Nur der halbe Mond! – Von den Grenzen der Erkenntnisfähigkeit

Nur der halbe Mond! – Von den Grenzen der Erkenntnisfähigkeit

„Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön. So sind gar manchen Sachen, die wir getrost belachen, weil uns’re Augen sie nicht seh’n.“ (Matthias Claudius)

Das, was der „Wandsbeker Bote“ auf seine herrlich klug-naive Weise formuliert hat, bleibt auch heute, gut 200 Jahre nach seinem Tod, eine notwendige und hochaktuelle Seitennotiz auf die Wissenschaftsgläubigkeit, die offenbar weite Teile unserer Gesellschaft erfasst hat.

Naive Wissenschaftsgläubigkeit?

„Die Wissenschaft hat festgestellt…“ In wie vielen Diskussionen habe ich diesen Satz in den unterschiedlichsten Variationen schon gehört! Eine beliebte Version ist auch: „Wie wir heute aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse wissen…“ Und meist hält der Gesprächspartner damit dann das Gespräch für beendet bzw. seinen Punkt für bewiesen. Dabei  fängt aus meiner Sicht da die Diskussion erst richtig an. Denn dazu hätte ich eine Reihe von Fragen, z.B.: „Woher weißt du das? Kannst du das belegen? Wie ist gerade der genaue Stand der wissenschaftlichen Diskussion an dieser Stelle?“ usw. usw. Meistens kneift der Gesprächspartner aber an dieser Stelle, denn so genau weiß er das, was er gerade noch mit großer Vehemenz behauptet hat, dann doch nicht.

Wie fest ist eigentlich die vielbeschworene wissenschaftliche Erkenntnis? Wer in irgendeinem beliebigen Wissenschaftsgebiet, sei es in den Naturwissenschaften, den Sozialwissenschaften, der Theologie oder sonst wo die Entwicklung allein der letzten 30 Jahre, 50 Jahre oder gar 100 Jahre verfolgt, erkennt, dass kaum ein Stein auf dem anderen geblieben ist. Mit dem Schlagwort: „Die Wissenschaft hat festgestellt“ lässt sich also nicht wirklich viel Staat machen. Denn „die“  Wissenschaft gibt es überhaupt nicht, sondern maximal einen gegenwärtigen Stand von Erkenntnis, angereichert durch Theorien und Vermutungen. Und: Die wissenschaftliche Diskussion ist nie abgeschlossen. Manches, was wir vor wenigen Jahren noch für unmöglich und absurd hielten, ist jetzt klar und bewiesen. Anderes, was wir für absolut fest hielten, muss jetzt ein dickes Fragezeichen tragen. Matthias Claudius mahnt nicht ohne Grund: „So sind gar manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht seh’n!“ Die feine Ironie bei dem Wörtchen „getrost“ hatte Claudius bewusst eingebaut. Denn ob wir mit unserer neuzeitlichen  Wissenschaftsgläubigkeit ganz bei Trost ist oder nicht, müsste noch einmal wissenschaftlich untersucht werden.

Wissenschaftliche Bescheidenheit

Ja, der Mond ist wirklich nur halb zu sehen! Und ich habe bei mir selbst den Eindruck, dass ich noch nicht einmal diese Hälfte richtig sehen und verstehen kann. Ich kenne mich in vielen Wissenschaftsgebieten nicht wirklich aus. Genau genommen kenne ich mich überhaupt in nur sehr wenigen Gebieten ein bisschen aus. Andere faszinieren mich zwar, sind mir jedoch mangels Zeit, Intelligenz und Förderung bislang verschlossen geblieben und werden es wohl auch mein Leben lang bleiben. Was zum Beispiel „Schwarze Löcher“ im Weltraum sind, vermag mein begrenztes Hirn nicht zu erfassen. Was die Gravitationswellen sein mögen, und die Raum-Zeit-Krümmung, ja, wie das im Einzelnen beim Urknall war und warum sich das Universum mit ständig zunehmender Geschwindigkeit ausbreitet, hat sich mir auch noch nicht erschlossen. Wissenslücken und Verständniskluften bauen sich gähnend vor mir auf, wenn ich an Astrophysik, Kernphysik, Chemie und Biologie denke. In Mathematik war ich in der Oberstufe abgehängt, zumal ich durch einen Amerikaaufenthalt ein Jahr im deutschen Gymnasium übersprungen habe und dadurch die Grundlagen der höheren Mathematik nicht mitbekommen hatte. Dort in den USA hatte ich statt dessen Schreibmaschineschreiben, Schwedisch, Französisch, Folk-Guitar, Gesundheitserziehung, englische Literatur und nicht zuletzt Geschichte der Vereinigten Staaten lernen dürfen. Alles auch nett und wissenswert. Aber nicht wirklich zuträglich für meine naturwissenschaftliche Bildung.  Da klaffen gähnende Lücken… Und so könnte ich fortfahren. Mein Fazit: Es gibt unendliche Dinge, ja ganze Wissensgebiete, über die ich nichts weiß.

