We need some colour in the picture! – Oder: Jesus war kein Bleichgesicht.

We need some colour in the picture!

Oder: Jesus war kein Bleichgesicht!

Vor ein paar Jahren waren wir für ein paar Tage in Nairobi. Ich war an einem Buchprojekt für einen afrikanischen Verlag beteiligt, und der Herausgeber, Bill Anderson, ein über siebzig Jahre alter amerikanischer Pastor, der sein Leben in Afrika verbrachte hatte, hatte mich zu sich eingeladen. So flogen wir in die kenianische Hauptstadt. Während ich also am dem Manuskript arbeitete, konnte Elke zusammen mit Lois, Bills Frau, die Gegend unsicher machen. Sie wurden eingeladen, bei einer Frauenkonferenz als Gast dabei zu sein. Judy Mbugua, eine bekannte christliche Frauenrechtlerin, hatte gerade eine Kampagne gegen die Zwangsbeschneidung von Frauen angefangen. An diesem Morgen war auch das kenianische Fernsehen dabei, und Judy wollte die Chance nutzen, vor diesem großen Publikum die gesundheitlichen Gefahren der Beschneidung deutlich zu machen und Frauen zu ermutigen, aus ihren gesellschaftlichen Zwängen auszubrechen und ihre Töchter nicht mehr dieser Tortur zu unterziehen. Auf der Bühne saßen kenianische Frauen in ihren farbenfrohen Kleidern, darunter auch einige Masaifrauen, ihrer Tradition entsprechend über und über mit bunten Perlen behängt. Ein wunderschönes Bild. Aber für Judy war das noch nicht bunt genug. Schließlich war das Fernsehen da, und sie wollten den Zuschauern etwas bieten. So orderte sie Lois und Elke nach vorn mit der Aussage: „We need some colour in the picture!“ „Wir brauchen etwas Farbe im Bild!“ Die Bleichgesichter sollten also für die nötige Farbenvielfalt sorgen.

Was gewöhnlich ist und was als besonders exotisch angesehen wird, ist halt von Land zu Land und von Kontinent zu Kontinent verschieden. In Afrika sind wir Weißen die Ausnahmen. Beziehungsweise wir Roten. Denn in vielen afrikanischen Sprachen heißen die Europäer einfach „die Roten“. Das ist ja auch verständlich, denn meistens wird unsere Haut unter der hiesigen Sonne – ich schreibe diese Zeilen hier in Nordafrika – ganz schön gerötet.

Es stimmt, wir brauchen etwas Farbe im Bild! Gerade im Bild der christlichen Gemeinde. Bei uns in Deutschland hat man manchmal den Eindruck, dass die Christenheit monokulturell ist. Das heißt: Weiß, gesittet, einigermaßen gebildet, gut gestylt und vornehm zurückhaltend. Die Lieder werden mit ernster Miene gesungen, die Predigten sind gesetzt und korrekt und manchmal etwas moralisch verkrampft, die Gottesdienste sind minutenmäßig durchgeplant und all das reißt uns, ehrlich gesagt, nicht besonders vom Hocker. In Amerika, so sagt man, hatte man lange Zeit den Eindruck, Gott wäre eine „Wespe“ – bzw. a „WASP“ – „a White Anglo-Saxon Protestant“ – ein weißer, angelsächsischer Protestant. In Deutschland hat man manchmal den Eindruck, Gott wäre ein weißhaariger deutscher Universitätsprofessor. Auf jeden Fall reden wir häufig so gestochen in der Kirche, als befänden wir uns gerade in einem Bewerbungsgespräch oder bei einer Diplomprüfung. Entsprechend angespannt ist unsere Haltung, entsprechend unentspannt sind wir in der Kirche.

