hier in Nordafrika – ganz schön gerötet.

Es stimmt, wir brauchen etwas Farbe im Bild! Gerade im Bild der christlichen Gemeinde. Bei uns in Deutschland hat man manchmal den Eindruck, dass die Christenheit monokulturell ist. Das heißt: Weiß, gesittet, einigermaßen gebildet, gut gestylt und vornehm zurückhaltend. Die Lieder werden mit ernster Miene gesungen, die Predigten sind gesetzt und korrekt und manchmal etwas moralisch verkrampft, die Gottesdienste sind minutenmäßig durchgeplant und all das reißt uns, ehrlich gesagt, nicht besonders vom Hocker. In Amerika, so sagt man, hatte man lange Zeit den Eindruck, Gott wäre eine „Wespe“ – bzw. a „WASP“ – „a White Anglo-Saxon Protestant“ – ein weißer, angelsächsischer Protestant. In Deutschland hat man manchmal den Eindruck, Gott wäre ein weißhaariger deutscher Universitätsprofessor. Auf jeden Fall reden wir häufig so gestochen in der Kirche, als befänden wir uns gerade in einem Bewerbungsgespräch oder bei einer Diplomprüfung. Entsprechend angespannt ist unsere Haltung, entsprechend unentspannt sind wir in der Kirche.

Wir brauchen etwas Farbe im Bild! Wir brauchen den Kontakt mit den ausländischen Gemeinden bei uns. Inzwischen gibt es allein im Ruhrgebiet mehrere hundert fremdsprachige Gemeinden, die zumeist von uns völlig unbeachtet und unbemerkt ihre Gottesdienste feiern. Ghanaische, indonesische, philippinische, koreanische, indische, nigerianische, äthiopische, jüdische, italienische, spanische, eritreische, persische, türkische, chinesische, arabische, kurdische und viele andere Gemeinden. Daneben noch große Gemeinden von Sinti und Roma, und nicht wenige russlanddeutsche Aussiedlergemeinden.

Wer von uns war schon einmal in einer solchen Gemeinde? Wer hat schon einmal miterlebt, wie inbrünstig die Afrikaner für uns Deutsche beten? Denn nachdem sie den ersten Schock überwunden haben, dass das Land der Reformation, von dem sie so viel Gutes empfangen haben, viel weniger christlich als ihre Heimat ist, fangen sie an, Deutschland als Missionsland zu begreifen und nach Wegen zu suchen, unsere entkirchlichten Landsleute für Jesus zu gewinnen.

Und wer von uns hat schon mal solche Mitchristen aus anderen Ländern bei uns in der Gemeinde auf die Bühne oder in die erste Reihe geholt? Wir brauchen etwas Farbe im Bild! Wir brauchen sogar sehr viel Farbe im Bild! Denn das ist eine der großen Chancen für die Evangelisation in unserem Land, wenn sichtbar wird, dass die Gemeinde Jesu eine bunte, multikulturelle Gemeinschaft ist, in der Vielfalt und Vielfarbigkeit gefeiert wird und wir trotz Verschiedenheit eins sind in Christus.

Wenn wir aber Jesus als Bleichgesicht darstellen, sollten wir uns nicht wundern, wenn unsere Mitmenschen unseren Glauben für etwas blutleer halten. We need some colour!

In diesem Sinn grüßt Euch herzlich

Euer Roland

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Geistliches Leben

Geistliches Leben

Predigt vom 17. Mai 2007: Geistliches Leben

Aus der Reihe:

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Was ist eigentlich evangelikal?

Was ist eigentlich evangelikal?

Hallo Alle

es gibt mich noch! Nach extrem viel Reisen am Anfang dieses Jahres – Oxford im Januar, Sudan Januar bis März, USA im März, Cuxhaven Ende März Anfang April – bin ich mal wieder einen Abend im heimatlichen Marburg.

Hatte neulich die Ehre, im ZDF zu erscheinen in der Dokumentation von Elmar Theveßen über “Religiösen Fundamentalismus”, in dem er islamische Fundamentalisten evangelikalen Christen gegenüberstellte. Sein Bemühen zur Differenzierung war zu erkennen, er betonte mehrmals, dass Christen Gewalt ablehnen, während Islamisten diese legitimieren und verherrlichen. Dennoch war m.E. allein die Zusammenstellung in einer Sendung suggestiv, das heißt, es wird ein Zusammenhang oder eine Gleichheit bzw. Ähnlichkeit suggeriert, die dann wieder relativiert wird.