Inseln im Meer der Ahnungslosigkeit

Wenden wir uns jetzt den Gebieten zu, wo ich mich etwas auskenne. Zum Beispiel Sprachen. Ich habe mich in meinem Leben mit insgesamt gut 40 Sprachen etwas näher befasst. Etwa acht oder neun spreche ich leidlich oder ganz gut, weitere sieben oder acht kann ich lesen und verstehen, die anderen habe ich vergessen. In meinem Fachgebiet, der Afrikanistik, bin ich einer der Spezialisten für nubische Sprachen, insgesamt kennen sich weltweit vielleicht zehn Wissenschaftler etwas besser in diesen Sprachen aus. Zu denen gehöre ich. Mit anderen Worten: Ich bin ein Fachidiot. Denn allein in Afrika werden gegenwärtig zwischen 1.200 und 2.100 Sprachen gesprochen. Der Versuch, diese Sprachen zu lernen, übersteigt nicht nur die Kapazität, sondern auch die Lebenszeit eines einzelnen Menschen unendlich. Und weltweit gibt es an die 7.000 bekannte gegenwärtig gesprochene Sprachen.

Mit anderen Worten: Selbst in einem meiner Spezialgebiete, der Afrikanistik, kann ich höchstens winzige Inseln des Wissens in einem ansonsten unüberschaubar weiten Meer der Ahnungslosigkeit ausmachen. Ähnlich  ist es bei einem anderen Fachgebiet, dem Neuen Testament. Ja, ich habe es sicher über 40 Mal gelesen, ja, ich habe es übersetzt, einmal ins Deutsche, und ein zweites Mal in eine nordafrikanische Sprache. Kenne ich deswegen das Neue Testament? Ja und Nein. Ich weiß viel, sicher. Aber das, was ich nicht weiß, übersteigt auch hier mein Wissen unendlich. Immer wieder stoße ich beim Lesen und Studieren auf Zusammenhänge, die ich bisher übersehen habe, entdecke Dinge, die ich noch nicht wusste, stehe vor Fragen, die ich nicht beantworten kann.

Wir stolzen Menschenkinder

Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.“ Die Analyse unseres Liederdichters ist deutlich und gefällt uns nicht wirklich. Kein Wunder, dass diese Strophe des beliebten Volkslieds beim Singen häufig ausgelassen wird. Wer will sich schon so selbst charakterisieren, als „armer Sünder“, der „gar nicht viel weiß“? Doch Matthias Claudius lässt nicht locker, sondern hält uns den Spiegel vor: Unsere theoretischen Gedankengebäude und manche „Kunst“ stehen in der Gefahr, uns nur weiter weg vom Ziel zu bringen.

Für seine leichte, nicht wirklich bissige, aber immer stark geerdete Ironie war der Wandsbeker Bote gefürchtet. Stieß er doch die spitze Nadel der Realitätsprüfung in so manchen aufgeblasenen Ballon. Den melodramatischen, von Narzissmus getriebenen und den Selbstmord verherrlichenden Roman „Die Leiden des jungen Werther“ von Goethe, der überall in Europa gefeiert wurde und manche jungen Menschen zu Suizidversuchen anreizte – der so genannte „Werther-Effekt“ – kommentierte Claudius mit einem bloßen Vierzeiler: „Nun mag ich auch nicht länger leben, vergällt ist mir des Tages Licht! Denn sie hat Franze Kuchen geben, mir aber nicht!“ Kein Wunder, dass Goethe, so wird berichtet, „not amused“ über diese kurze und ironische Zusammenfassung seines Jahrhundertwerks war.