Wir brauchen etwas Farbe im Bild! Wir brauchen den Kontakt mit den ausländischen Gemeinden bei uns. Inzwischen gibt es allein im Ruhrgebiet mehrere hundert fremdsprachige Gemeinden, die zumeist von uns völlig unbeachtet und unbemerkt ihre Gottesdienste feiern. Ghanaische, indonesische, philippinische, koreanische, indische, nigerianische, äthiopische, jüdische, italienische, spanische, eritreische, persische, türkische, chinesische, arabische, kurdische und viele andere Gemeinden. Daneben noch große Gemeinden von Sinti und Roma, und nicht wenige russlanddeutsche Aussiedlergemeinden.

Wer von uns war schon einmal in einer solchen Gemeinde? Wer hat schon einmal miterlebt, wie inbrünstig die Afrikaner für uns Deutsche beten? Denn nachdem sie den ersten Schock überwunden haben, dass das Land der Reformation, von dem sie so viel Gutes empfangen haben, viel weniger christlich als ihre Heimat ist, fangen sie an, Deutschland als Missionsland zu begreifen und nach Wegen zu suchen, unsere entkirchlichten Landsleute für Jesus zu gewinnen.

Und wer von uns hat schon mal solche Mitchristen aus anderen Ländern bei uns in der Gemeinde auf die Bühne oder in die erste Reihe geholt? Wir brauchen etwas Farbe im Bild! Wir brauchen sogar sehr viel Farbe im Bild! Denn das ist eine der großen Chancen für die Evangelisation in unserem Land, wenn sichtbar wird, dass die Gemeinde Jesu eine bunte, multikulturelle Gemeinschaft ist, in der Vielfalt und Vielfarbigkeit gefeiert wird und wir trotz Verschiedenheit eins sind in Christus.

Wenn wir aber Jesus als Bleichgesicht darstellen, sollten wir uns nicht wundern, wenn unsere Mitmenschen unseren Glauben für etwas blutleer halten. We need some colour!

In diesem Sinn grüßt Euch herzlich

Euer Roland

PS: Dieser Text stammt aus dem Jahr 2007, ich finde aber, er ist immer noch aktuell. Deshalb habe ich ihn neu gepostet.

Nur der halbe Mond! – Von den Grenzen der Erkenntnisfähigkeit

Nur der halbe Mond! – Von den Grenzen der Erkenntnisfähigkeit

„Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen, und ist doch rund und schön. So sind gar manchen Sachen, die wir getrost belachen, weil uns’re Augen sie nicht seh’n.“ (Matthias Claudius)

Das, was der „Wandsbeker Bote“ auf seine herrlich klug-naive Weise formuliert hat, bleibt auch heute, gut 200 Jahre nach seinem Tod, eine notwendige und hochaktuelle Seitennotiz auf die Wissenschaftsgläubigkeit, die offenbar weite Teile unserer Gesellschaft erfasst hat.

Naive Wissenschaftsgläubigkeit?

„Die Wissenschaft hat festgestellt…“ In wie vielen Diskussionen habe ich diesen Satz in den unterschiedlichsten Variationen schon gehört! Eine beliebte Version ist auch: „Wie wir heute aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse wissen…“ Und meist hält der Gesprächspartner damit dann das Gespräch für beendet bzw. seinen Punkt für bewiesen. Dabei  fängt aus meiner Sicht da die Diskussion erst richtig an. Denn dazu hätte ich eine Reihe von Fragen, z.B.: „Woher weißt du das? Kannst du das belegen? Wie ist gerade der genaue Stand der wissenschaftlichen Diskussion an dieser Stelle?“ usw. usw. Meistens kneift der Gesprächspartner aber an dieser Stelle, denn so genau weiß er das, was er gerade noch mit großer Vehemenz behauptet hat, dann doch nicht.

