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Jahr: 2003

Im Land der Vogelnamen

Im Land der Vogelnamen

Selten habe ich in so kurzer Zeit so viel Wein getrunken wie letzte Woche. Drei bis fünf Gläser werden es pro Tag gewesen sein. Und das will schon was heißen für mich als ziemlich totalen Antialkoholiker. Aber aus Liebe zu anderen Christen nimmt man ja so einiges auf sich, nicht wahr?

Auf jeden Fall schmeckte er jedes Mal anders, der Wein. Denn wir waren in Georgien, dem Land, in dem jeder seinen eigenen Wein herstellt. Und jeder hat ein Geheimrezept. Kaukasischer Wein -– das ist eine Reise wert.

Aber der Wein war nicht der wirkliche Grund unserer Reise. Wir flogen Anfang Mai mit zwölf Leuten vom Christus-Treff nach Georgien, um dort mit einheimischen Christen Ostern zu feiern. Nicht nur der Bundesgrenzschützer an der Passkontrolle im Flughafen Frankfurt war etwas verwirrt: “Was macht ihr in Georgien?” “Wir feiern Ostern?” “Ostern, ist das schon jetzt?” “Nein, es war schon, vor vier Wochen!” Da blickte er gar nichts mehr und bat uns nur noch, ihm rechtzeitig vor Weihnachten Bescheid zu geben.

Na ja, der orthodoxe Kalender machte es möglich, dass wir dieses Jahr gleich zweimal Ostern feierten: einmal in Deutschland und fünf Wochen später in Georgien. Eingeladen hatte uns mein langjähriger Freund Malchaz Songulashvili, der Bischof der Baptistengemeinden in Georgien. Songulashvili heißt übrigens “Sohn des braunen Falken”. Die meisten Georgier haben klangvolle Namen wie Ilja Osepashvili, Merab Gaprindashvili oder Ramaz Paresashvili. Shvili heißt übrigens Sohn. So sind sie alle jeweils “Söhne” der verschiedensten Vogelarten: Sohn des weißen Falken, Sohn des Singvogels, Sohn der Nachtigall und so weiter.

Wir hatten eine ganze Band dabei, komplett mit Percussionist, Keyboarder, Bassspieler, Schlagzeuger und Sänger unter der Leitung von Guido Baltes. Der erste Schock kam dann zwei Tage vor unserem Hinflug, als wir hörten, dass wir vor Ostern, also bei den Gottesdiensten am Gründonnerstag, am Karfreitag und Ostersamstag -– und es gab jeden Tag Gottesdienste! -– keine Musikinstrumente gebrauchen dürften. Kurzerhand mutierte die Band dann zu einem A-capella-Gesangsquartett. Hörte sich ganz gut an. Unsere dreiköpfige Tanzgruppe allerdings durfte ihre CDs einlegen. Das war ja schon etwas.

Was wir dann in Georgien erlebten, war überwältigend. Erstens wurden wir mit einer ungeheuren Gastfreundschaft empfangen. Und zwar von Leuten, die eigentlich kaum etwas besitzen. So toll das war, so schwierig war es auch, denn wir mussten ständig daran denken, wie knickerig und unhöflich wir häufig unsere Gäste aus anderen Ländern behandeln.

Zweitens erlebten wir Gottesdienste, die an Kreativität, musikalischer Bandbreite und toller Symbolik alles weit überragten, was ich sonst irgendwo gesehen habe. Wir dachten, wir fahren nach Georgien, um unseren christlichen Freunden dort etwas beizubringen. Das Gegenteil war der Fall -– wir haben unwahrscheinlich viel gelernt.