Der Stolz als Hindernis auf dem Weg des Erkenntnisgewinns ist ein nicht häufig behandeltes Thema. Und doch ist diese Tatsache nicht zu leugnen: Wer Wissen erwerben will, muss seinen Stolz überwinden und bereit sein, zu lernen. Angeblich tun sich manche Männer schwer damit, den Weg in einer unbekannten Stadt zu erfragen. Etwas nicht zu wissen, bedeutet ja möglicherweise, eine Schwäche zuzugeben. „Wissen ist Macht…. So sagt es der Volksmund. Bedeutet dann „Nicht-Wissen“ auch Ohnmacht? Eins ist jedoch klar: Wer Wissenszuwachs will, muss lernbereit sein.

Die Fähigkeit zu fragen

Von den Bewohnern in der mazedonischen Stadt Beröa berichtet Lukas in seiner Apostelgeschichte: „Diese waren vornehmer als die Leute in Thessalonich. Sie nahmen die Botschaft mit aller Bereitwilligkeit auf und durchforschten Tag für Tag das Buch Gottes, um herauszufinden, ob das wirklich so ist.“ (Apg 17, 11, dasbuch.). Lernbereitschaft als Kennzeichen von Noblesse, das ist doch mal etwas! Lukas macht hier einen kleinen Seitenhieb auf die Thessalonicher und auf alle, die, anstatt eine Sache genau zu untersuchen, sich von Vorurteilen, von vorgefertigten Meinungen und von Selbstgefälligkeit leiten lassen.

Die Fähigkeit, Fragen zu stellen, den Wunsch, zu lernen und einer Sache wirklich auf den Grund zu gehen, sieht Lukas als ein hohes Gut an. In seiner Einleitung zum Evangelium legt er diese Grundvoraussetzung seiner Forschungsarbeit in Sachen Jesusbiographie offen: „…habe auch ich es für gut erachtet, es für dich der Reihe nach aufzuschreiben, nachdem ich alles ganz genau von seinem Anfang an untersucht habe, damit du die Zuverlässigkeit der Berichte und Aussagen erkennst, in denen du unterrichtet worden bist.“ (Lukas 1, 3-4) Diese quasi wissenschaftliche Methode, alles genau vom Anfang an zu untersuchen, verwendet Lukas, um Gewissheit erlangen und weitergeben zu können.

Echte Wissenschaft lebt vom Fragen und Nachfragen. Wirkliche Wissenschaft ist ergebnisoffen. Wahre Wissenschaftlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie an der Wahrheit interessiert ist. Sie will die Wirklichkeit ergründen, selbst, wenn diese die bisherigen Vorstellungen und eigenen Überzeugungen über den Haufen wirft.

Denkfaulheit und Denkverbote

Dass das unbequem ist, liegt auf der Hand. Es ist leichter, auf althergebrachten Meinungen zu verharren. Diese Einstellung führt schnell zu Denkfaulheit und manchmal sogar zu Denkverboten. Wirklich klar und folgerichtig zu denken, und erst recht umzudenken, neu zu denken, erfordert Einsatz, Bescheidenheit und Kraft. Und vor allem den unbedingten Willen zur Wahrheit, selbst wenn sie sich gegen mich selbst und meine bisherigen Positionen richten sollte.

Leider, so scheint es mir, ist unsere Zeit nicht besonders stark in diesen Tugenden. Denn häufig scheint die jeweils vorherrschende Mehrheitsmeinung eine Art innewohnender Selbstevidenz zu besitzen. Und wer genau hinschaut, entdeckt, wie – nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik und in anderen öffentlichen Bereichen – Statistiken so zurechtgestutzt werden, dass sie passen, und Forschungsaufträge so vergeben wurden, dass man sicher sein konnte, genau das Ergebnis zu bekommen, das einem von vorn herein angenehm war.