Na ja, ich kam noch gut weg, da ich eher als “besonnener Gesprächspartner” eingeführt wurde, und nur darauf hinwies, dass es eine neue religiöse Offenheit in unserem Land gibt, also eher als “kompetenter Gesprächspartner” (Aussage E. Theveßen), ähnlich wie Bischof Wolfgang Huber.

Auf jeden Fall inspiriert mich dieser Film heute dazu, in meinem Blog Auszüge eines Artikels von mir zum Thema zu veröffentlich, der ein Kapitel in dem Buch “Der E-Faktor . Evangelikale und die Kirche der Zukunft (Hrsg. von Ulrich Eggers und MarkusSpieker) darstellt. Deshalb kann und will ich auch nicht den gesamten Artikel abdrucken sondern nur ein paar Zitate als “Teaser”.

Bevor ich das jetzt gleich tue, einen Gruß an Euch, die Ihr das tatsächlich lest. Nachdem ich mein Blog so selten bediene, meine ich fast, dass niemand mehr dieses Blog aufruft.

Aber – die Meldung aus der Versenkung: Mir geht es gut!

Liebe Grüße
roland

 

Der E-Faktor

Roland Werner

Zielgerichtet Evangelisch

Den evangelikalen Konsens für die Weite des Reiches Gottes fruchtbar machen

I.

Was bedeutet für mich „evangelikal“? Und warum bin ich mit Überzeugung Teil der Bewegung, die sich diesen Namen gefallen lässt?

Evangelikale Spurensuche

Es geht nicht leicht über die Zunge, das Wort „evangelikal“. Man merkt ihm an, dass es ein Fremdwort ist, oder genauer gesagt, ein Lehnwort, das Produkt einer Übersetzung des englischen Wortes „evangelical“. Als solches sollte es auf deutsch eigentlich als „evangeliumsgemäß“ wiedergegeben werden, oder einfach als „evangelisch“. Denn schließlich gilt diese Entsprechung auch bei anderen Begriffen, so heißt die „Evangelisch-Lutherische Kirche“ auf englisch einfach „Evangelical Lutheran Church“. Die internationale „Evangelical Alliance“ heißt auf deutsch stimmig „Evangelische Allianz“. So wäre statt „evangelikal“ eigentlich „evangelisch“ die angemessene Übersetzung des englischen Begriffes.
Und doch haben sich Verantwortliche innerhalb der sich in der Mitte des zwanzigsten Jahrhundert stärker formierenden „evangelikalen“ Bewegung dazu entschieden, dieses Lehnwort als Kennzeichen ihrer Gemeinsamkeit zu prägen. Möglicherweise war ihnen der Begriff „evangelisch“ nicht klar genug, denn auch dieser hatte eine Bedeutungsveränderung erfahren. Die ursprüngliche Bedeutung, nämlich „dem Evangelium entsprechend“ ist häufig nicht mehr die erste gedankliche Assoziation bei diesem Wort. Für viele Zeitgenossen heißt „evangelisch“ eher „nicht-katholisch“ oder auch „nicht so dogmatisch“ oder auch „aufgeklärt, liberal und dennoch kirchlich“. Diese zugegebenermaßen etwas impressionistische Analyse lässt zumindest eines erkennen: Begrifflichkeiten sind nicht immer leicht und eindeutig, sind aber wichtig und wirkmächtig, können prägen, können verbinden, aber auch Trennlinien aufzeigen und auseinander führen.

