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Jahr: 2004

Sieben Schritte zum wahren Heldentum

Sieben Schritte zum wahren Heldentum

Ein glückseliges Rezept für alle, die es ernst meinen

Gelobt seist du, Bruder, gepriesen seist du, Schwester, alldieweil du den steinigen Pfad zum wahren Heldentum beschreiten willst. Rar sind die Menschen, die so wie du sich aufschwingen wollen zu höheren Dingen, die die Niederungen verlassen wollen, in denen sich die meisten in ihrer Mittelmäßigkeit eingerichtet haben.
So höre nun, da ich dir die Perlen der Weisheit darbringen will, die dir Lichtlein auf dem Weg sein sollen. Sieben sind es an der Zahl, aufgereiht wie Edelsteine an einer Kette, damit du sie eng an deinen Busen schmiegest als Zierde der Weisheit und tief in dich aufnehmen mögest als Speise der Erleuchtung.

1. Wisse, du bist etwas Besonderes!

Ja, du Auserwählter, du Held der Zukunft! Schon heute erkenne, zu welch Hohem du berufen bist! Lass dich deshalb nicht beirren von solchen Kreaturen, die das nicht alsbald verstehen. Wenn sie deine hohe Berufung nicht erkennen, so zeigt das nur, dass sie nicht würdig sind, dir das Wasser zu reichen. Lass dich gar nicht auf sie ein, denn diese niederen Geschöpfe könnten sonst noch deine innere Weisheit und hehre Seelengestalt beflecken. Deshalb: Ob du nun in den Spiegel schaust – und ich rate dir: Tue es oft! –, oder andere ein Gemälde von dir anfertigen, ob du dich besingen lässt in Arien oder deine Silhouette im Scherenschnitt nachgestaltet wird, wisse: Du bist etwas Besonderes! Wenige nur sind es, die dir gleich kommen, ja, wenn du es genau bedenktst, fast niemand. Diese tiefe Erkenntnis ist der erste Schritt zum wahren Heldentum und ist die erste Perle.

2. Übe dich in höheren Künsten!

Dies ist ein teurer Rat, den ich dir hiermit anvertraue: Gib dich nicht mit geringen Dingen ab! Da du dich auf dem Weg zum Heldentum befindest, solltest du nicht nach rechts oder links schauen. Verschwende deine kostbare Zeit nicht mit niederen Verrichtungen wie Dienstleistungen für Arme oder Schwache. Sie können dir sowieso nicht das wiedergeben, was dir gebührt. Dein Einsatz wäre gar verschwendet. Strecke dich also aus nach Höherem, wie Philosophieren, Kontemplieren und Meditieren. Nimm dir vor allem Zeit für dich selbst! Nur so bereitest du dich geistig auf das wahre Heldentum vor. Dies ist die zweite Perle.

3. Achte darauf, dass jedermann dir mit Ehrerbietung begegnet!

Das steht dir wahrhaftiglich zu: Als geborener Held solltest du heute schon so behandelt werden, wie es deinem zukünftigen Ruhme entspricht. Achte dessentwillen mit aller dir zu Gebote stehenden Vollmacht darauf, dass alle, aber auch alle, die dir begegnen, dies mit der gebührenden Ehrfurcht tun. Dies ist äußerst bedeutsam, da sonst mancher schlecht Erzogener dir die Ehre streitig machen könnte, die dir jedermann entgegen zu bringen verpflichtet ist. Besonders Kinder und niedrig gestellte Personen solltest du jederzeit ermahnen und dazu anhalten, mit Respekt dir als Wohltäter der Menschheit zu begegnen. Und nicht zuletzt gewährst du ihnen damit einen huldvollen Dienst, denn wenn sie frühe wahres Heldentum vor Augen gestellt bekommen, so sind sie leichter dazu in der Lage, ihre eigene Beschränktheit zu erkennen und sich wohlgefällig auf dem niedriegen Platz einzuordnen, der ihnen entspricht. So spiegelt sich dein Heldentum umso klarer in ihrer Unterlegenheit, und du hilfst ihnen noch nebenbei, da du sie zu wahrer Selbsterkenntnis und reuiger Einsicht in ihre ihnen eigene Einfalt und untergeordnete Stellung anleitest. Dies ist die dritte Perle.