Die Gefahr von solchen sich immer neu selbst bestätigenden Meinungsschleifen liegt jedoch auf der Hand: Irgendwann verliert man den Anschluss an neue Entdeckungen und Argumente und somit schließlich den Bezug zur Wirklichkeit. „Dass nicht sein kann, was nicht sein darf“ war noch nie ein guter Ratgeber. Auch die Theologie ist nicht vor solcher Selbstimmunisierung gefeit. Irgendwann überholt einen jedoch die Weiterentwicklung der Erkenntnis, und das, was als „letzter Schrei“ der jeweiligen Zeit galt, wird zum kaum noch hörbaren Seufzer.

Sowohl Denkfaulheit, also die Einstellung: „Damit wollen wir uns gar nicht erst beschäftigen“, als auch die Denkverbote, also die Haltung: „Das ist so absurd, damit wollen, müssen und dürfen wir uns nicht befassen…“ fahren irgendwann gegen die Wand. Denn, ganz gleich, wie lange es dauern mag, am Ende setzt sich immer die Wahrheit durch. Auf Dauer sind Tatsachen eben doch stärker als Theorien.

Vernünftiger Glaube?

Was bedeutet das jetzt alles für den Glauben, für unsere Wahrnehmung der Bibel, für die Frage nach Gott, für die Bewertung von Wundern und der ganzen Welt des Übernatürlichen? Auf jeden Fall das: Wir brauchen keinen „blinden“ Glauben, weder hergebrachte Traditionen und Meinungen, noch an die so genannte Wissenschaft. Stattdessen sind zwei Dinge angesagt: Eine Hermeneutik der Bescheidenheit und eine Versöhnung von Glauben und Denken.

Mit diesem zweiten will ich anfangen. Werner Heisenberg soll gesagt haben: „Der erste Schluck aus dem Becher der Wissenschaft führt zum Atheismus, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“ Selbst wenn, wie manche behaupten, diese Zitat nicht von ihm, dem deutschen Physiker, der 1932 den Nobelpreis für die Begründung der Quantenmechanik erhielt, stammen sollte, so ist es meiner Überzeugung nach richtig. Denn nur eine oberflächliche Wahrnehmung dessen, was wir „Wissenschaft“ nennen, führt uns von der Möglichkeit Gottes weg. Wenn wir den Dingen, die wir in der Welt um uns herum wahrnehmen, jedoch auf den Grund zu gehen versuchen, landen wir, schneller als gedacht, zumindest bei der Möglichkeit des Gottesglaubens, ja sogar bei der Plausibilität. Denn „von nichts kommt nichts“, und was ist, kommt von etwas. Oder, um es biblischer zu sagen, von „jemandem“. Und dieser „Jemand“ trägt einen Namen und hat ein Gesicht.

Die Versöhnung von Glauben und Denken ist gar nicht so schwer, wie es manchen erscheinen mag. Ja, dieses Zusammenspiel ist sogar notwendig, wenn wir Erkenntnisfortschritte erzielen wollen. Denn auch beim deduktiven Denken kommen wir immer wieder an Grenzen, an denen wir nur durch eine Annahme, einen „Sprung“ weiterkommen. Und erst, wenn wir über die Kluft gesprungen sind, können wir, sozusagen von der anderen Seite, die noch fehlenden Balken und Bretter über den Spalt legen, den wir soeben mutig überquert haben.

Vernünftig denken zu glauben und demütig glaubend zu denken, das ist die wirklich angemessene Möglichkeit, mit der wir Schritte voran tun können. Sowohl im „naturwissenschaftlichen“ und mathematischen Bereich als auch im philosophischen und theologischen Bereich.

Eine Hermeneutik der Demut

Die vor allem im Zusammenhang mit dem Bibelverständnis und der Bibelauslegung so genannte „Hermeneutik der Demut“ (Heinz-Peter Hempelmann) ist meiner Meinung auf viele, wenn nicht alle, Wissenschafts- und Erkenntnisbereiche anwendbar. Ja, solch eine Vorgehensweise, die die eigene Begrenztheit zu Wissen und zu Erkennen von vorn herein mit in die Überlegungen hinein nimmt, ist überhaupt als wirklich „wissenschaftlich“ anzusehen. Denn nur, wenn ich meinen möglichen Irrtum mit hineindenke, werde ich offen sein für Erkenntniszuwachs, für neue Aspekte und Schlussfolgerungen.