Wie fest ist eigentlich die vielbeschworene wissenschaftliche Erkenntnis? Wer in irgendeinem beliebigen Wissenschaftsgebiet, sei es in den Naturwissenschaften, den Sozialwissenschaften, der Theologie oder sonst wo die Entwicklung allein der letzten 30 Jahre, 50 Jahre oder gar 100 Jahre verfolgt, erkennt, dass kaum ein Stein auf dem anderen geblieben ist. Mit dem Schlagwort: „Die Wissenschaft hat festgestellt“ lässt sich also nicht wirklich viel Staat machen. Denn „die“  Wissenschaft gibt es überhaupt nicht, sondern maximal einen gegenwärtigen Stand von Erkenntnis, angereichert durch Theorien und Vermutungen. Und: Die wissenschaftliche Diskussion ist nie abgeschlossen. Manches, was wir vor wenigen Jahren noch für unmöglich und absurd hielten, ist jetzt klar und bewiesen. Anderes, was wir für absolut fest hielten, muss jetzt ein dickes Fragezeichen tragen. Matthias Claudius mahnt nicht ohne Grund: „So sind gar manche Sachen, die wir getrost belachen, weil unsre Augen sie nicht seh’n!“ Die feine Ironie bei dem Wörtchen „getrost“ hatte Claudius bewusst eingebaut. Denn ob wir mit unserer neuzeitlichen  Wissenschaftsgläubigkeit ganz bei Trost ist oder nicht, müsste noch einmal wissenschaftlich untersucht werden.

Wissenschaftliche Bescheidenheit

Ja, der Mond ist wirklich nur halb zu sehen! Und ich habe bei mir selbst den Eindruck, dass ich noch nicht einmal diese Hälfte richtig sehen und verstehen kann. Ich kenne mich in vielen Wissenschaftsgebieten nicht wirklich aus. Genau genommen kenne ich mich überhaupt in nur sehr wenigen Gebieten ein bisschen aus. Andere faszinieren mich zwar, sind mir jedoch mangels Zeit, Intelligenz und Förderung bislang verschlossen geblieben und werden es wohl auch mein Leben lang bleiben. Was zum Beispiel „Schwarze Löcher“ im Weltraum sind, vermag mein begrenztes Hirn nicht zu erfassen. Was die Gravitationswellen sein mögen, und die Raum-Zeit-Krümmung, ja, wie das im Einzelnen beim Urknall war und warum sich das Universum mit ständig zunehmender Geschwindigkeit ausbreitet, hat sich mir auch noch nicht erschlossen. Wissenslücken und Verständniskluften bauen sich gähnend vor mir auf, wenn ich an Astrophysik, Kernphysik, Chemie und Biologie denke. In Mathematik war ich in der Oberstufe abgehängt, zumal ich durch einen Amerikaaufenthalt ein Jahr im deutschen Gymnasium übersprungen habe und dadurch die Grundlagen der höheren Mathematik nicht mitbekommen hatte. Dort in den USA hatte ich statt dessen Schreibmaschineschreiben, Schwedisch, Französisch, Folk-Guitar, Gesundheitserziehung, englische Literatur und nicht zuletzt Geschichte der Vereinigten Staaten lernen dürfen. Alles auch nett und wissenswert. Aber nicht wirklich zuträglich für meine naturwissenschaftliche Bildung.  Da klaffen gähnende Lücken… Und so könnte ich fortfahren. Mein Fazit: Es gibt unendliche Dinge, ja ganze Wissensgebiete, über die ich nichts weiß.

Inseln im Meer der Ahnungslosigkeit

Wenden wir uns jetzt den Gebieten zu, wo ich mich etwas auskenne. Zum Beispiel Sprachen. Ich habe mich in meinem Leben mit insgesamt gut 40 Sprachen etwas näher befasst. Etwa acht oder neun spreche ich leidlich oder ganz gut, weitere sieben oder acht kann ich lesen und verstehen, die anderen habe ich vergessen. In meinem Fachgebiet, der Afrikanistik, bin ich einer der Spezialisten für nubische Sprachen, insgesamt kennen sich weltweit vielleicht zehn Wissenschaftler etwas besser in diesen Sprachen aus. Zu denen gehöre ich. Mit anderen Worten: Ich bin ein Fachidiot. Denn allein in Afrika werden gegenwärtig zwischen 1.200 und 2.100 Sprachen gesprochen. Der Versuch, diese Sprachen zu lernen, übersteigt nicht nur die Kapazität, sondern auch die Lebenszeit eines einzelnen Menschen unendlich. Und weltweit gibt es an die 7.000 bekannte gegenwärtig gesprochene Sprachen.