4. Beschäftige dich nicht mit Nebensächlichkeiten!

Als Vertreter des gehobenen Heldentums solltest du bestimmte Dinge, die für den Durchschnittsmenschen von manchem Nutzen sein mögen, von vorn herein meiden. Dazu gehört das Erlernen jeglicher handwerklicher Befähigung. Denn wozu solltest du solche gebrauchen können? Schließlich eilst du mit Riesenschritten auf den Tag zu, an dem dir Jubellieder gesungen und Ehrenkränze umgehängt werden. Was also Zeit verschwenden mit mühsamen handlichen Verrichtungen, die noch in der Lage wären, deine sorgsam manikürten Finger zu verunstalten? Als Held solltest du also nicht nach links oder rechts schauen, solltest solche Nebensächlichkeiten wie Erwerbsarbeit und ähnliche fast schandbare Dinge hintan stellen und dich der Hauptsache widmen. Und das bist niemand anderes als du selbst, du Held der Helden! So lasse die Nebendinge an der Seite, und trachte nach dem, was droben ist, nämlich du selbst auf dem Siegertreppchen der Helden-Ehren-Legion! Sicher erfordert das Disziplin und Entsagung, aber ich bin gewiss, dass du, wenn du schon so weit gekommen bist, auch diese Aufgabe mit Bravour meistern wirst! Dies ist die vierte     Perle.

5. Bekämpfe angebliches Heldentum in jeder Hinsicht!

Nachdem wir die ersten Anfangsgründe des steinigen Pfads zum vollkommenen Heldentum hinter uns gelassen haben, erheben wir uns nun auf die Höhen der Vorberge des vollendeten Heroismus. Und nunmehr, du ratsuchender Bruder, du Erleuchtung heischende Schwester, kommt eine der schwereren geistigen Aufgaben auf dich zu, von der ich jedoch mehr als überzeugt bist, dass sie dir ein Kleines sein werden zu meistern. Ich spreche von den frechen Versuchen anderer, im Grunde zutiefst zweifelhafter, Personen, dir den Platz in der vordersten Heldenfront streitig zu machen. Sie erheben sich aus den Niederungen ihres eigenen Nichtsnutzes und ihrer Niederträchtigkeit, und versuchen, allen Ernstes, dir, dem die Helden-Gloriole schon scheinbar fest ans Haupt gewachsen ist, den Goldbelag von derselben abzukratzen. Widerstehe diesen Unmenschen, fest im Glauben an dich selbst! Lass es nicht zu, dass dir jemand die Ehrenkrone raubt! Ja, wenn es sein muss, so nimm allen Willen zusammen, und wenn es dir aufgrund deiner dir angeborenen Nachgiebigkeit auch schwer fallen mag, so gib deiner eigenen Gütigkeit einen entschlossenen Ruck und wirf diese dubiosen Subjekte zu Boden, die dich in deiner Stellung als unengeschränkter Kandidat des Heldentums anfechten wollen. Denn letztlich ist es doch so, und dieses bedenke fein, dass du ihnen damit einen großen Dienst erweist, den sie dir zunächst, mag sein, auch nicht danken mögen. Denn du befreist sie von der Täuschung, sie selbst wären zum Heldentum geboren oder erschaffen. So bekämpfe, du Held, alle jene, die sich fälschlicherweise selbst zu Helden machen wollen, und geh unbeirrbar auf deinem Siegesweg weiter! Dies ist die fünfte Perle.