Gerade diese notwendige Demut begegnet jedoch auch bei Hochgebildeten nicht immer. Das ist sicher psychologisch erklärbar. Wenn ich häufig „richtig liege“ und schneller als andere bei den richtigen Ergebnissen angelange, kann sich in mir – vielleicht auch zunächst nur subtil und verborgen – die Überzeugung breit machen, dass ich auch diesmal Recht habe. Doch, wie das Buch der Sprüche sagt: „Weisheit erwerben ist besser als Gold und Einsicht erwerben edler als Silber….Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.“ (Sprüche 16, 16.18)

Des Kaisers neue Kleider?

So bleibt es mir am Ende zu sagen: Ich muss nicht bei jeder neuen Mode mitmachen. Manche Meinungstrends und neuste Erkenntnisse  versinken ebenso schnell in der Grube des Vergessens, wie sie aufgetaucht sind. Und manches prächtige Gedankengespinst und manche mächtige Meinungsmode erweisen sich also ebenso irreal wie „das Kaisers neue Kleider“. Manchmal braucht es nur die Stimme eines Kindes: „Der hat ja gar nichts an!“ um den Spuk zu verscheuchen. Und könnte es sein, dass am Ende hier die größere Wahrheit zu finden ist: „Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ (Jesaja 40. 6.8)

Vom Erkennen zum Gebet

Das Wissen um die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit kann uns in die Verzweiflung oder auch in den Zynismus treiben. Matthias Claudius jedoch lädt uns ein auf einen anderen Weg. Es ist die Bitte an Gott, dass er sich unser annehmen möge. Gebet ist der stärkste Ausdruck von Demut und von Vertrauen zugleich. Gebet ist die Öffnung unserer begrenzten Person hin zu ihm, der uns unendlich übersteigt und uns zugleich, so bezeugt es uns die Heilige Schrift, unendlich liebt. In ihm finden Glaube und Denken ihren festen Ankerpunkt. Und seine Gedanken über uns sind Gedanken des Friedens und des Heils: „Gott, lass dein Heil uns schauen, auf nichts Vergänglich‘s trauen, nicht Eitelkeit uns freu‘n; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.“

Dr. phil. Dr. theol. Roland Werner, Marburg

Christentum in Nubien

Christentum in Nubien.

Ich freue mich, dass meine kirchengeschichtliche Arbeit über Nubien jetzt langsam wahrgenommen wird. Im Sudan lebte über 1000 Jahre eine einheimische Kirche, die heute fast vollständig vergessen ist.

Diese Rezension meiner kirchengeschichtlichen Dissertation über das (immer noch) selbst in Fachkreisen ziemlich unbekannte Christentum in Nubien auf der Internetseite „Christian Orient“ kann gegen dieses Vergessen helfen.
Zitat aus der Rezension:
„Es ist die erste Darstellung im deutschsprachigen Raum, die versucht, alle Ergebnisse der Forschungen zum nubischen Christentum zusammenzufassen und so ein Gesamtbild dieser recht unbekannten Kirche zu erstellen. Der Autor gründet seine Darstellung auf archäologische Ergebnisse auf textliche Untersuchungen sowie auf bildlichen Darstellungen. Dabei ist der Autor bemüht, alle bisher bekannten Ergebnisse zusammenzufassen. Dem Autor ist es so gelungen, einen umfassenden und zugleich detaillierten Einblick in die Geschichte und in das Leben der nubischen Kirche zu geben. Das hier noch viele Lücken bestehen ist kein Mangel der Untersuchung, sondern zeigt, dass noch weite Gebiete der nubischen Kirchengeschichte erforscht werden müssen. Das Werk ist nicht nur als Einführung in das nubische Christentum geeignet, sondern kann auch als Nachschlagewerk hierzu genutzt werden.“

Das Christentum in Nubien. Geschichte und Gestalt einer afrikanischen Kirche

Komm, Geist der Freiheit!

Komm, Geist der Freiheit

Komm, starker Wind

Löse die Fesseln

Bis frei wir sind.

 

Komm, Geist der Wahrheit

Komm, starker Wind

Durchleuchte das Denken

Bis wahr wir sind.

 

Komm, Geist der Freude

Komm, starker Wind

Öffne die Augen

Bis froh wir sind.

 

Komm, Geist der Liebe

Komm, starker Wind

Wärme die Herzen

Bis treu wir sind.