„Evangelikale“ Dynamik

Entstanden ist die evangelikale Bewegung, wie vieles andere Gute auch, in England, und zwar innerhalb der anglikanischen Staatskirche. Dort gab es in der Folge der das ganze Vereinigte Königreich umfassenden methodistischen Erweckung auch eine innere Erneuerung der „Church of England“. Die, die zurück zu den Wurzeln des Evangeliums wollten und eine Betonung auf den Glauben und die innere Erweckung des Einzelnen legten, wurden „evangelicals“ genannt, im Gegensatz zu den einige Jahrzehnte später aufkommenden Rekatholisierungstendenzen der „High Church“. Dabei war „evangelical“ primär vom Wortsinn verstanden und meinte ein direkt am Neuen Testament orientiertes Christentum, das sich nicht nur in der persönlichen Nachfolge Christi auswirkte, sondern auch konkrete und praktische Konsequenzen nach sich zog, und zwar in zwei Hinsichten:
Die eine war die Hinwendung zum Nächsten, gerade zum sozial Benachteiligten, dem aktive Hilfe zukommen sollte, mit dem einhergehenden Kampf um gesellschaftliche Veränderung und gerechtere Verhältnisse, um die Würde, Freiheit und Entfaltungsmöglichkeit des Einzelnen zu gewährleisten. So nimmt es nicht wunder, dass die Jahrzehnte währende, aber am Ende erfolgreiche Kampagne zur Abschaffung der Sklaverei im britischen Reich von führenden „Evangelicals“ wie Wilberforce und Lord Shaftesbury initiert und durchgehalten wurde.
Die zweite Zielrichtung dieser Bewegung war das Bestreben, dem biblischen Missionsauftrag Folge zu leisten, „alle Völker zu Jüngern zu machen“ (Mt 28, 18-20). Dieser Impuls wurde sowohl innerhalb Großbritanniens als auch im weltweiten Horizont umgesetzt und führte im Lauf der Zeit zum Entstehen der „jungen Kirchen“ vor allem in Afrika und Asien. Die „evangelikalen“ Christen innerhalb und außerhalb der anglikanischen Kirche, zusammen mit sinnesverwandten Christen in anderen Ländern, z,B. den weltoffenen Pietisten Süd- und Westdeutschlands, den Missionsbemühungen der Freikirchen und nicht zuletzt dem „American Board“ der Presbyterianer, prägten so das Gesicht des evangelischen Zweigs der Weltkirche.
Die Dynamik der „Evangelicals“ war an der Entstehung vieler internationaler Zusammenschlüsse maßgeblich beteiligt. Nicht zuletzt der internationales Bund der YMCA (Christlicher Verein Junger Menschen) wurde aus diesem Impuls 1855 in Paris gegründet, die Weltweite Evangelische Allianz 1846 in London, beides Vorläufer und Paten des erst 1948 gegründeten Ökumenischen Rats der Kirchen, der sich in einer direkten Linie der Weltmissionskonferenz von Edinburgh 1910 sieht, die auch wiederum von evangelikalen Missionaren, Pastoren und Theologen unter der Leitung von John R. Mott einberufen und gestaltet wurden.
Die „ältere“ evangelikale Bewegung, die ich bis in die Zeit zwischen den beiden Weltkriegen ansetzen würde, hatte somit eine ungeheure Auswirkung auf die Gestalt der evangelischen Christenheit bis auf den heutigen Tag….
….Geschichtlich war es zunächst der Gegensatz zu den katholisierenden Tendenzen innerhalb der anglikanischen Kirche. Hier waren es die „Evangelicals“, die um den Erhalt der reformatorischen Lehre in der Kirche Englands kämpften.
Eine zweite Front war die Frage nach der Stellung der sogenannten Laien, also der Christen ohne besondere Ordination. Auch hier setzten sie sich für die refomatorische Wiederentdeckung des „Priestertums aller Gläubigen“ und der daraus folgenden Beauftragung zum Zeugnis und Dienst aller Christen ein. Gemeinsam mit den Christen der Freikirchen, die schon seit den „Dissenters“ im Vereinigten Köngreich eine viel stärkere Rolle spielten als im konfessionell zerklüfteten und kleinstaatlich organisierten Deutschland, nahmen die „Evangelicals“ der Kirche von England für sich in Anspruch, das einfache, klare, zentrale Christentum zu suchen und zu verkörpern.