Mit anderen Worten: Selbst in einem meiner Spezialgebiete, der Afrikanistik, kann ich höchstens winzige Inseln des Wissens in einem ansonsten unüberschaubar weiten Meer der Ahnungslosigkeit ausmachen. Ähnlich  ist es bei einem anderen Fachgebiet, dem Neuen Testament. Ja, ich habe es sicher über 40 Mal gelesen, ja, ich habe es übersetzt, einmal ins Deutsche, und ein zweites Mal in eine nordafrikanische Sprache. Kenne ich deswegen das Neue Testament? Ja und Nein. Ich weiß viel, sicher. Aber das, was ich nicht weiß, übersteigt auch hier mein Wissen unendlich. Immer wieder stoße ich beim Lesen und Studieren auf Zusammenhänge, die ich bisher übersehen habe, entdecke Dinge, die ich noch nicht wusste, stehe vor Fragen, die ich nicht beantworten kann.

Wir stolzen Menschenkinder

Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.“ Die Analyse unseres Liederdichters ist deutlich und gefällt uns nicht wirklich. Kein Wunder, dass diese Strophe des beliebten Volkslieds beim Singen häufig ausgelassen wird. Wer will sich schon so selbst charakterisieren, als „armer Sünder“, der „gar nicht viel weiß“? Doch Matthias Claudius lässt nicht locker, sondern hält uns den Spiegel vor: Unsere theoretischen Gedankengebäude und manche „Kunst“ stehen in der Gefahr, uns nur weiter weg vom Ziel zu bringen.

Für seine leichte, nicht wirklich bissige, aber immer stark geerdete Ironie war der Wandsbeker Bote gefürchtet. Stieß er doch die spitze Nadel der Realitätsprüfung in so manchen aufgeblasenen Ballon. Den melodramatischen, von Narzissmus getriebenen und den Selbstmord verherrlichenden Roman „Die Leiden des jungen Werther“ von Goethe, der überall in Europa gefeiert wurde und manche jungen Menschen zu Suizidversuchen anreizte – der so genannte „Werther-Effekt“ – kommentierte Claudius mit einem bloßen Vierzeiler: „Nun mag ich auch nicht länger leben, vergällt ist mir des Tages Licht! Denn sie hat Franze Kuchen geben, mir aber nicht!“ Kein Wunder, dass Goethe, so wird berichtet, „not amused“ über diese kurze und ironische Zusammenfassung seines Jahrhundertwerks war.

Der Stolz als Hindernis auf dem Weg des Erkenntnisgewinns ist ein nicht häufig behandeltes Thema. Und doch ist diese Tatsache nicht zu leugnen: Wer Wissen erwerben will, muss seinen Stolz überwinden und bereit sein, zu lernen. Angeblich tun sich manche Männer schwer damit, den Weg in einer unbekannten Stadt zu erfragen. Etwas nicht zu wissen, bedeutet ja möglicherweise, eine Schwäche zuzugeben. „Wissen ist Macht…. So sagt es der Volksmund. Bedeutet dann „Nicht-Wissen“ auch Ohnmacht? Eins ist jedoch klar: Wer Wissenszuwachs will, muss lernbereit sein.

Die Fähigkeit zu fragen

Von den Bewohnern in der mazedonischen Stadt Beröa berichtet Lukas in seiner Apostelgeschichte: „Diese waren vornehmer als die Leute in Thessalonich. Sie nahmen die Botschaft mit aller Bereitwilligkeit auf und durchforschten Tag für Tag das Buch Gottes, um herauszufinden, ob das wirklich so ist.“ (Apg 17, 11, dasbuch.). Lernbereitschaft als Kennzeichen von Noblesse, das ist doch mal etwas! Lukas macht hier einen kleinen Seitenhieb auf die Thessalonicher und auf alle, die, anstatt eine Sache genau zu untersuchen, sich von Vorurteilen, von vorgefertigten Meinungen und von Selbstgefälligkeit leiten lassen.

