Feiern – bei all dem Elend in der Welt?

Feiern – bei all dem Elend in der Welt?

Die Frage ist nicht neu. Ist es gerechtfertigt, ist es für Christen überhaupt in Ordnung, richtig zu feiern, also zu essen, zu trinken, zu tanzen und es sich rundherum gut gehen zu lassen, wenn es doch in anderen Ländern Menschen gibt, die hungern und überhaupt nichts haben?
Ist es zu verantworten, Feste zu feiern, Party zu machen, wenn gleichzeitig an anderen Orten Menschen weinen, trauern, auf der Flucht sind, verzweifeln, sterben?

Der englische Literaturprofessor C.S. Lewis hat während des zweiten Weltkrieges eine Radioansprache gehalten, in der er sich mit eine ähnlichen Fragestellung auseinander  setzte. Sein Thema war: Study in times of war – Studium in Zeiten des Krieges. Er fragte: Ist es zu verantworten, ist es richtig, dass junge Männer in England studieren, während gleichzeitig andere als Soldaten auf dem Schlachtfeld gegen die Bedrohung des nationalsozialistischen Deutschlands kämpfen und ihr Leben riskieren?

Seine Antwort war ein deutliches Ja. Dabei verfolgte er mehrere Begründungsstränge. Zum ersten sagte er: Es ist genau dieses das Ziel des Kampfes, nämlich dass normale Menschen en normales Leben in Frieden und Freiheit führen können. Genau deshalb ist es nicht nur erlaubt, sondern geradezu notwendig, dass das „normale Leben“ weitergeht. Zweitens, so Lewis, müssen wir unsere ganzes Leben als Pflicht begreifen, oder anders gesagt, als Dienst für die Allgemeinheit. Der Bäcker, der das Brot backt, der Arbeiter, der die Straße repariert, die Lehrerin in der Schule leisten genauso einen Beitrag für Frieden und Freiheit wie der Soldat im Kampf, der gegen ein Terrorregime kämpft. Und außerdem, sagt Lewis, sollen wir unseren Platz in der Gesellschaft einnehmen und ausfüllen, nicht nur für die Allgemeinheit, sondern letztlich auch in der Verantwortung für Gott.

Wenn wir diese Gedanken auf unser Thema übertragen, müssen wir eindeutig sagen: Es ist nicht nur erlaubt, sondern es ist auch richtig und gut, wenn Menschen feiern, obwohl es Leid und Unrecht auf der Welt gibt. Denn damit zeigen sie, wie es eigentlich in der Welt zugehen soll. Und sie erinnern alle daran, dass nicht Feiern und Freude das Unnatürliche und zu Vermeidende sind, sondern das Leiden und Elend.

Jesus hat dies deutlich bekräftigt. Nicht nur, dass er auf vielen Feiern anwesend war und damit zeichenhaft deutlich machte, dass Gottes Herrschaft mit einem Fest zu vergleichen ist. Sondern auch ausdrücklich kurz vor seinem eigenen Leiden und Sterben. Im Haus der mit ihm befreundeten Geschwister Marta, Maria und Lazarus in Bethanien kam Maria und zerbrach eine Flasche mit kostbarem Parfüm und goss es über die Füße von Jesus aus. Die Kritik kam sofort: Man hätte es verkaufen können und damit Armen helfen. Jesus jedoch nahm Maria in Schutz: „Arme habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit!“ (nachzulesen in Johannes 12, 1-8) Also: Feiern ist erlaubt. Geld ausgeben ist erlaubt. Gerade, wenn damit Menschen Freude gemacht wird.

Allerdings gibt es auch hier Grenzen. Die Bibel spricht immer wieder deutlich von unserer Verantwortung für die Armen. Drastisch und plastisch z.B. der Prophet Amos oder auch Jesus in seiner Erzählung vom reichen Mann und vom armen Lazarus (Lukas 16, 19-31). Denn: unser Feiern soll nicht ausgrenzen, sondern mit einbeziehen. Alle unsere Feste sollen Zeichen des ewigen Festes sein, das Gott für alle Menschen vorbereitet. Deshalb heißt christliches Feiern immer auch Teilen. Und genauso wie wir als Christen feiern dürfen und sollen, dürfen und sollen wir auch abgeben, teilen und auf manches verzichten, eben um derer Willen, denen es nicht so gut geht. Deshalb gilt beides: Ohne schlechtes Gewissen und mit echter Freude feiern! Aber auch: Abgeben, teilen, helfen, verzichten, eintreten für Entrechtete, Unterdrückte, Verfolgte, Flüchtlinge, Opfer von Hunger und Krieg, Geschändete und Vergessene.

Im Matthäusevangelium finden wir beides in den Abschiedsreden von Jesus: Die Einladung zum großen Festmahl Gottes (Matthäus 25, 1-13) und auch die Warnung vor dem Weltgericht, wo Jesus uns fragen wird, was wir für den „Geringsten seiner Brüder“ getan – oder auch unterlassen – haben (Matthäus 21, 31-46).

Die Antwort ist also nichts abstraktes oder allgemein-gültiges. Was in einer gegebenen Situation richtig ist, Feiern oder Verzichten, um anderen helfen zu können, das müssen wir in der Verantwortung vor Jesus im Einzelfall entscheiden.  Beides hat seine Berechtigung. Und beides soll ein Hinweis sein auf das große Fest Gottes, zu dem jeder eingeladen ist, und bei dem es keine Verlierer gibt.

Roland Werner für Anruf 4/2003

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