Drittens erfuhren wir, was es heißt, bedroht und als Christen verfolgt zu werden. Während wir in der Hauptkirche in Tiflis einen Abendmahlgottesdienst feierten erreichte uns ein Anruf, dass das neu entstehende Sozialzentrum der Gemeinde von einer Horde aufgebrachter orthodoxer Männer angegriffen wurde. Das ist nichts besonderes für unsere Freunde dort. Im März wurde das Lager der Bibelgesellschaft überfallen und Hunderte von Bibeln verbrannt –- ebenfalls von einem Mob, der von einem orthodoxen Priester angeführt wurde. Mein Freund Malchaz, der Bischof der Baptisten, ist gleichzeitig Leiter der georgischen Bibelgesellschaft. Und die Gemeinde selbst wurde letzten Herbst überfallen, wobei eine riesige Geldsumme geraubt wurde. Weil Geld, das auf die Bank gebracht wird, in Georgien nicht sicher ist, hat die Gemeinde einen eigenen Tresor, in dem Spendengelder und Kollekten aufbewahrt werden. Weil solche Überfälle häufiger vorkommen, und besonders kleinere Gemeinden, Pfingstler, aber auch Katholiken und armenische evangelische Gemeinden, also alles, was nicht orthodox ist, angegriffen werden kann, hat die zentrale Baptistengemeinde in Tiflis jetzt eine Gruppe von einhundert Männern, die bereit stehen, auf Abruf zu kommen und auch kleinere Gemeinden zu schützen -– mit passivem Widerstand, aber wirkungsvoll. Sie haben extra eine Kleidung aus Sackleinen mit aufgenähten Kreuzen entworfen. Das muss man gesehen haben! Würde sich als Ordnerkleidung für hiesige Gemeinden auch eignen! Am Karfreitag machten wir eine fast dreistündige Gebetsprozession durch die Stadt -– übrigens alle in Sackleinenuniform, inklusive unserer Tanzgruppe und meiner Frau, ständig begleitet von einem dezenten Polizeiaufgebot, das uns schützen sollte vor eventuellen Angriffen fanatischer “Christen”.

Wie gesagt, es waren bewegte Tage. Der Höhepunkt war der fast zwölfstündige Osternachtsgottesdienst von abends zehn Uhr bis zum nächsten Morgen. Langweilig war es nicht, zumal wir gegen vier Uhr morgens auf einen Berg am Fuß des Kaukasus fuhren und wanderten, um dort bis zum Morgengrauen bei klirrender Kälte zu singen und das Abendmahl zu feiern. Einschlafen war da ausgeschlossen. Gut, dass es zum Frühstück dann wieder den kräftigen Wein gab, der ein bisschen wärmte.

Nachdem wir um Mitternacht dann auf georgisch gerufen hatten: “Kriste arsdega!” -– “Christus ist auferstanden!”, durfte unsere Band auch volle Kanne mit E-Gitarre, Bass und Schlagzeug aufspielen. Inzwischen hatten sie sich jedoch kulturell schon so angepasst, dass sie außerdem die georgische Liturgiegruppe in neo-gregorianischen Gesängen unterstützen konnten. Eins ist klar: Das war nicht mein letztes Mal in Georgien, dem Land der Vogelnamen.

Übrigens, ich kann jedem jungen Christen nur empfehlen, selbst endlich flügge zu werden und Gottes weite Welt zu entdecken. Und zwar nicht nur als Pauschaltourist auf Ibiza, sondern in Kontakt mit Christen in aller Welt, und besonders in nicht so stark bereisten Regionen. Denn, o Wunder, sie freuen sich, wenn wir mal vorbeikommen, mit ihnen beten und sie ermutigen, indem wir ihr Leben teilen, ihre Sackleinen anziehen und ihren Wein trinken.

© Roland Werner, 2003

PS: Diese Begegnung mit unserer Partnergemeinde in Georgien fand Ostern 2002 statt.

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Feiern – bei all dem Elend in der Welt?

Feiern – bei all dem Elend in der Welt?

Die Frage ist nicht neu. Ist es gerechtfertigt, ist es für Christen überhaupt in Ordnung, richtig zu feiern, also zu essen, zu trinken, zu tanzen und es sich rundherum gut gehen zu lassen, wenn es doch in anderen Ländern Menschen gibt, die hungern und überhaupt nichts haben?
Ist es zu verantworten, Feste zu feiern, Party zu machen, wenn gleichzeitig an anderen Orten Menschen weinen, trauern, auf der Flucht sind, verzweifeln, sterben?

Der englische Literaturprofessor C.S. Lewis hat während des zweiten Weltkrieges eine Radioansprache gehalten, in der er sich mit eine ähnlichen Fragestellung auseinander  setzte. Sein Thema war: Study in times of war – Studium in Zeiten des Krieges. Er fragte: Ist es zu verantworten, ist es richtig, dass junge Männer in England studieren, während gleichzeitig andere als Soldaten auf dem Schlachtfeld gegen die Bedrohung des nationalsozialistischen Deutschlands kämpfen und ihr Leben riskieren?