6. Bau dir schon früh deine eigenen Denkmäler!

O Bruder voller Weisheit, o Schwester voller Siegessinn! Wahrlich, der Weg zum Heldentum ist schwer und mit vielen Wackern gepflastert. Nur wenige sind es, die ihn bezwingen und sich bis zum Ende über alle Hindernisse hinübertragen lassen. Dir aber traue ich es zu, wenn du die ersten fünf Perlen um den Hals deiner Erinnerung geschlungen hast, und sie als kostbare Kleinode ständig vor deinen helfenhaften Augen hin und her schwingst.
Hier nun die sechste Perle der Weisheit für dich: Sorge dafür, dass dein Werk nicht wie Spreu im Wind verweht und dass dein kostbarer Name nicht zum Gespött der Nachfahren wird! Baue, o Begnadeter, dir frühe ein Denkmal, ja, noch besser, baue derer mehrere! So wirst du der Schmach einer möglichen Nichtbeachtung durch ahnungslose Vorübergehende entkommen und wirst deinen Heldennamen auf ewig der Erinnerung deines Volkes anvertrauen! Baue, o baue! Was soll ich bauen? – so magst du vielleicht fragen! Und wie? Meine Antwort voller Weisheit lautet – und höre sie fein: Baue dir Denkmäler in jeder Gestalt. Aus Stein, aus Marmor, aus Eisen, auf Pergament, Papyrus und Papier, ja in jeder erdenklichen Form. Wisse: Die Erinnerung der Menschen ist trügerisch. Deshalb verwende deine Zeit nicht darauf, Einzelnen Gutes zu tun, in der Hoffnung, sie mögen es dir dermaleinst lohnen! Sie werden es nicht! Sondern wende dich statt dessen von Anfang an den vielen zu! Und das tust du am besten durch ein Denkmal. Sei bescheiden – wie du ja bist – und demütig – eine Eigenschaft, die du sowieso in übergroßem Maße besitzt, wie jeder bezeugen kann, der dich kennt, und erlaube gnädig, dass andere dir helfen. So lass es zu, dass sie dir Lieder schreiben und Gedichte verfassen, dass sie dich in Oden rühmen und in Lobgesängen huldigen. Denn du bist es wahrhaft wert, du Held der Helden! Achte auf meine Worte: Baue dir Denkmäler und lass die anderen mit daran bauen. So wird der Ruhm deines überragenden Heldentums vermehrt und du wirst der gesamten Nachwelt sowie der Zeitgenossenschaft als Heroe vor Augen gestellt, wie es dir zukommt. Das ist die sechste Perle.

7. Hüte dich vor neuer Erkenntnis!

Und hier, mein Freund, meine Freundin, du mein Mitbesteiger der Heldensiegertreppen, folgt die siebte Perle der Weisheit, von der ich zutiefst überzeugt bin, dass du sie von je her schon beachtest und entschlossen in die Tat umsetzt: Hüte dich vor neuer Erkenntnis! Denn du weißt schon längst alles, was es sich zu wissen lohnt. Deshalb hüte dich vor denen, die dir noch etwas beibringen wollen! Was erlauben die sich eigentlich? Du hast doch schon im zarten Jugendalter alles an Wissenswertem erfasst! Deshalb: Wehre dich mit Macht gegen alle Versuche anderer, dich zu belehren, zu ermahnen oder gar zu kritisieren! Lass dich von niemandem in Frage stellen, schon gar nicht von Älteren! Aber auch nicht von Jüngeren und erst recht nicht von Gleichaltrigen! Besinne dich auf das Wesentliche, und das ist die unbezweifelbare Tatsache, dass du ein Held bist. Wenn es dich nicht gäbe, müsste man dich erfinden! Lass dich von niemandem beirren, denn du bist das Zentrum der Welt! Dazu sage Amen, Amen und nochmals Amen!
Dies ist die siebte Perle der Weisheit. Mehr habe ich dir nicht zu sagen, du Held, denn du bist hoch erhoben über jede weitere Belehrung. Also: Lebe wohl und siege weiter!

P.S. Das oben stehende Schriftstück wurde in einem kleinen, verkohlten Kästchen gefunden, das am Eingang einer Höhle entdeckt wurde. Manche der Einheimischen aus jenem Gebiet munkeln, dass diese Höhle der Eingang zur Hölle sei. Natürlich kann das nicht verlässlich bestätigt werden, da keiner derer, die sich in diese Höhle hinein wagten, je wieder gesehen wurden. Unter dem Text stand noch eine kleine Bemerkung in Klammern. Obwohl sie schwer zu entziffern war, handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um folgende Worte: „Auf keinen Fall Philipper 2, 1-13 lesen!“ Was diese Anmerkung mit dem Rest des Textes über Heldentum zu tun hat, ist nicht bekannt.

Roland Werner („Dennoch“ Artikel April 2004)