Sie bildeten somit ein Ferment gegen obrigkeitliche Machtansprüche kirchlicher Hierarchien und drängten auf eine Demokratisierung der Kirche, die das urchristliche Ideal von einmütiger Geschwisterlichkeit gegenüber einer weltfömigen, politisch mit dem Staat verflochtenen und an dessen hoheitlichen Entscheidungen beteiligten kirchlichen Hierarchie betonten, in der die Bischöfe zugleich „Lords“ im Oberhaus waren und teilweise mehr an aristokratischem Zeitvertreib als an der Pflege der ihnen anvertrauten Herde interessiert zu sein schienen. Die „Evangelicals“ verkörperten – nicht nur in der methodistischen Bewegung – neben der Stimme des „einfachen Evangeliums“ auch die Stimme des „einfachen Mannes“ auf der Straße.
Eine weitere Frontstellung ergab sich für die „evangelikalen“ Christen, auch auf dem europäischen Festland, folgerichtig. Da sie das Wesen der Gemeinde nicht in den kirchlichen Strukturen, sondern in den glaubenden Menschen sahen, arbeiteten sie naturgemäß konfessionsübergreifend. In einer Zeit, in der teilweise noch nicht einmal zwischen „reformierten“ und „lutherischen“ Kirchen Abendmahlsgemeinschaft bestand, und in der Freikirchen teilweise, zumindest in Deutschland, verboten oder zumindest häufig stark behindert wurden, trafen sich die „Evangelikalen“ aus verschiedensten kirchlichen Hintergründen „brüderlich“ und einmütig zu gemeinsamem Gebet, gemeinsamer Bibelauslegung und nicht zuletzt zu gemeinsamer Aktion.
Damit wurden sie zu Vorreitern ökumenischen Bewusstseins, unter anderem, weil sie das „hohepriesterliche Gebet“ von Jesus in Johannes 17 ernst nahmen und sich davon zur Einheit inspirieren ließen……
Doch insgesamt hatte sich die evangelikale Bewegung damit ein weiteres Anliegen auf die Fahnen geschrieben: Den Kampf um die Autorität der Bibel als Maßstab für Glauben und Leben. Es ist nicht falsch zu sagen, dass diese neue Kampffront von außen aufgedrängt wurde, denn erst in dem Maße, in dem Teile der Kirchen von diesem bisherigen evangelisch-reformatorischen Konsens abwichen, „mussten“ sich die „evangelikalen“ Evangelischen auch dieser wichtigen Frage annehmen.
Durch die neue Betonung der „rechten Lehre“ bzw. des Versuchs der Wahrung des bisherigen gesamt-evangelischen Konsenses, der die „Schrift allein“ und die „ganze Schrift“ unterstrich, rückte die gesamte evangelikale Bewegung nolens-volens doch ein bisschen in die eher „konservative“ Ecke, zumindest in der Bibelfrage. Waren die Evangelikalen bisher eher die „Progressiven“, die für soziale Gerechtigkeit, Weltevangelisation und Einheit aller Christen eintraten, wurden sie jetzt zumindest in Glaubensfragen eher „konservativ“. Im angelsächsischen Raum gelang es meiner Beobachtung nach vielerorts, diese Unterscheidung in „sozial-progressiv“ und „werte-konservativ“ durchzuhalten, während vor allem in Deutschland, das etwas „system-konservativer“ und „grundsätzlicher“ war als die eher pragmatischen Angelsachsen, die evangelikale Bewegung insgesamt eine Wendung zu einem grundlegenden Konservativismus machte, der sich auch in politischen Fragen äußerte.
Verstärkt wurde diese Festlegung noch durch die inner-evangelikale Auseinandersetzung mit der sogenannten „Pfingstbewegung“, die besonders in Deutschland heftig geführt wurde und in der so genannten „Berliner Erklärung“ 1909 zu einer Aufspaltung in „pro-pfingstliche“ und „anti-pfingstliche“ Evangelikale führte. In der Folge wurden auch charimatische Aufbrüche n den Kirchen immer wieder mithilfe der „Berliner Erklärung“ bekämpft. Diese damals vollzogene Trennung wirkt noch heute nach, so dass die Begriffe „evangelikal“ und „charismatisch“ zumindest in Deutschland häufig als direkte Gegensätze verstanden werden, während sie im angelsächsischen Raum, wenn auch nicht ganz deckungsgleich, so doch inklusiv verwendet werden und zu einander gehörige und in einander übergehende Gruppierungen bezeichnen. Insgesamt sind es wieder die eher bekenntnis-orientierten Evangelikalen, die die beiden Fronten „charismatisch“ und „liberal“ als Antithesen zur eigenen Überzeugung verstehen…