Seine Antwort war ein deutliches Ja. Dabei verfolgte er mehrere Begründungsstränge. Zum ersten sagte er: Es ist genau dieses das Ziel des Kampfes, nämlich dass normale Menschen en normales Leben in Frieden und Freiheit führen können. Genau deshalb ist es nicht nur erlaubt, sondern geradezu notwendig, dass das „normale Leben“ weitergeht. Zweitens, so Lewis, müssen wir unsere ganzes Leben als Pflicht begreifen, oder anders gesagt, als Dienst für die Allgemeinheit. Der Bäcker, der das Brot backt, der Arbeiter, der die Straße repariert, die Lehrerin in der Schule leisten genauso einen Beitrag für Frieden und Freiheit wie der Soldat im Kampf, der gegen ein Terrorregime kämpft. Und außerdem, sagt Lewis, sollen wir unseren Platz in der Gesellschaft einnehmen und ausfüllen, nicht nur für die Allgemeinheit, sondern letztlich auch in der Verantwortung für Gott.

Wenn wir diese Gedanken auf unser Thema übertragen, müssen wir eindeutig sagen: Es ist nicht nur erlaubt, sondern es ist auch richtig und gut, wenn Menschen feiern, obwohl es Leid und Unrecht auf der Welt gibt. Denn damit zeigen sie, wie es eigentlich in der Welt zugehen soll. Und sie erinnern alle daran, dass nicht Feiern und Freude das Unnatürliche und zu Vermeidende sind, sondern das Leiden und Elend.

Jesus hat dies deutlich bekräftigt. Nicht nur, dass er auf vielen Feiern anwesend war und damit zeichenhaft deutlich machte, dass Gottes Herrschaft mit einem Fest zu vergleichen ist. Sondern auch ausdrücklich kurz vor seinem eigenen Leiden und Sterben. Im Haus der mit ihm befreundeten Geschwister Marta, Maria und Lazarus in Bethanien kam Maria und zerbrach eine Flasche mit kostbarem Parfüm und goss es über die Füße von Jesus aus. Die Kritik kam sofort: Man hätte es verkaufen können und damit Armen helfen. Jesus jedoch nahm Maria in Schutz: „Arme habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit!“ (nachzulesen in Johannes 12, 1-8) Also: Feiern ist erlaubt. Geld ausgeben ist erlaubt. Gerade, wenn damit Menschen Freude gemacht wird.

Allerdings gibt es auch hier Grenzen. Die Bibel spricht immer wieder deutlich von unserer Verantwortung für die Armen. Drastisch und plastisch z.B. der Prophet Amos oder auch Jesus in seiner Erzählung vom reichen Mann und vom armen Lazarus (Lukas 16, 19-31). Denn: unser Feiern soll nicht ausgrenzen, sondern mit einbeziehen. Alle unsere Feste sollen Zeichen des ewigen Festes sein, das Gott für alle Menschen vorbereitet. Deshalb heißt christliches Feiern immer auch Teilen. Und genauso wie wir als Christen feiern dürfen und sollen, dürfen und sollen wir auch abgeben, teilen und auf manches verzichten, eben um derer Willen, denen es nicht so gut geht. Deshalb gilt beides: Ohne schlechtes Gewissen und mit echter Freude feiern! Aber auch: Abgeben, teilen, helfen, verzichten, eintreten für Entrechtete, Unterdrückte, Verfolgte, Flüchtlinge, Opfer von Hunger und Krieg, Geschändete und Vergessene.

Im Matthäusevangelium finden wir beides in den Abschiedsreden von Jesus: Die Einladung zum großen Festmahl Gottes (Matthäus 25, 1-13) und auch die Warnung vor dem Weltgericht, wo Jesus uns fragen wird, was wir für den „Geringsten seiner Brüder“ getan – oder auch unterlassen – haben (Matthäus 21, 31-46).

Die Antwort ist also nichts abstraktes oder allgemein-gültiges. Was in einer gegebenen Situation richtig ist, Feiern oder Verzichten, um anderen helfen zu können, das müssen wir in der Verantwortung vor Jesus im Einzelfall entscheiden.  Beides hat seine Berechtigung. Und beides soll ein Hinweis sein auf das große Fest Gottes, zu dem jeder eingeladen ist, und bei dem es keine Verlierer gibt.

Roland Werner für Anruf 4/2003

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