 

Komm, Geist von Jesus

Komm, starker Wind

Zeig uns den Vater

Bis heil wir sind.

 

© Roland Werner, Pfingsten 2015

Streit unter Christen? Ein Aufruf zu Fairness und Besonnenheit

Streit unter Christen? Ein Aufruf zu Fairness und Besonnenheit

Vor 2 Wochen habe ich ein Editorial für idea-Spektrum zu diesem Thema geschrieben. Diesen Text möcht ich hier noch einmal leicht erweitert, wiedergeben. Ich versuche hier nicht, auf alle Sachfragen des gegenwärtigen Streits einzugehen, sondern grundsätzlich etwas über unsere Streitkultur zu sagen.

Voranschicken möchte ich zwei Zitate, eins von aus dem Brief von Paulus an die Philipper und eins von Rosa Luxemburg.

Paulus ermahnt seine Mitchristen:

Was gibt es sonst noch zu sagen, liebe Geschwister?
Alles, was wahrhaftig ist und Respekt gebietet,
alles, was wirklich gerecht ist und ohne falsche Motive,
alles, was es sich lohnt zu lieben und zu loben,
sei es eine gute Eigenschaft
oder vorbildliches Verhalten –
beschäftigt euch mit solchen Dingen!
Dies alles habt ihr ja von mir gelernt und als verbindlich übernommen.
Ihr habt es von mir gehört und in meinem Verhalten gesehen. So setzt es
in die Tat um! Dann wird Gott, dessen Wesen Friede ist, mit euch sein!

(Brief an die Philipper 4, 7-9)

Rosa Luxemburg schreibt:

„“Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. “

Wenn Christen streiten

(Editorial Idea-Spektrum 30.12.2015)

Was soll man bloß macen, wenn Streit in der christlichen Gemeinde ausbricht? Ist das eine Katastrophe – oder vielleicht auch eine Chance? Ein Freund erzählte von einer Gemeinde in Amerika. Sie hatten 800 Mitglieder, und einiges an Geld gespart. Man beschloss, den Kirchsaal zu renovieren. Ein großes Wandgemälde sollte her, die Erschaffung von Adam und Eva. Doch dann brach ein Streit aus: Sollte Adam mit oder ohne Bauchnabel gemalt werden? Die Einen argumentierten: „Natürlich ohne! Denn er wurde ist ja nicht abgenabelt, sondern direkt von Gott erschaffen!“ Die anderen hielten dagegen: „Adam ist der Vater aller Menschen, und uns deshalb gleich. Also hatte er auch einen Bauchnabel!“ Der Streit eskalierte, und schließlich spaltete sich die Gemeinde. Es entstanden zwei, jeweils mit…, ja, 200 Mitgliedern. Was war mit den anderen? Irgendwo waren sie im Verlauf des Streits auf der Strecke geblieben.

Das ist die Gefahr, wenn Christen streiten, zumal, wenn das öffentlich geschieht. Das eine Wort führt zum andern, der eine Vorwurf zum nächsten, und bald gerät das Ganze außer Kontrolle. Mancher Streit erinnert an die Szene in Ephesus: „Die einen schrien dies, die andern das, die Versammlung war in Verwirrung, und die meisten wussten nicht, warum sie zusammengekommen waren.“ (Apg 19, 32) Öffentlicher Streit kann zu öffentlicher Empörung und Entzweiung führen, und endet meist erst dann, wenn alle ermüdet zusammensinken. Ob damit wirklich etwas gewonnen ist?

Heißt das, dass Christen nicht streiten dürften? Nein, schon im Neuen Testament wird uns von Auseinandersetzungen unter den Jesusjüngern berichtet. Paulus und Barnabas „kamen hart aneinander und trennten sich“ (Apg 15, 37), Paulus konfrontierte Petrus öffentlich (Gal 2, 14). Doch, Streit darf sein, und muss sein, wenn es um den Inhalt des Evangeliums geht. Wie gesagt, nicht um persönliche Eitelkeiten oder Verletzungen. Da soll man lieber den „unteren Weg“ gehen. Doch streiten, und zur Not auch öffentlich, darf und muss sein, wenn es um das Evangelium selbst geht, um die Ehre Gottes, um den „den Glauben, der ein für alle Mal den Heiligen überliefert ist.“ (Judas 3)