Ein evangelikaler Konsens?

Doch die oben beschriebenen Gegensätze, so plakativ und außenwirksam sie häufig aufgefasst und dargestellt werden, bestimmen, zumindest in meiner Sicht der Dinge, nicht das Zentrum des evangelikalen Anliegens. Der historische Abriss kann uns helfen, das ins Blickfeld zu nehmen, was der evangelikalen Bewegung auch in Zukunft Daseinsberechtigung und Hoffnungsperspektiven verleihen kann. Dabei wird die evangelikale Bewegung gerade dann ihre Stärke entfalten, wenn sie sich als „Bewegung“ versteht, als Impuls, der einen dynamischen Konsens beschreibt und aus diesem Selbstverständnis heraus die Kirche insgesamt und auch die Weltgesellschaft zu verändern sucht.

Den „evangelikale Konsens“, also das, was den Kern dieses kirchengeschichtlich wirksamen Impulses ausmacht, möchte ich in ein paar Kernthesen zusammenfassen.

„Evangelikal sein“ bedeutet nichts anderes als „orthodox“ an Jesus Christus zu glauben

Evangelikale Christen zeichnen sich dadurch aus, dass sie den historischen Kern des christlichen Glaubens ernst nehmen, bewahren und als Maßstab für Glauben und Leben anwenden wollen. In sofern ist die evangelikale Bewegung eine Bewegung, die zu den Wurzeln des Christentums durchstoßen möchte, und in diesem Sinne eine Erneuerungsbewegung vom historischen Kern her darstellt.
Dies ist die eigenliche Stärke der evangelikalen Bewegung: Sie will biblisch sein im Sinne einer direkten Bezugnahme auf die heilige Schrift. Damit eröffnet die evangelikale Bewegung die Möglichkeit zum fruchtbaren Dialog mit den historischen Kirchen aller Konfessionen. So wie die Reformatoren in ihrer Auseinandersetzung mit der mittelalterlichen katholischen Kirche nichts „Neues“ bringen wollten, sondern angesichts der geschichtlich entstandenen Zusätze und Neuerungen, besonders des römischen Papsttums, auf die allgemeinen anerkannten, biblischen und frühchristlichen Glaubensüberzeugungen und Praktiken zurückgreifen wollten, so will die evangelikale Bewegung im Kern nichts anderes als das: Evangeliumsgemäß und damit im besten Sinne „orthodox“ sein. Gegenüber zeitgeistigen oder kirchlich-tradierten Verschiebungen der christlichen Lehre will sie das allen Christen Gemeinsame in den Vordergrund stellen.

„Evangelikal sein“ heißt persönlich Christus nachfolgen wollen

Durch den direkten Bezug auf die Bibel nehmen evangelikale Christen den Ruf zur Umkehr, wie er im Zentrum der Verkündigung von Jesus stand: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium!“ (Markus 1, 15) ganz persönlich ernst. Für sie kann Glauben an Christus immer nur zur bewusst gewählten Nachfolge Christi führen. Das Wort „persönlich“ ist somit wichtig für sie: Persönlicher Glaube, persönliche Nachfolge, persönliches Zeugnis sind Begriffe, die häufig erscheinen. Dabei meint „persönlich“ nicht „privat“ oder „individualistisch“, sondern „die ganze, eigene Person umfassend“. Sicherlich liegt in dieser Betonung des Individuums die Gefahr, Glaube individualistisch, also losgelöst von einer Gemeinschaft der Glaubenden, misszuverstehen. Doch in der Praxis ist das Gegenteil der Fall: Der „persönliche“ Glaube führt in die Gemeinde derer, die ebenfalls Christus nachfolgen, egal, in welcher Kirche oder Konfession sie verwurzelt sind.