Die Fähigkeit, Fragen zu stellen, den Wunsch, zu lernen und einer Sache wirklich auf den Grund zu gehen, sieht Lukas als ein hohes Gut an. In seiner Einleitung zum Evangelium legt er diese Grundvoraussetzung seiner Forschungsarbeit in Sachen Jesusbiographie offen: „…habe auch ich es für gut erachtet, es für dich der Reihe nach aufzuschreiben, nachdem ich alles ganz genau von seinem Anfang an untersucht habe, damit du die Zuverlässigkeit der Berichte und Aussagen erkennst, in denen du unterrichtet worden bist.“ (Lukas 1, 3-4) Diese quasi wissenschaftliche Methode, alles genau vom Anfang an zu untersuchen, verwendet Lukas, um Gewissheit erlangen und weitergeben zu können.

Echte Wissenschaft lebt vom Fragen und Nachfragen. Wirkliche Wissenschaft ist ergebnisoffen. Wahre Wissenschaftlichkeit zeichnet sich dadurch aus, dass sie an der Wahrheit interessiert ist. Sie will die Wirklichkeit ergründen, selbst, wenn diese die bisherigen Vorstellungen und eigenen Überzeugungen über den Haufen wirft.

Denkfaulheit und Denkverbote

Dass das unbequem ist, liegt auf der Hand. Es ist leichter, auf althergebrachten Meinungen zu verharren. Diese Einstellung führt schnell zu Denkfaulheit und manchmal sogar zu Denkverboten. Wirklich klar und folgerichtig zu denken, und erst recht umzudenken, neu zu denken, erfordert Einsatz, Bescheidenheit und Kraft. Und vor allem den unbedingten Willen zur Wahrheit, selbst wenn sie sich gegen mich selbst und meine bisherigen Positionen richten sollte.

Leider, so scheint es mir, ist unsere Zeit nicht besonders stark in diesen Tugenden. Denn häufig scheint die jeweils vorherrschende Mehrheitsmeinung eine Art innewohnender Selbstevidenz zu besitzen. Und wer genau hinschaut, entdeckt, wie – nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Politik und in anderen öffentlichen Bereichen – Statistiken so zurechtgestutzt werden, dass sie passen, und Forschungsaufträge so vergeben wurden, dass man sicher sein konnte, genau das Ergebnis zu bekommen, das einem von vorn herein angenehm war.

Die Gefahr von solchen sich immer neu selbst bestätigenden Meinungsschleifen liegt jedoch auf der Hand: Irgendwann verliert man den Anschluss an neue Entdeckungen und Argumente und somit schließlich den Bezug zur Wirklichkeit. „Dass nicht sein kann, was nicht sein darf“ war noch nie ein guter Ratgeber. Auch die Theologie ist nicht vor solcher Selbstimmunisierung gefeit. Irgendwann überholt einen jedoch die Weiterentwicklung der Erkenntnis, und das, was als „letzter Schrei“ der jeweiligen Zeit galt, wird zum kaum noch hörbaren Seufzer.

Sowohl Denkfaulheit, also die Einstellung: „Damit wollen wir uns gar nicht erst beschäftigen“, als auch die Denkverbote, also die Haltung: „Das ist so absurd, damit wollen, müssen und dürfen wir uns nicht befassen…“ fahren irgendwann gegen die Wand. Denn, ganz gleich, wie lange es dauern mag, am Ende setzt sich immer die Wahrheit durch. Auf Dauer sind Tatsachen eben doch stärker als Theorien.

Vernünftiger Glaube?