Doch wie sollen und dürfen Christen streiten? Auf jeden Fall fair und mit Respekt. Mit Augenmaß und Höflichkeit. Mit Sachargumenten und nicht mit Unterstellungen, Beleidigungen, Abwertungen oder verzerrten Darstellungen der Gegenseite. Und vor allem im geschwisterlichen Geist, in dem Wissen: Das, was uns vereint, ist mehr, als das, was uns trennt. Streit muss sein, wenn es um das Evangelium geht, um das Wort Gottes und um die Konsequenzen, auch die ethischen, die wir als Nachfolger von Jesus ziehen müssen. Aber bitte mit Augenmaß! Und mit dem Gebet für unsere „Gegner“ und der Bitte um den Geist, der uns „in alle Wahrheit leitet.“

Nachtrag: 9.1.2016)

Die Fairness im Streit scheint vielen Zeitgenossen, besonders in den sozialen Medien, schwer zu fallen.

Wir sollten immer unterscheiden zwischen Sache und Person. In einer Sache können und sollen wir uns, wenn nötig auch deutlich und klar, auseinandersetzen und streiten.

Aber die Würde der Person, auch des Andersdenkenden, muss immer gewahrt bleiben.

Das bedeutet unter anderem, dass ich ihm/ihr nicht falsche, böse, unwahre Motive unterstelle

Das bedeutet auch, dass ich nicht alles ungeprüft glaube, was mir berichtet wird. Wir sollten zumindest die alte Regel beachten: „audeatur et altera pars“ – „Auch die andere Seite muss gehört werden!“

Das bedeutet für uns als Christen vor allem, dass wir mindestens so viel für unseren „Gegner“ beten, wie wir über ihn sprechen oder schreiben.

Das bedeutet, dass wir das Gebot, „kein falsches Zeugnis zu reden“ sehr ernst nehmen. Der Leumund eines Menschen ist schnell beschädigt oder zerstört. Wenn es uns selbst trifft, merken wir erst einmal, wie giftig solche „Pfeile“ sein können: Vermutungen, Verdächtigungen, Halbwahrheiten, Gerüchte und vieles mehr.

Im YOUBE (Evangelischer Jugendkatechismus, fontis-Verlag 2015) haben wir das so formuliert:

„Das achte Gebot:

Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.

  1. Mose 20,16

Und selbst die großen Schiffe, die nur von starken Winden vorangetrieben werden können, lenkt der Steuermann mit einem kleinen Ruder, wohin er will. Genauso ist es mit unserer Zunge. So klein sie auch ist, so groß ist ihre Wirkung! Ein kleiner Funke setzt einen ganzen Wald in Brand.

Jakobus 3,4-5

Was bedeutet das für uns?

Das achte Gebot schützt das Leben des Menschen nach außen: seine „öffentliche Seite”, sein Ansehen und seinen Ruf. Martin Luther schreibt dazu: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum besten kehren.“

Häufig meinen wir, selbst besser da zu stehen, wenn wir andere Menschen abwerten. Es fällt uns leichter, über andere herzuziehen, als Gutes von ihnen zu reden. Das hat manchmal weitreichende Folgen. Gerade durch soziale Netzwerke wie Facebook kann das Ansehen eines Menschen in einem einzigen Augenblick beschädigt oder sogar zerstört werden. Negatives Reden oder das Weitererzählen von Fehlern und Schwächen wird blitzschnell zum Rufmord. Davor warnt uns Gott im achten Gebot.“

 

Also: Streiten – wenn es sein muss, ja!

Aber immer in Fairness und Besonnenheit.

Und so, dass wir wissen, dass wir für jedes Wort, das wir reden, Rechenschaft ablegen müssen vor Gott. (Vgl. Matthäus 12, 36)

Die Wahrheit muss immer in Liebe gesagt werden (Epheser 4, 15.25; 1. Korinther 13), nicht in Arroganz Häme, Verachtung, Besserwisserei oder Rechthaberei.

Und: Die Liebe bedeckt die Menge der Sünden. (Sprüche 10, 12; 1. Petrus 4, 8)

Roland Werner, 10. Januar 2016