„Evangelikale“ suchen die Einheit der Glaubenden in gemeinsamem Gebet und Zeugnis

Das ist von Anfang an ein Kennzeichen der evangelikalen Bewegung gewesen. Dadurch entwickelt sie eine Potential, kirchenübergreifend zu wirken. So nimmt es nicht Wunder, dass es z.B. in den USA die Bewegung der „Evangelical Catholics“ gibt, und dass der „charismatische“ Zweig der Evangelikalen nicht nur die römisch-katholische Kirche erreicht hat, sondern bis in die orthodoxen Kirchen hinein wirkt.
Damit ist die evangelikale Bewegung basis-ökumenisch im besten Sinn des Wortes, da sie das Gemeinsame in der Orientierung an Jesus Christus und der Hingabe an ihn sucht. Natürlich ist in dieser Fokussierung auf Jesus auch schon eine Kritik an bestimmten Sonderentwicklungen sowohl im Dogma als auch der Praxis innerhalb historischer und auch neuer Kirchen mit beinhaltet. So werden „Evangelikale“ sicher marianische Verehrung oder die Anerkennung von erst in den letzten Jahrhunderten entstandenen Dogmen wie z.B. der sogenannten unbefleckten Empfängnis und leiblichen Himmelfahrt Marias nicht mittragen können. Das bedeutet, dass die Konzentration auf das „Gemeinsame“ auch Grenzen nicht ausschließt, sondern sie zwangsläufig auch definiert.

„Evangelikale“ wollen etwas in dieser Welt bewegen

Die Dynamik des evangelikalen Teils der Christenheit hängt mit ihrer Überzeugung zusammen, dass der Missionsauftrag (Matthäus 28, 18-20) als Vermächtnis von Jesus ernst zu nehmen ist. Ebenso sehen sie sich als „in der Welt“, aber nicht „von der Welt“ (Johannes 17) als „Mitarbeiter Gottes“ (1. Korinther 3, 9), also als aktive Mitgestalter der guten und heilsamen Pläne Gottes in dieser Welt.
Besonders der Impuls, der durch die Lausanner Verpflichtung (1974) in die evangelikale Weltbewegung hineingegeben wurde, hat mitgeholfen, dass die ursprüngliche ganzheitliche Sicht des christlichen Auftrags wieder weite Teile der evangelikalen Bewegung prägen konnte. So ist der Dreiklang von Wort, Werk und Kraft des Geistes (Römer 15, 18-19), also von missionarischer Bemühung (Wort), sozialem, diakonischem und politischem Einsatz (Werk) und charismatischer Erfahrung und Bevollmächtigung (Kraft) neu entdeckt worden. Das, was mancherorts auseinander driftet, kann so zusammen gesehen und gehalten werden.
Die evangelikale Bewegung ist das, was sie sein sollte, wenn sie diese Pole gleichermaßen verkörpert: Eine aus der Erfahrung der Liebe Gottes geborene persönliche Beziehung zu Christus in der Dynamik des Heiligen Geistes, die zu die Welt bewegendem Handeln führt und in der Heiligen Schrift Inspiration und Maßstab finde.

Ich lebe in der Hoffnung, das das hier Entfaltete einen grundlegenden „evangelikalen Konsens“ beschreibt, der uns vor nutzlosen Grabenkämpfen bewahrt und auf die Spur setzt, auf der wir die Zukunft gewinnen können.

Gestärkt durch Konzentration und Flexibilität

Die evangelikale Bewegung ist noch lange nicht am Ende ihrer Geschichte. Viele Voraussagen über die Zukunft der christlichen Kirche im 21. Jahrhundert besagen, dass sie im Wesentlichen drei Gestalten haben wird – die „orthodoxe“ Kirchengestalt, die römisch-katholische Kirche und die evangelikal-charismatische Christenheit, einschließlich der am schnellsten von allen wachsendenn Bewegung, der Pfingstkirchen, während der „liberale Protestantismus“ jedoch zur Bedeutungslosigkeit herabsinken werde.
Die Stunde der evangelikalen Bewegung ist da, nicht nur in anderen Kontinenten, sondern auch in Europa. Dabei liegt ihre Stärke gerade darin, dass sie nicht an eine bestimmte Kirchengestalt gebunden ist, sondern einen inneren Impuls ausmacht, der sich sowohl in landeskirchlichen wie in freikirchlichen Strukturen entfalten kann, wenn auch dieses sicher leichter ist als jenes.
Stark wird die evangelikale Bewegung gerade dann sein, wenn sie diese Beweglichkeit und Anpassungsfähigkeit bewahrt, mit anderen Worten, wenn sie sich zielgerichtet auf ihre zentralen Themen konzentriert: Einheit der an Christus Glaubenden, Autorität der Bibel, Weltmission und Evangelisation, Einsatz in der Welt im Auftrag von Jesus und auf ihn ausgerichtete Glaubenserfahrung, die sich im Gebet und im Hören auf die Leitung des Heiligen Geistes ausdrückt.