Was bedeutet das jetzt alles für den Glauben, für unsere Wahrnehmung der Bibel, für die Frage nach Gott, für die Bewertung von Wundern und der ganzen Welt des Übernatürlichen? Auf jeden Fall das: Wir brauchen keinen „blinden“ Glauben, weder hergebrachte Traditionen und Meinungen, noch an die so genannte Wissenschaft. Stattdessen sind zwei Dinge angesagt: Eine Hermeneutik der Bescheidenheit und eine Versöhnung von Glauben und Denken.

Mit diesem zweiten will ich anfangen. Werner Heisenberg soll gesagt haben: „Der erste Schluck aus dem Becher der Wissenschaft führt zum Atheismus, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“ Selbst wenn, wie manche behaupten, diese Zitat nicht von ihm, dem deutschen Physiker, der 1932 den Nobelpreis für die Begründung der Quantenmechanik erhielt, stammen sollte, so ist es meiner Überzeugung nach richtig. Denn nur eine oberflächliche Wahrnehmung dessen, was wir „Wissenschaft“ nennen, führt uns von der Möglichkeit Gottes weg. Wenn wir den Dingen, die wir in der Welt um uns herum wahrnehmen, jedoch auf den Grund zu gehen versuchen, landen wir, schneller als gedacht, zumindest bei der Möglichkeit des Gottesglaubens, ja sogar bei der Plausibilität. Denn „von nichts kommt nichts“, und was ist, kommt von etwas. Oder, um es biblischer zu sagen, von „jemandem“. Und dieser „Jemand“ trägt einen Namen und hat ein Gesicht.

Die Versöhnung von Glauben und Denken ist gar nicht so schwer, wie es manchen erscheinen mag. Ja, dieses Zusammenspiel ist sogar notwendig, wenn wir Erkenntnisfortschritte erzielen wollen. Denn auch beim deduktiven Denken kommen wir immer wieder an Grenzen, an denen wir nur durch eine Annahme, einen „Sprung“ weiterkommen. Und erst, wenn wir über die Kluft gesprungen sind, können wir, sozusagen von der anderen Seite, die noch fehlenden Balken und Bretter über den Spalt legen, den wir soeben mutig überquert haben.

Vernünftig denken zu glauben und demütig glaubend zu denken, das ist die wirklich angemessene Möglichkeit, mit der wir Schritte voran tun können. Sowohl im „naturwissenschaftlichen“ und mathematischen Bereich als auch im philosophischen und theologischen Bereich.

Eine Hermeneutik der Demut

Die vor allem im Zusammenhang mit dem Bibelverständnis und der Bibelauslegung so genannte „Hermeneutik der Demut“ (Heinz-Peter Hempelmann) ist meiner Meinung auf viele, wenn nicht alle, Wissenschafts- und Erkenntnisbereiche anwendbar. Ja, solch eine Vorgehensweise, die die eigene Begrenztheit zu Wissen und zu Erkennen von vorn herein mit in die Überlegungen hinein nimmt, ist überhaupt als wirklich „wissenschaftlich“ anzusehen. Denn nur, wenn ich meinen möglichen Irrtum mit hineindenke, werde ich offen sein für Erkenntniszuwachs, für neue Aspekte und Schlussfolgerungen.

Gerade diese notwendige Demut begegnet jedoch auch bei Hochgebildeten nicht immer. Das ist sicher psychologisch erklärbar. Wenn ich häufig „richtig liege“ und schneller als andere bei den richtigen Ergebnissen angelange, kann sich in mir – vielleicht auch zunächst nur subtil und verborgen – die Überzeugung breit machen, dass ich auch diesmal Recht habe. Doch, wie das Buch der Sprüche sagt: „Weisheit erwerben ist besser als Gold und Einsicht erwerben edler als Silber….Wer zugrunde gehen soll, der wird zuvor stolz; und Hochmut kommt vor dem Fall.“ (Sprüche 16, 16.18)

Des Kaisers neue Kleider?