Geleitet vom „augustinischen Ratschlag“

Die evangelikale Bewegung tut gut daran, den Satz zu beherzigen, der dem Kirchenvater Augustinus zugeschrieben ist: „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in ommibus caritas“ – „In den notwendigen Dingen Einheit, in den zweifelhaften Freiheit, in allen Dingen Liebe“. So könnte sie sich vor inneren Selbstzerfleischungstendenzen bewahren und zu der Kraft heranreifen, die in der Tat in der Lage ist, auch in einer postmodernen und teilweise gegen-christlichen Gesellschaft Gehör zu finden und positiv Orientierung zu geben. Aktion und spirituelles Fundament, Sendung und Sammlung sind gleichermaßen notwendig, um der evangelikalen Bewegung eine Stimme und Gestalt zu geben.

Orthodox, katholisch und evangelisch zugleich

Die evangelikale Bewegung gehört ins Zentrum der Christenheit. Mit ihrer Betonung der Autorität der Bibel ist sie im eigentlichen Wortsinn „orthodox“. Rechtgläubigkeit ist für sie ein hohes Gut, evangelikale Christen sehen sich gerufen, für den „Glauben zu kämpfen, der ein für alle Mal den Heiligen gegeben ist“ (Judas 3).
Mit ihrer Betonung der Herzenseinheit aller an Christus Glaubenden, über alle konfessionellen Grenzen hinweg, ist sie wahrhaft „katholisch“, also alle umfassend. Mit ihrer missionarischen und diakonischen Weltberufung ist sie länder- und zeitübergreifend.
Und mit ihrer starken Verwurzelung in der reformatorischen Tradition und ihrer Betonung der Bibel ist sie zutiefst evangelisch.

Zum Schluss sieben Beobachtungen und Wünsche, aus einer Innensicht der evangelikalen Christenheit geboren:

Evangelikale Christen können deshalb nicht ruhen, bis das Evangelium „aller Kreatur“ verkündigt ist und alle Menschen die Möglichkeit haben, in ihrer eigenen Sprache und Kultur das Wort Gottes zu hören und lebendige Gemeinde zu leben und zu erleben.
Ebenso geben sich evangelikale Christen nicht damit zufrieden, wenn und dass Unfreiheit, Ungerechtigkeit, Gewalt, Menschenverachtung, Gleichgültigkeit, Hass, Hunger, Krieg, Korruption und was es noch an Zerstörerischem geben mag, das Leben der Menschen bestimmt. Sie stehen dagegen auf, verkündigen die Herrschaft Jesu Christi und arbeiten in der Kraft, die der Heilige Geist ihnen darreicht, an der Erneuerung der Welt. Jedoch nicht so, als könnten sie das Paradies hier und jetzt schaffen, sondern als ein Zeugnis für das kommende Reich Gottes.

Zielgerichtet evangelisch

Evangelikal zu sein bedeutet für mich nicht mehr und nicht weniger als „eigentlich“ evangelisch zu sein. Und zwar mit einer Zielrichtung, die das Reich Gottes meint und den Einzelnen wahrnimmt und achtet. Evangelikal zu sein heißt für mich, aus dem Evangelium zu leben und darin immer neu die Quelle lebendigen Wassers zu finden, die niemand anderes ist als Jesus selbst.
(Ende der Auszüge)

Wie gesagt – der volle Text steht im Buch “Der E-Faktor” und ist auch im vorvorletzten “Salzkorn”, dem Magazin der Offensive Junger Christen (www.ojc.de) erschienen (das ist kostenlos anzufordern). Nachtrag: Der Text ist hier online verfügbar.

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