So bleibt es mir am Ende zu sagen: Ich muss nicht bei jeder neuen Mode mitmachen. Manche Meinungstrends und neuste Erkenntnisse  versinken ebenso schnell in der Grube des Vergessens, wie sie aufgetaucht sind. Und manches prächtige Gedankengespinst und manche mächtige Meinungsmode erweisen sich also ebenso irreal wie „das Kaisers neue Kleider“. Manchmal braucht es nur die Stimme eines Kindes: „Der hat ja gar nichts an!“ um den Spuk zu verscheuchen. Und könnte es sein, dass am Ende hier die größere Wahrheit zu finden ist: „Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.“ (Jesaja 40. 6.8)

Vom Erkennen zum Gebet

Das Wissen um die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit kann uns in die Verzweiflung oder auch in den Zynismus treiben. Matthias Claudius jedoch lädt uns ein auf einen anderen Weg. Es ist die Bitte an Gott, dass er sich unser annehmen möge. Gebet ist der stärkste Ausdruck von Demut und von Vertrauen zugleich. Gebet ist die Öffnung unserer begrenzten Person hin zu ihm, der uns unendlich übersteigt und uns zugleich, so bezeugt es uns die Heilige Schrift, unendlich liebt. In ihm finden Glaube und Denken ihren festen Ankerpunkt. Und seine Gedanken über uns sind Gedanken des Friedens und des Heils: „Gott, lass dein Heil uns schauen, auf nichts Vergänglich‘s trauen, nicht Eitelkeit uns freu‘n; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.“

Dr. phil. Dr. theol. Roland Werner, Marburg

Christentum in Nubien

Christentum in Nubien.

Ich freue mich, dass meine kirchengeschichtliche Arbeit über Nubien jetzt langsam wahrgenommen wird. Im Sudan lebte über 1000 Jahre eine einheimische Kirche, die heute fast vollständig vergessen ist.

Diese Rezension meiner kirchengeschichtlichen Dissertation über das (immer noch) selbst in Fachkreisen ziemlich unbekannte Christentum in Nubien auf der Internetseite „Christian Orient“ kann gegen dieses Vergessen helfen.
Zitat aus der Rezension:
„Es ist die erste Darstellung im deutschsprachigen Raum, die versucht, alle Ergebnisse der Forschungen zum nubischen Christentum zusammenzufassen und so ein Gesamtbild dieser recht unbekannten Kirche zu erstellen. Der Autor gründet seine Darstellung auf archäologische Ergebnisse auf textliche Untersuchungen sowie auf bildlichen Darstellungen. Dabei ist der Autor bemüht, alle bisher bekannten Ergebnisse zusammenzufassen. Dem Autor ist es so gelungen, einen umfassenden und zugleich detaillierten Einblick in die Geschichte und in das Leben der nubischen Kirche zu geben. Das hier noch viele Lücken bestehen ist kein Mangel der Untersuchung, sondern zeigt, dass noch weite Gebiete der nubischen Kirchengeschichte erforscht werden müssen. Das Werk ist nicht nur als Einführung in das nubische Christentum geeignet, sondern kann auch als Nachschlagewerk hierzu genutzt werden.“

Das Christentum in Nubien. Geschichte und Gestalt einer afrikanischen Kirche

Komm, Geist der Freiheit!

Komm, Geist der Freiheit

Komm, starker Wind

Löse die Fesseln

Bis frei wir sind.

 

Komm, Geist der Wahrheit

Komm, starker Wind

Durchleuchte das Denken

Bis wahr wir sind.

 

Komm, Geist der Freude

Komm, starker Wind

Öffne die Augen

Bis froh wir sind.

 

Komm, Geist der Liebe

Komm, starker Wind

Wärme die Herzen

Bis treu wir sind.

 

Komm, Geist von Jesus

Komm, starker Wind

Zeig uns den Vater

Bis heil wir sind.

 

© Roland Werner, Pfingsten 2015